Teil 1: „Und wie er da war, war er gut.“ Oise (Red Tape Parade) & Senore Matze Rossi über Wauz.

To Wauz. To Life.
To Wauz. To Life.

Anfang Mai hatte ich ein Interview mit Joey Cape. Allgemeine Fragen bereitete ich vor, sowie welche über Tony Sly (No Use For A Name) und Wauz (Red Tape Parade). Besonders dieser Teil war hart. Natürlich für Joey mehr als für mich. Aber ich merkte, wie es auch mir immer wieder die Kehle zuschnürte, als er über seine Freunde sprach, die gestorben sind und er hier und da kurz innehalten musste.

Kaum 8 Tage später stand ich in Berlin vor dem Bi Nuu. Leicht nervös. Nach der Beerdigung von Wauz am Mittag war mir überhaupt nicht mehr nach den Interviews zumute, die ich mit den Bandmitgliedern von Red Tape Parade führen sollte. Nicht in der Gruppe. Nein. Alle würden sich einzeln zu Wauz äußern. Ihre Erinnerungen teilen. Jeder auf seine Art und Weise. Und es schnürte mir schon im Vorfeld die Kehle zu. Tage vorher grübelte ich, wie ich das am besten aufziehen könnte. Ich wollte kein 08/15-Interview führen. Kein sinnloses runterrattern der Fragen. Der Kopf rauchte, es wollte keine Idee kommen. Bis ich auf einmal die Wörter „Anfang“ und „Ende“ vor mir sah. Wie kann man das verbinden? Mit einem roten Faden! Und so entwickelte sich alles recht zügig: Ich kaufte zwei kleine Pinnwände, druckte Fotos von Wauz aus. Diese wurden an der Wand befestigt und bei den vorhandenen Steckern benutze ich besagten Faden. So stand auf der einen „To Wauz“ und auf der anderen „To Life“. Auf kleine Zettel schrieb ich die Fragen, faltete diese & das war es. Ich war zufrieden, machte mir aber dennoch Gedanken darüber, ob die Band es in dieser Art & Weise okay finden würde. Oder war es doch zu übertrieben?

Der Soundcheck lief & das erste Interview führte ich mit Oise.

Oise. „Kennengelernt“ vor einem Jahr, glaube ich. Bei der Tour von Nessi, Dave Hause & Joey Cape. Im Hamburger Molotow kaufte ich ihm irgendwas am Merch ab. Wochen später spielte Matze Rossi im Berliner Bi Nuu. Nach dem Konzert lief Oise an mir vorbei, grüßte. Ich fragte mich, wie man so ein gutes Gedächtnis haben kann. Ich war auch teilweise ein wenig neidisch darauf. Vor einigen Wochen zog es mich zu Joey Cape in Dortmund. Ehrlich gesagt war ich mir ziemlich sicher, dass er mich nicht wiedererkennen würde. Huch, zweifelte ich etwa an seinem Gedächtnis? Ja, tatsächlich! Irgendwann lief er vorbei und mir kam ein gutgelauntes „Servus!“ entgegen.

Oise ist ein herzensguter Mensch. Offen. Lebenslustig. Er hat ein ansteckendes Lachen, bei dem sogar Deniz von Herrenmagazin einpacken kann! Er ist halt irgendwie wie Balu, nur in der bayerischen Version: Ein leicht tollpatschiger Bär, der mit seiner liebenswerten Art zu überzeugen weiß. Von der ersten Sekunde an.

Da ich dieses Interview in drei Teile veröffentlichen wollte, ich insgesamt an dem Abend fünf Gespräche führte, fehlte mir noch eine Person, um es zu vervollständigen, damit sich alles in der Waage hält. Ich hatte sofort Matze Rossi im Kopf.

Matze Rossi. Ich liebe diesen Mann. Seine Musik. Die Texte, die mir schon sehr oft das Leben retteten. Er weiß wahrscheinlich überhaupt nicht, wie dankbar ich ihm bin.

Ich kann gar nicht sagen, wann ich ihn das erste mal auf der Bühne sah. Aber ich erinnere mich gut an das erste Interview mit ihm. Geführt in Leipzig. Im Treppenhaus. Auch wunderbar, als das Licht ständig ausging und man plötzlich im Dunkeln saß. Sehr warm war es auch nicht.

Es brach mir das Herz, als ich ihm am Samstag sah. Bei der Beerdigung und dann später auf der Bühne, die Texte von Wauz singend. Man sah es ihm an, man sah es allen an: Wie schwer es fiel, diese Songs zu spielen. Der Schmerz über den Verlust von Wauz stand allen ins Gesicht geschrieben.

Ich hätte das wahrscheinlich nie so gut durchgehalten, wie die gesamten Musiker am Abend im Bi Nuu. Ich ziehe meinen Hut. Ernsthaft. Die Kraft aufzubringen, sich dort oben hinzustellen, zu spielen. Und zu wissen: Das ist das allerletzte Mal, dass diese Songs erklingen werden. Zu wissen, dass man Wauz nie mehr wiedersehen wird.

Red Tape Parade war nach dem letzten Song „Leap Year Of Faith“ Geschichte.

Danke an die Band. Danke an Senore Matze Rossi.

Hier jetzt der erste Teil:

Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass Musik eine tragende Rolle in deinem Leben spielt?

Oise: Mit 9. Unser Nachbar hatte eine Heavy Metal Coverband und der war natürlich so ein richtiger Dorfschreck. Ich bin in einem Dorf im bayrischen Wald aufgewachsen. Insgesamt gab es ungefähr 3000 Einwohner- verteilt auf 10km. Ich bin dann immer rüber und fand es geil, dass es so laut ist und dass meine Eltern es scheiße fanden. Gesessen habe ich meistens im Proberaum und es wurden sämtliche Glamrock- Songs gespielt, zum Beispiel von Motely Crue oder Poison. Ich fand es super!

Er hatte mir dann mal eine Kassette überspielt. Auf der A-Seite befand sich Bon Jovi mit „Slippery when wet“ und auf der B-Seite gab es Slayer mit „Reign in blood“.

Da hört man am Anfang Dämonengeschrei und ich hatte tierische Angst! Ich war damals Ministrant- großgeworden in einem katholischen Haushalt und ich war wirklich fest davon überzeugt, dass ich in die Hölle komme, weil ich diese Seite gehört habe. Deswegen hat es etwas gedauert, bis ich wieder damit angefangen habe.

Wo bist du aufgewachsen?

In Brandenburg- Spreewald.

Oise: Also auch in der Pampa! Dann kannst du es dir ja vorstellen, wie es war: Du sitzt da rum und hast kaum irgendwelche Quellen zur Verfügung. Ich bin 1978 geboren worden und das war weit vor dem Internet. Man konnte nirgends hingehen um ein Musikmagazin zu kaufen. Deswegen war es wie eine Tür, die aufgestoßen wurde. Ich war so begeistert, dass ich immer wieder rüber zum Nachbarn lief, um mir neue Kassetten überspielen zu lassen.

Aber Bon Jovi? Wir sollten genau jetzt abbrechen. Der Nächste bitte!

Oise: Hör dir die Platte mal an!

Erzähl doch mal etwas über die allererste und die letzte Show von Red Tape Parade: an was kannst du dich noch erinnern?

Oise: Die erste Show war entweder in Regensburg oder in Zwiesel. Es war am Wochenende, deswegen kann ich nicht mehr genau sagen, welches jetzt zuerst war. Ich kann mich daran erinnern, dass wir vorher schon ein Demo fertig und im Internet veröffentlicht hatten.

Vorher hatte ich mit Punk und Hardcore eigentlich abgeschlossen, aber ich fand es ultra gut, wieder so laut und schnell zu spielen. Auf jeden Fall habe ich mich sehr angestrengt und war nach den Konzerten physisch total zerstört.

Die letzte Show war, glaube ich, in Köln mit Boysetsfire. Oder doch das Konzert mit Hot Water Music, welches vom Rockpalast aufgezeichnet wurde? Ich denke aber eher, dass es Köln war.

Ich kann mich daran erinnern, dass Köln der erste Abend war, an dem ich auch mal etwas durchatmen und spaß mit den anderen haben konnte. Denn davor spielten wir drei andere Konzerte zusammen mit Boysetsfire, wo ich ziemlich gestresst war, da ich auch nebenbei als Tourmanager tätig war. Das funktioniert bei mir nicht immer gut, wenn ich dann auch noch selbst auf der Bühne stehen muss.

Es waren aber leider nicht die schönsten Shows die wir gespielt haben.

Die schönsten Shows hatten wir, als wir mit den Bouncing Souls & The Menzingers auf kleiner Tour waren. Auch, weil ich nicht als Tourmanager mit dabei war und somit konnte ich auch mit der Band im gleichen Van sitzen und nicht im Nightliner nebenan, um irgendwelche Abrechnungen machen zu müssen. Ich war nur da um Musik zu spielen.

An welche gemeinsamen Erlebnisse mit Wauz erinnerst du dich gerne zurück?

Oise:

Dann sind wir aufgestanden und sind nach Zwiesel gefahren, wo SNFU gespielt haben. Nach dem Abend ist ja der Song „Year of the pig“ entstanden.  Wir haben Flirto abgeholt und waren zusammen bei diesem bizarren Konzert. Wir waren so begeistert und so traurig über das, was sich dort mit dem Sänger von SNFU abspielte, weil der mittlerweile so kaputt ist.

Wir haben in Zwiesel übernachtet und sind am nächsten Tag nach Regensburg gefahren, um dort ein Konzert zu spielen. Wir hatten wirklich sehr viel Spaß gehabt!

Nebenan gab es einen kleinen See, in dem wir reingesprungen sind.

Ist da dieses eine Foto entstanden, wo ihr alle in Badehose im See standet?

Oise: Nein. Das ist in Freiburg entstanden! Mehrere Jahre und Kilos später!

Danach sind wir zurück zu der Wohnung von Flirto gefahren. Es war einfach so ein gutes Wochenende gewesen, an das ich mich gerne zurück erinnere. Ohne, dass jetzt spezielle Highlights dabei waren. Es war sehr bezeichnend für uns. So haben wir unsere Zeit, unsere Freundschaft miteinander verbracht: Wir sind rumgefahren, haben etliche Sachen erlebt, beim Autofahren Musik gehört und zusammen Musik gemacht. Wir haben sau viel gelacht- über uns und über die anderen in der Band.

Matze: Da gibt es sehr viele lustige und tolle Erlebnisse! Wir waren oft zusammen auf Tour. Einmal haben wir, als wir noch ganz jung waren, mit Tagtraum seine Band Melangloomy im Tourbus mitgenommen und wir waren natürlich die coolen älteren Punker und haben in jeder erdenklichen Art &Weise versucht zu schocken und zu beeindrucken. Wauz meinte mal, dass es uns 1A gelungen wäre!

Sehr gerne erinnere ich mich aber an die Momente zurück, wenn mich Wauz auf einer Tour begleitete und wir einfach ein paar Tage miteinander verbracht haben. Wir haben einen ähnlichen Humor gehabt und unglaublich viel gelacht und kommuniziert ohne zu sprechen.

Nach dem Verlust von Wauz: Führst du dein Leben jetzt anders? Intensiver?

Oise: Nein. Also wie seine Schwester heute sagte: „Lasst uns machen worauf wir bock haben!“ Und das stimmt. Wauz war wirklich jemand, der nur das machte, auf was er bock hatte und er war nicht dazu zu bringen, etwas anderes zu machen. Wie so ein Esel! Wir haben uns gut verstanden, aber deswegen haben wir uns auch oft in den Haaren gehabt, weil ich genauso bin.

Ich finde mein Leben gut so wie es ist. Ich war schon immer so: Wenn mir irgendetwas in meinem Leben nicht passte, dann habe ich es geändert. Momentan gibt es nichts, was ich ändern würde.

Deswegen glaube ich nicht, dass es durch den Verlust etwas anschieben würde. Ich bin happy. Das ist intensiv genug!

Matze: Ich versuche schon länger bewusst zu leben, aber sein Tod hat natürlich etwas für mich verändert. Neben der Trauer erfreue mich gerade an sehr vielen Dingen, die ich davor leichtfertig als alltäglich oder normal und gegeben angesehen habe. Sei es der Vogel der gerade auf unserer Terrasse sitzt und singt oder die Sonne die meinen Körper wärmt. Wauz ist in all diesen schönen Dingen und in mir und dadurch fühle ich mich mehr im „Hier und Jetzt“. Das hat er mir über die letzten zwei Monate schon gezeigt. Mit seinem Tod ist das Gefühl seiner Präsenz noch mal verdeutlicht worden.

Was hast du von Wauz gelernt? Über das Leben. Über die Musik.

Oise: Musikalisch habe ich von Wauz gelernt, dass es okay ist, wenn man jemanden vertraut. Indem man was macht und eine Basis für einen Song schafft und dieses dann einer Person rüberschiebt. Dann dieses Vertrauen haben, dass er es schon macht. Das war am Anfang etwas schwierig. Das war für mich so ein Lernprozess. Dass ich ihm und den anderen in der Band vertrauen kann.

Und über das Leben? Schwierige Frage.

In den letzten Wochen hat man gemerkt wie er aufmacht. Wie Leute zu ihm gekommen sind und alle hatten Angst, weil sie nicht wussten, wie sie mit dieser Situation umgehen sollten. Speziell nach dem Punkt, als er allen mitgeteilt hatte, dass die Therapie abgebrochen wird.

Er hat von sich aus die Arme aufgemacht. Er hat sich dann um die Leute gekümmert. Er hat sie abgeholt, auch wenn er ans Bett gefesselt war. Die Leute kamen in den Raum und Wauz hat ihnen das Gefühl gegeben, dass sie willkommen sind. Er hat es sehr schnell übernommen, sodass keine unangenehme Ruhe entstanden ist. Das hat er super gemacht!

Der Wauz hat in den letzten Wochen so eine Ruhe gehabt. Das war etwas, was ich inspirierend fand. Vielleicht ist das jetzt etwas am Thema vorbei. Aber das ist das, was ich an ihm gesehen habe. Ich war ganz beeindruckt davon, obwohl er damit konfrontiert war, dass er bald sterben muss. Das war ihm klar. Das wusste er. Ich wusste es auch.

Aber ich habe gelernt, dass man dem selbstbestimmt und würdig gegenüber treten kann. Selbst wenn man in einem Bett liegt.

Wenn man so wie er mit so viel Liebe umgeben ist- das war wirklich Wahnsinn.

Wenn man das als Fazit ziehen kann, was man von ihm gelernt hat, dann ist es folgendes: Behandel die Leute um dich herum immer gut und du wirst nicht allein sein, wenn es problematisch wird.

Er hatte eine Tätowierung von Donnie Darko und da stand: „Every living creature on this planet dies alone.“ Er ist aber nicht alleine gestorben- er hatte seine Familie an seiner Seite.

Das war bei mir der Beweis: Wenn du gut zu deinen Mitmenschen bist, dann kommt das auch zurück.

Matze: Wie ich schon sagte: das „Hier und Jetzt“ schätzen, akzeptieren und eben Dankbarkeit und Liebe zu verschenken, so viel es geht.

Tattoos fanden immer den Weg auf seinen Körper: Welches Tattoo fandest du am besten und bei welchem hast du die Hände über den Kopf zusammengeschlagen?

Matze: Ich mochte „Jack Shephard“ auf seinem Unterarm und den „Donnie Darko“ Hasen. Aber für was denn Hände über den Kopf zusammenschlagen?

Oise: Mein liebstes Motiv, obwohl ich keinen großen Bezug zu Tieren habe, war dieses“ I love cats“. Mit dem Herz und den Schnurrhaaren! Das ist die brillanteste Tätowierung, die je ein Mensch haben kann! Die war so gut!

Und die schlimmste war der Fluxkompensator am Hals! Er hatte mir ein Foto davon geschickt. Du bist ja mit Jemand befreundet und der läuft jetzt sein ganzes Leben damit rum. Du willst ja auch unterstützend sein. Da will man ja nicht sagen: Gott, was hast du dir denn da machen lassen?

Aber da habe ich die Hände wirklich über den Kopf zusammengeschlagen, als ich das gesehen habe. Und auch noch am Hals! Ich habe dann noch ewig überlegt, wie ich ihm am besten darauf antworten kann.

Ansonsten muss ich gestehen, dass wir Wauz sehr oft in den letzten Jahren wegen seiner Tätowierungen verspottet haben. Denn alle waren nur immer halbfertig. Die waren nie fertig. Er hat immer mit einem Motiv angefangen und irgendwann ist ihm eine neue Idee gekommen und hat damit weitergemacht.

Wauz war so ein unglaublich schöner Mann und dann haut der sich am Hals diesen Fluxkompensator hin!

Einen schönen Mann kann nichts entstellen!

Oise: Das stimmt!

Wann und wo bist du Wauz zum ersten Mal begegnet und welchen Eindruck hinterließ er bei dir?

Tim Bruening
Foto: Tim Bruening.

Oise: Es war auf jeden Fall in Schweinfurt. Entweder in der Schreinerei oder im Stattbahnhof. Ich muss gestehen: Wauz hatte Ende der 90er eine AFI- Phase. Die hatten also alle AFI-Shirts an, Misfits- Mützen und waren geschminkt.

Wauz hat mit ein paar Leuten in einer Band gespielt. Also ich habe ihn immer mal wieder gesehen. Mein Eindruck war, dass er nie etwas sagt. Der redet halt einfach nichts. Ich bin ja das genaue Gegenteil.

Mich hat das nicht verunsichert. Viele Leute haben den Wauz am Anfang für arrogant und unfreundlich gehalten, was aber überhaupt nicht stimmt. Er war einfach nur vorsichtig im Umgang mit anderen.

Wir sind dann halt rein und Wauz stand mit seiner Band auf der Bühne. 4 von 5 Mitgliedern hatten AFI-Shirts an, waren geschminkt und haben genau dieselbe Musik gemacht. Da haben wir böse gelacht, muss ich zugeben.

Ich hatte halt immer den Eindruck, dass er sehr nett und extrem zurückhaltend ist.

Aber ich mochte ihn sehr. Über Matze bin ich dann wieder etwas näher zu Wauz gekommen.

Bin ich wieder dran?

Ja!

Oise: Ohman…

Du kannst auch sagen, wenn du nicht mehr möchtest..

Oise: Nein, nein. Ich will gerne. Aber ich frag mich nur, warum ich mir nach 10 Sekunden nicht mehr merken kann, wie die Frage überhaupt lautete. Das spricht für mein Gedächtnis. Nicht!

Die erste Probe für das heutige Konzert: Wie war es für dich diese Songs ohne Wauz an deiner Seite zu spielen?

Oise: Anfangs war das nicht komisch, weil wir auch nie mit Wauz zusammen geprobt haben. Red Tape Parade als Band mit fünf Leuten in einen Proberaum gab es in den ganzen Jahren nur zweimal.

Deswegen war es zuerst nicht komisch.

Wir waren zum Proben bei Sven Peks im Studio in Gaibach und dann kamen die Gastsänger.

Wir standen da, hatten Kopfhörer auf, haben gespielt und dann kam Eric. Und plötzlich kam über die Kopfhörer zu diesem Song eine andere Stimme. Ganz nah.

Das hat mich total aus der Bahn geschmissen. Vorher war es alles noch ganz lustig, haben Witze gemacht, Kaffee gekocht und getrunken.

Plötzlich ist mir dann wieder bewusst geworden, für was man eigentlich probt. Das war dann wie ein Schlag ins Gesicht.

Was würdest du Wauz gerne sagen wollen, wenn du noch einmal die Möglichkeit dazu hättest? Gibt es da noch etwas?

Oise: Nichts. Als Wauz noch gelebt hat und ich wusste, dass er bald sterben würde, habe ich ihm einen Brief geschrieben, den ich ihm aber nie gegeben habe. Die Idee war, dass ich ihm diesen Brief eventuell dalassen werde.

Aber ich war noch einige Male im Krankenhaus, bevor er gestorben ist und das war gut so, wie es war. Wir haben keine offenen Baustellen. Das ist ein gutes Gefühl.

Matze: Alles was ich sagen wollte habe ich ihm gesagt. Ich würde ihn aber gerne in den Arm nehmen und drücken.

Eine Songzeile, die gerade dein Innerstes widerspiegelt?

Matze: Vielleicht nicht mein Innerstes widerspiegelt, aber was mir ständig durch den Kopf saust:

„I know the cure for my annorexic, lonesome, lost and bitter heart I pick up the phone and make you feed it hope“

Oise: „Losing again.“ Das ist von Adolescents der Song „OC Confidential“. Das ist der Chorus, der momentan so in mir drin ist. Auch, weil Wauz so ein großer Adolescents- Fan war und wir zusammen bei zwei Shows waren. Wir haben uns auch sehr darüber gefreut, dass die Band ein gutes Comeback Album abgeliefert hat- mit diesem Song drauf.

Und ganz stark der Song „Best of Times“ von Sage Francis. Diesen Song werden wir als Intro benutzen.

Ich weiß noch, wie begeistert Wauz von dem Text war. Er war kein großer Hip Hop Fan. „Du musst dir mal den Song von Sage Francis anhören!“ Er schickte mir darauf Text und Song zu.

Und wie er sagt: „It was the best of times. It was the end of times.“

Wauz & ich haben oft die besten Momente unseres Lebens geteilt, da bin ich mir sicher. Aber auch die beschissenen Zeiten haben wir geteilt.

Dieses „It was the best of times“… Man muss sich diesen Song anhören um zu verstehen, was ich meine.

Du bist dran!

Ich dachte, dass du noch etwas zu sagen hast. Deswegen habe ich noch gewartet! Bei dir weiß man nämlich nie!

Oise: Nein. Mehr habe ich leider nicht!

Das ist das erste Mal, dass ich das von dir höre!

Oise: Dass ich nichts mehr zu sagen habe? Das wünschen sich bestimmt viele!

Welche 3 Wörter und/oder Sätze, benutzte Wauz am häufigsten?

Oise: „Stark!“ Aber mit dieser Geste (siehe Foto). Und dann haben wir es weiter gesteigert: „Saustark!“ 

Stark!
Stark!

Und eine weitere war: „Der feine Herr!“

Oder „So arm!“ hat er oft gesagt. Er hat über Sachen geschmunzelt, aber gleichzeitig hatte er Mitleid.

Matze: Katze. Liebe. Freunde.

Inwiefern bereicherte Wauz dein Leben?

Matze: Er war mir immer ein treuer und echter Freund.

Oise: Massiv. Wir haben uns ständig über Bücher ausgetauscht, da hatten wir einen sehr ähnlichen Geschmack. Bei der Musik sah es wieder anders aus- da haben wir uns den ganzen Tag nur gestritten.

Wauz & ich haben uns oft aneinander gerieben. Ich bin eher der Aktionist, so nach dem Motto „Das machen wir jetzt. Wir drücken das durch!“ und Wauz war immer der Zweifler. Am besten immer alles von drei Seiten betrachten. Immer alles hinterfragen und nichts hinnehmen. Da haben wir uns extrem viel gerieben, auch wenn es um Politik und solche Sachen ging.

Wauz hat mir oft Anstöße gegeben. Was ich vor ihm natürlich nie zugegeben habe, dass ich manche Sachen berücksichtigt habe. Aber ich habe es im Nachhinein anders gesehen.

Er hat immer Licht reingebracht. Er war zwar ein großer Melancholiker und oft unten, aber er hat das Leben von vielen Menschen bereichert.

Allein daran betrachtet, an welchen Orten wir waren, weil wir zusammen ein paar Punksongs geschrieben haben. Ohne ihn oder jemand anderes aus der Band wäre das nicht gegangen. Das ist schon eine unglaubliche Bereicherung. Was wir alles erlebt haben.

Aber auch durch seine ganze Art. Seine Persönlichkeit.

Dieses Loch fällt mir oft auf.

Es verging kein Tag, an dem ich Wauz nicht irgendetwas schickte. Zum Beispiel Fotos von irgendeinem Typen mit NOFX-Shirt: „Wauz! Hier dein verschollener Bruder!“

Wauz war einfach da. Und wie er da war, war er gut.

Welche Ticks besaß er?

Matze: Was sind Ticks? Er war ein nerdiger liebenswerter Fan von allem was er gut fand. Leidenschaftlich, aber das ist kein Tick.

Oise: Der Wauz war kein Tick-Typ. Mir fällt da auch nichts ein.

Wauz war unglaublich stur, wenn man das als Tick sehen würde. Aber das ist dann eher eine Charaktereigenschaft. Deswegen muss ich bei der letzten Frage leider passen!

Ach, da fällt mir doch noch etwas ein! Der Wauz war ein extremer Morgenmuffel! Er hat es gehasst, wenn ich morgens schon so gut gelaunt war und sofort die Musik angemacht habe. Das fand er immer zum Kotzen! „Wie kannst du nur so gut drauf sein am Morgen?“ Das fand er richtig scheiße.

Und was dann wirklich schon in diese Tick-Richtung ging: Wenn er seinen Schlafsack aufrollen und in dieses kleine Säckchen stecken musste. Wir haben dann immer rumgestanden und ihn ausgelacht.

“Ihr Arschlöcher!“

Also er war Morgenmuffel und hat dann noch verzweifelt versucht seinen Schlafsack aufzurollen. Das waren immer gute Momente und wir haben uns ständig über ihn lustig gemacht!

Das war sein Tick: Er hat es gehasst, Schlafsäcke aufzurollen!

Wie bereitet man sich auf solch ein allerletztes Konzert vor? Und: wie hält man das überhaupt durch? Wie erging es dir beim Proben?

Matze: Eine Woche vor dem Konzert habe ich gedacht:“ Toll, da kann ich alles rausschreien!“

Am Freitag bei der Probe hat es mir die Kehle zugeschnürt. Am Samstag war es fast nicht auszuhalten,  seine Stimme von den Ansagen zu hören und dann seine Texte zu singen.

Ich bin froh, dass ich Teil davon sein durfte, aber es war ein harter Weg.

Wenn du Wauz mit einem Superhelden vergleichen würdest: Welchen würdest du wählen und warum?

Matze: Wauz ist ein eigener Superheld für mich. Kein Vergleich würde ihm gerecht werden.

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