„Vernünftige Menschen arbeiten nicht in der Gastronomie.“

DSC01390Diesen Satz haute mir Holger Kochs (von der Band Pale) um die Ohren, als wir uns auf der Hamburger Reeperbahn zu einem kleinen Interview trafen. Es ist schon Jahre her, trotzdem habe ich diese Aussage noch genau im Kopf. Und ich dachte nur: Verdammt, er hat recht! Aber was zum Teufel habe ich dann mit dieser Branche am Hut? Bin ich doch nicht so „vernünftig“ wie ich immer dachte? Und was zum Henker kann man sich überhaupt unter „vernünftig“ vorstellen? Wahrscheinlich hat da jeder Mensch, wie es nun so ist, seine eigene Antwort darauf. Gastronomie hatte mich nie interessiert. Und jetzt? Bin ich genau da gelandet. Herzlichen Glückwunsch!

Damals, als ich noch im Spreewald wohnte, hatte man jetzt nicht so die Möglichkeiten, sich jeden x-beliebigen Job auszusuchen. Und außerdem wusste ich nicht, in welche Richtung es gehen sollte. Was kann ich überhaupt? Wofür kann ich mich begeistern? Wer nimmt mich, wenn das Abschlußzeugnis nicht nur aus guten Noten besteht? Hat man da Chancen? Fragen über Fragen. Schlauer wurde ich trotzdem nicht.

Mach doch eine Ausbildung als Köchin. Dann hast du immerhin einen Abschluß in der Tasche.“

Tja. Schneller als ich gucken konnte wurde ich genommen. Leider. Eine schulische Ausbildung folgte. 3 Jahre lang gab es nur 92 Euro im Monat zu verdienen. Wir hatten fast 20 Ausbilder in dieser Zeit und die Abläufe machte wirklich JEDER anders. Wie soll man da auch was lernen, wenn man sich nach zwei Tagen schon an den neuen Ausbilder gewöhnen musste? Frechheit. Vergeudete Jahre, behaupte ich jetzt einfach mal. Ich durfte noch ein halbes Jahr ranhängen, da ich das erste Mal durch die praktische Prüfung rasselte. Herzlichen Glückwunsch, Teil zwei!

2010 zog es mich dann nach Hamburg in ein Hotel. Gastronomie. Remember: Vernünftige Menschen und so!  „Frühstückskoch“ die Bezeichnung, obwohl ich mit dem kochen im klassischen Sinne eher weniger am Hut habe. Wer ist da denn nur auf die Endung „Koch“ gekommen? Na? Na? Für mich völlig unverständlich!

Jedenfalls hat man dort, ob man nun will oder nicht, den ständigen Kontakt mit dem Gast. Diese können lustig sein, aber auch das ganze Gegenteil kann hin und wieder eintreten.

Nie werde ich zum Beispiel diesen einen Mann vergessen, der sich Spiegeleier bestellte. Da dies ja frisch auf die Grillplatte geschmettert wird, dauert es halt einige Minuten, eh das Eiweiß nicht mehr „wabbelt“ (welch ein wunderbares Wort). Während ich mich nebenbei um das restliche warme Bufett kümmerte, sah ich im Augenwinkel, wie der Herr immer nervöser wurde und ständig auf die Uhr schaute. Es wurde ungemütlich.

„Es ist doch schon fertig. Geben Sie mir das jetzt.“

„Nein, es ist noch nicht fertig.“

„Geben Sie mir das jetzt!“

Die übrigen Gäste, die das mitbekamen, schüttelten bereits den Kopf. Welch ein Tonfall.

„Die Spiegeleier sind noch halb roh!“

„Ich möchte die jetzt so haben!“

Gut, dachte ich mir. Schmiss die rohen Spiegeleier auf den Teller und übergab diese wortlos. Später wurde mir noch gesagt, dass sich dieser Typ über mich beschweren wollte. Soll er doch. Ich weiß zwar nicht aus welchem Grund, aber wenn es Freude bereitet: Nur zu!

Auch so bleibt die Freundlichkeit meistens auf der Strecke. Begrüßt man den Gast mit einem „Guten Morgen.“, kommt meistens nichts zurück und es wird nur auf das Essen gestarrt. Oder es kommt nur ein „2 Spiegeleier.“ zurück. Mit einem ausdruckslosen Gesicht. Kein Grinsen, nichts! Heute schon bei der Botoxbehandlung gewesen oder was ist da in ihrem Gesicht los? Danach wird sich noch ein „Danke.“ aus den Stimmbändern gequält und weg sind sie.

Oder ganz schlimm sind auch die Leute, die dich wie Dreck behandeln. Dieses hochnäsige und arrogante Gehabe. „Wir sind besser als Sie. Sie müssen uns bedienen und alles nachtragen. Wir sind die Gäste, die Könige. Und ihr? Nur ein Haufen Idioten, die kein anderer Arbeitgeber einstellen würde. Warum? Weil ihr Abschaum seid!“ Ja, so in etwa kommt man sich vor, wenn man solche Kandidaten vor sich zu stehen hat. Und man sich so auf die Zunge beißen muss, damit ja nichts unüberlegtes über die Lippen huscht. Aber zumindest kann ich das „Fick dich!“ noch im Kopf kreisen lassen. Da wird es nur von mir gehört.

Es ist doch größtenteils ein undankbarer Job, den man dort verrichtet. Dabei steht man bereits kurz nach halb fünf in der Küche. Baut auf und sieht zu, dass um sechs soweit alles steht. JEDEN VERFICKTEN MORGEN.

Da ist es egal, ob es draußen stürmt, regnet, schneit oder die Sonne erbarmungslos am Himmel steht. Egal, ob Wochenende, Weihnachten, Ostern oder der eigene Geburtstag. Man steht ständig in der Küche und hat in den neun Stunden meistens nicht mal Zeit für eine Mittagspause. Nein. Da wird sich schnell was nebenbei in die Speiseröhre geschoben, damit der Magen mit dem Rebellieren aufhört. Zumindest für die nächste Stunde.

Und zum Trinken kommt man auch fast nie. Kennt ihr das auch, wenn ihr das Gefühl habt, dass ihr fast verdurstet? Ja? Dauerzustand. Zumindest bei mir. Und man sieht das gefüllte Glas in weiter Ferne stehen, aber man wird dauernd durch Sonderwünsche und anderem Kram in den bann gezogen, sodass dieses Glas immer weiter in die Ferne rückt. Ich bin ja eh dafür, dass wir solche Helme mit Strohhalm bekommen. Ballermann Feeling. Ich bin dafür!

Aber es gibt sie manchmal auch: Die Lebensretter unter den Gästen. Diejenigen, denen man einen Spruch an den Kopf werfen kann und dieser in geballter Form erneut zurück eilt. Der Boomerangeffekt. Wenn man sich ganz gut versteht, dann darf man auch patzig sein und auch das Wort „Scheiße.“ benutzen. Dann hat man einen Schlagabtausch, der sich gewaschen hat. Der Gast hat seine Freude, ich habe etwas Abwechslung. Und ebenfalls Freude. Spießigkeit war gestern.

Stammgäste. Eine wunderbare Gattung. Also in den meisten Fällen. Ganz besonders ist mir ein älteres Ehepaar ans Herz gewachsen, welches tatsächlich jeden Samstag zum Frühstück aufschlägt. Freundlich. Ab und an einen Spruch auf Lager. Alles super! Irgendwie gehören sie schon zum Inventar.

Oder die Stammgäste, die ich persönlich mit einem „Oh nein!“ aufs Herzlichste begrüße! Welches lachend zur Kenntnis genommen wird.

Schlimm sind die Gäste, die sich zwar etwas bestellen, dafür aber nicht die Zeit haben. Oder die sehen: Och, es stehen zehn Leute am Bufett und die Köchin ist am Routieren- egal, ich bestelle mir jetzt mal pochierte Eier und bin dann beleidigt, weil man mir sagt, dass ich darauf etwa zehn Minuten warten muss. „Ach nee, dann nehme ich nur ein gekochtes Ei.“

Oder wenn Leute mit zwei oder drei Tellern -bereits vollgepackt mit Croissants und den ganzen anderen Kram- zu mir kommen und sich auf den freien Teller noch alles andere stapeln.

Leute, woanders verhungern Menschen und ihr könnt nicht genug bekommen? Mal ehrlich: Ich glaube nicht, dass die Leute dann auch alles essen, was sie sich gehamstert haben. Das kann mir niemand erzählen. Da sind die Augen einfach größer als alles andere.

Eigentlich will man in diesem Job nur eins: Etwas Anerkennung. Ein „Guten Morgen“, „Bitte.“ und „Danke.“, was eigentlich schon im Kindesalter antrainiert werden sollte. Ist das in unserer Welt eigentlich schon zu viel verlangt? Etwas Respekt?

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3 Gedanken zu “„Vernünftige Menschen arbeiten nicht in der Gastronomie.“

  1. In der Gastronomie zu arbeiten ist mit Selbstachtung überhaupt nicht zu vereinbaren.
    Es werden ganz gezielt Duckmäuser eingestellt, die alles mitmachen und schön den Mund halten, wenn ihnen Unrecht getan wird.
    Köche werden in der Ausbildung gebrochen und oho ! welch Wunder – das Opfer macht den nächsten dann zum Opfer. Es ist beschämend.
    Die meisten Köche, die ich kommen und gehen gesehen habe, waren milde gesagt seelisch verkrüppelt.
    In keinem anderen Gewerbe laufen derartig kaputte Leute herum wie in der Gastronomie, weil wie bereits gesagt gezielt nach Leuten ohne Selbstachtung gesucht wird.
    Lasst Euch nicht Eure Würde nehmen !
    Oder um mit Heine zu sprechen : Leckt nicht auch noch den Stiefel, der euch tritt !

    1. Dem muss ich wiedersprechen. Ich habe – vor allem im Service – nirgendwo so viele selbstbewusste und sich behaupten könnende Menschen auf einem Haufen gesehen. Durch und in der Gastronomie habe ich viel über Selbstwahrnehmung, -bewusstsein und -achtung gehört.
      Es gibt immer solche und solche, und in der Gastronomie hat der Wahnsinn wirklich einen größeren Platz als in anderen Branchen. Aber ein gesunder Mensch kann auch viel für das Leben aus diesem Arbeitsplatz mitnehmen. Ich würde meine Zeit im Hotel nicht missen wollen.

  2. Ja, als Nebenjob ist die Gastro super – es wird nie langweilig!
    Ich habe vor 20 Jahren eine Lehre als Hofe gemacht und dann studiert – und genauso lange jobbe ich immer wieder nebenbei. Also wenn man von den Geld leben könnte würde ich das hauptberuflich machen…aber die Bezahlung wird immer schlechter. Ich sehe das eher als bezahltes Hobby…als ausgleich zu meinen sehr langweiligen Bürojob in einer angestaubten Behörde (wo ich für´s Rumhocken den vierfachen Stundenlohn abkassiere. Ich würde nicht sagen, dass die Leute gebrochen werden – wer sich anschreien lässt ist selbst schuld! Hatte ich auch schon – bin dann wortlos gegangen und hab dem Vollpfosten noch ein schönes Leben gewünscht…die brauchen sich über Fachkräftemangel nicht wundern. Man muss halt gucken, dass das Betriebsklima passt und gleich klar stellen, dass niemand das Recht hat (auch kein Chef!) einen anzuschreien o.ä. – wir sind hier in Deutschland und nicht bei der Armee – sorry, sowas ist aus dem letzen Jahrhundert, geht gar nicht!

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