Herzensangelegenheit: Chuck Ragan „Live at Skaters Palace“.

chuckEs gibt Zeiten im Leben, in denen man alles hinschmeißen möchte: Nichts läuft nach Plan, Zukunftsängste halten sich hartnäckig, ständig wird man von irgendjemanden runtergeputzt & schon haftet der Frust an dir. Von den Selbstzweifeln mal ganz zu schweigen. Aber da gibt es etwas, was dich aufrecht hält. Etwas, was dir immer wieder Wärme, Glücksgefühle & Lebendigkeit einhaucht. Etwas, was dich nie im Stich lässt & in jeder noch so verzwickten Lage deine Hand hält. Etwas, was dir die Antriebslosigkeit wie ein wildgewordener Vampir aussaugt. (Nein, ich spreche gerade nicht von Buffy oder Twilight- eher von „Interview mit einem Vampir“! Kurz zur Klarstellung.) Aber von welcher Sache ist hier überhaupt die Rede?

Genau: Dieses ETWAS nennt sich Musik! Wunderbar ist es, wenn man einen kleinen unscheinbaren Musikblog besitzt & sich plötzlich eine Mail mit folgendem Betreff im Posteingang befindet:

PROMO BEMUSTERUNG: Chuck Ragan „Live at Skaters Palace“

Mein Kopf fing sofort an zu arbeiten: Im Sommer 2013 tourte Chuck Ragan zusammen mit Joe Ginsberg (Bass), Jon Gaunt (Geige), Dave Hidalgo (Schlagzeug/Social Distortion), Todd Beene (Pedal Steel Gitarre/Lucero) & der fabelhaften Supportband The Drowning Men durch Deutschland & ich hatte das Glück, dass ich bei einigen Shows dabei sein durfte. Münster wurde bei mir im Kalender doppelt und dreifach markiert. Warum? Ein Ziel war es immer für mich gewesen, Chuck Ragan 1x im Interview haben zu dürfen & in dieser Stadt sollte sich mein Traum tatsächlich erfüllen. Die Interviewvorbereitung nahm viel Zeit in Anspruch & so kam es, dass ich am besagten Tag mit einem Holzbrett unter dem Arm & einer Schachtel Merci durch die Straßen von Münster lief & schließlich beim Skaters Palace ankam. Muss ich an dieser Stelle erwähnen, wie nervös ich war? Ich betrat die Halle, stieß irgendwann auf den Tourmanager. Während ich mit ihm sprach, kam Chuck zur Begrüßung rüber, der sich kurz vorher am Skateboard verausgabte.

Danach ging es hoch in den Backstagebereich. Da ich gerne Joe Ginsberg beim Interview dabei haben wollte, musste sich der Tourmanager erst auf den Weg machen, um diesen zu suchen. Dave & Todd saßen auf einer Couch & der Tourmanager fragte, wo denn Joe überhaupt ist. Die Antwort folgte prompt:

„Joe… who?“

Ein dreckiges Lachen gab es gratis dazu!

Das Wetter war gut und so wurde beschlossen, dass man das Angelinterview einfach auf dem Dach macht, da man dort die nötige Ruhe zur Verfügung hat. Chuck & Joe tobten sich aus, meine Nervosität legte sich etwas. Wahnsinnstypen sind das: Auf dem Boden geblieben, sehr herzlich, offen & witzig. Das perfekte Gespann- wie Terence Hill & Bud Spencer.

Foto: Alyssa/Getaddicted (Danke!)
Foto: Alyssa/Getaddicted (Danke!)

Das Interview verlief wirklich gut & mir fiel ein wahrer Felsbrocken vom Herzen, da es ihnen anscheinend Freude bereitete- und das ist die ganze Arbeit, die man vorher hatte, mehr als wert!

Danach das Konzert vor ausverkauftem Hause. Joe Ginsberg & PJ Bond heizten dem Publikum im Vorprogramm ein, Chuck Ragan & seine Band brachten dann das Fass vollständig zum Überlaufen. Gastauftritte gab es von Tim Vantol & Josh von der Band Paper Arms. Man hätte es schon gut als Mini-Festival durchgehen lassen können!

Das Besondere an diesem Abend war, dass es aufgezeichnet wurde! Damit schließt sich der Kreis: Denn am 31. Januar wird Uncle M (ach, diese tollen tollen Menschen dort!) die Doppel-LP veröffentlichen! Und zwar wirklich NUR als LP. Ohne Downloadcode!

Ich habe mir die Songs noch nicht angehört, werde es aber jetzt tun! Denn ich möchte versuchen, dass ich zu jedem Song das aufschreibe, was mir durch den Kopf geht oder was auffällt. Den ersten Gedanken niederschreiben. Irgendwas in dieser Richtung. Eine Art Live-Ticker aus meinem Gehirn. Einfach ein kleines Experiment. Ob es gelingt? Ich bin selbst gespannt!

Lasst uns starten!

For Goodness Sake

Applaus. Jubel. „Have a good time out there!“ schreit Chuck ins Mikro & schon folgt die bekannte Melodie. Die Geige lässt jetzt schon das Blut in den Adern gefrieren. Das Schlagzeug ist spätestens beim Refrain ganz vorne dabei, nachdem es vorher etwas leisere Töne von sich gab. „You’re feeling alright?“ Und wie! Schon bei dem ersten Song merkt man diese Hingabe. Die Liebe zur Musik. Die tiefe Dankbarkeit. Unfassbar.

It’s what you will

Ohne Verschnaufpause geht es zum nächsten Song über, kurz eingeleitet durch Jon an der Geige und Chuck an der Gitarre. Die Mundharmonika kommt zum ersten Mal an diesem Abend zum Einsatz. Teilweise ist mir tatsächlich zum Mitschunkeln zumute & kurz flackert in mir ein Bild vom Musikantenstadl rum. Herrje, schnell weg damit! Nein, nicht mit dem Song, sondern mit dem Bild vor dem inneren Auge! Dann folgt der kurze Part, an dem nur Chuck von seiner Gitarre begleitet wird und man einen Herzaussetzer nach dem nächsten bekommt, eh die komplette Band erneut einsteigt. I like, würde jetzt der Facebook-Fetischist sagen!

Applaus. „Thank you so much!“ Chuck ist ein Musiker, der das auch wirklich alles so meint, wie er es sagt. Er freut sich über jeden einzelnen Besucher. Über jeden, der mitsingt, Spaß hat & einen wunderbaren Abend vor der Bühne verbringt.

Eine kurze Bandvorstellung folgt & Joe, Dave,Todd & Jon bekommen den Applaus, den sie verdienen.

Bedroll Lullaby

Ein neues Lied folgt. Eines, was aber zumindest schon denen bekannt ist, die Chuck öfters sehen konnten oder auch mal bei Youtube stöberten und darauf gestoßen sind (außerdem befindet es sich auf der CD der Revival Tour 2011!).„Bedroll Lullaby“ der Name und was dort schön auffällt: Todd an der Pedal Steel Gitarre, die sich grandios einfügt und auch etwas in den Vordergrund drängt, was mehr als passend ist.

Geraldine

Danach die Frage, ob sich Mütter im Publikum befinden würden. Nur eine Dame hatte sich daraufhin gemeldet, was etwas für Erheiterung bei der Band sorgte, bis sich dann aber auch eine weitere Dame „outete“. Dieser Song wurde also den Müttern im Publikum – und insbesondere Chuck’s Mutter- gewidmet.

Verschnaufpause vom bisherigen schnelleren Programm. Einfach für einen Moment die Augen schließen und genießen.

„Dankeschön!“

Rotterdam

Zeit für Tim Vantol, der auf die Bühne kommt um Chuck unter die Arme zu greifen. Das Publikum klatscht im Takt & Tim macht Herrn Ragan schon ordentlich Konkurrenz! Die Füße fangen an zu wippen und ein breites Grinsen findet sich auf meinem Gesicht wieder, als sich diese zwei Reibeisenstimmen gegenseitig versuchen zu übertreffen- so scheint es jedenfalls. Großartige Version!

The Trench

Tim ist wieder hinter der Bühne verschwunden & das Publikum wird nun scheinbar auch wacher. Zumindest hört man ab und an mal Jubel und Pfiffe. Und ich merke auch bei mir, wie sich eine unbändige Freude ausbreitet & einige Erinnerungsfetzen erneut hochgeholt werden. Bitte einmal die Zeit zurückdrehen. Vielen Dank!

You Get What You Give

„What goes around comes around.“ Ein kurzer Applaus für all die Menschen, die beim Skaters Palace arbeiten. Da haben wir wieder das Thema Dankbarkeit, die Chuck & seine Band so auszeichnet. Bei manch PromoImage.JPGanderen Bands/Musikern fehlt sowas leider oder wenn es mal über ihre Lippen kommt, dann merkt man, dass es eher dahingerotzt ist.

Ungeheurer Gänsehautmoment bei:

„So what is it worth to stay in the dirt and beat your head against the wall like a fool that’s been hurt? Oh what is it worth to stand your ground proud and dig your nails into that wall to climb and scream loud?“

Ich kann es nicht in Worte fassen, aber mir steigen soeben die Tränen in die Augen, weil es so ergreifend ist. Wer diesen Song mal bei einem Konzert erleben durfte, der wird verstehen können, warum es mir so ergeht.

Chuck, dieses Tier. Ohne Worte.

Do What You Do

Joe drängt sich geschickt mit seinem Bass in den Vordergrund und ich stelle mir gerade vor, wie er dazu „tanzt“.

„Do what you do“. Mir ist irgendwie danach, mich rhythmisch durch das Wohnzimmer zu bewegen.

„The pain has never felt so good.“

„Dancing with you is everything.“

Und spätestens bei „So hold me close to keep me close“ wird auch aus voller Brust mitgesungen. Na gut. Jedenfalls so, dass man niemanden im Haus weckt. Ich fühle mich sehr gut, alles um mich herum ist vergessen.

Mitreißend. In jeder Hinsicht.

Danach eine kurze Einlage von Jon Gaunt, diesem Geigenvirtuosen. Was für eine coole Sau & das Publikum sieht das genauso und feuert ihn an.

Don’t Cry

„Don’t cry if you’ve never seen the rain.“ Allein diese Zeile sagt schon so viel aus. Ein Song, der mir oft durch schlechte Zeiten half & ab und an auf Repeat läuft. Einer meiner Lieblinge. Obwohl: Es gibt kein einziges Lied, was ich schlecht finde, wenn ich genauer darüber nachdenke.

„Yeah we know we’re pushing change, and we all need to walk in the rain.“

Ein Song, der zum Verweilen einlädt.

„Danke!“

Nothing Left To Prove

Ein etwas ruhigerer Anfang. Zeit zum Durchatmen. Die Geige gesellt sich dazu, ebenso wie die Pedal Steel Gitarre, bis am Ende alle Instrumente ihren Weg auf die Bildfläche finden.chuck skateboard Und das nicht zu knapp.

„Say what you want I don’t mind!“ Da brüllt man wieder automatisch mit! Ich daheim & auch das Publikum gibt alles und übertönt schon fast Herrn Ragan. Man erwischt sich dabei, wie man sich erneut diese eine spezielle Stelle anhört. Immer und immer wieder. Bäm! Stillsitzen? Unmöglich! Ach. Ich fühle mich so, als ob ich gerade die ganze Welt umarmen könnte!

Right As Rain

„Are you alright?“ Kurzes Bejahen vom Publikum folgt. „Right as Rain“ lässt es ruhig & entspannt angehen, reißt aber dennoch ganz und gar mit. Man traut sich nicht mal mehr richtig zu atmen, aus Angst, dass man diesen schönen Moment zerstören könnte. Klingt komisch, oder? Da es sich ja quasi „nur“ um einen Mitschnitt handelt. Aber da kann man mal sehen, wie sehr es trotzdem unter die Haut gehen kann. Bei mir ist das definitiv der Fall!

„Oh I must say, my heart’s on fire since I’ve been away, since I last saw your face.“

Atemberaubend dann der Teil, der erst durch Jon, dann durch Todd richtig zur Geltung gebracht wird & diesem Song das gewisse Etwas, die spezielle Würze gibt.

Musiker, die ihre Instrumente einwandfrei beherrschen. Musiker, die diese nicht spielen, weil sie es MÜSSEN, sondern weil sie es WOLLEN- und LIEBEN.

Drag My Body

Die Band verlässt die Bühne, Chuck nutzt die Zeit, um sich erneut bei allen zu bedanken. Puh. Um die Herzgegend wird es wärmer und wärmer.

Ein Song aus dem Hot Water Music-Kosmos. Nur Chuck und seine Gitarre. Ich weiß noch, dass ich damals, als ich selbst bei diesem Konzert stand, so ergriffen war & ich mit Tränen in den Augen vor der Bühne stand. Ungelogen! Jetzt ist es auch so: Nur sitze ich im Wohnzimmer. Alleine & ich wünsche mir gerade nichts sehnlicher, als diesen Musiker und seine Band erneut sehen zu können.

Jetzt und hier. Diese positive Energie einzusaugen. Ein Chuck Ragan Konzert ersetzt alle Medizin dieser Welt & außerdem behaupte ich folgendes: Würden alle mehr die Musik von ihm hören, dann wäre die Welt ein viel besserer Ort. Garantiert!

Okay. Entschuldigung. Ich muss mal eben die Tränen trocknen.

For Broken Ears

Huch. Gerade hatte sich die Seite verabschiedet & konnte vorübergehend den Mitschnitt nicht mehr hören, um mir weiter einen Eindruck machen zu können & bißchen was darüber zu schreiben. Kurzer Schockmoment. Aber alles wieder okay, so kann ich das Ding heute zum Ende bringen.

„For Broken Ears“ ebenfalls nur mit Gitarre und Mundharmonika vorgetragen. Ein Song, der sich mit wenigen Instrumenten von Sekunde zu Sekunde steigert & man schon ab und an seine Faust in die Luft streckt. Das Mitklatschen verkneife ich mir gerade ganz gekonnt.

Chuck verlässt die Bühne & kurz darauf macht das Publikum Lärm, denn: Zugaben müssen her!

Meet You In The Middle

Macht euch selbst einen Eindruck:

Do You Pray

Zurück auf der Bühne: Tim Vantol & PJ Bond! „Do You Pray“, meine große Liebe. Bestimmte Zeile davon möchte ich unbedingt mal unter meine Haut bringen, habe aber bisher noch keine gute Idee dazu gehabt. Kommt Zeit, kommt Rat, oder?

Eine geballte Männerstimmenfront, die auf den Zuhörer angerollt kommt und somit unterscheidet sich diese Version deutlich von all den anderen, die es von „Do You Pray“ bislang zu hören gab.

Chuck, Tim, PJ, Joe, Jon, Dave, Todd- setzen, 2+!

The Boat

Ha. Das erinnert mich sofort an das Interview mit Chuck & Joe, denn auf dem Holzbrett stand der Text zu „The Boat“ und es waren Papierschiffe am Start.

Als ich Chuck zum allerersten Mal auf der Bühne sah & dieses gespielt wurde, stiegen sofort die Tränen hoch. Allein schon der Anfang. Diese Melodie. Dazu noch die Geige. Wem das kalt lässt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen!

Josh von Paper Arms befindet sich mit auf der Bühne und steigt beim Refrain mit ein & reißt sich die zweite Strophe unter den Nagel, wenn man so will. Gut gemacht!

California Burritos

„California Burritos“ brachte nochmal alle im Publikum zum Ausrasten, soweit ich mich jedenfalls erinnern kann. Die Band legte sich ein letztes Mal richtig ins Zeug & man kann sich tatsächlich kein besseres Lied zum Abschluss vorstellen als „California Burritos“! Es ist wie ein riesiges Feuerwerk, was abgefeuert wird: leuchtend, beeindruckend & emotional aufwühlend.

Das war’s. 17 Songs & ein Swimmingpool voller Gefühle! Wenn ich diese Doppel-LP zusammenfassen müsste, würde das ungefähr so aussehen:

Schnappatmung. Herzrasen. Gänsehautwellen. Verzückung. Tränen. Glücksmomente. Konzertlust. Unzählige Erinnerungen. Musikvirtuosen. Tief empfundene Liebe. Viel Energie. Dankbarkeit. Feuerwerk der Gefühle. Sprachlosigkeit. DieBestenMusikerDerWelt. Wilde Tiere. Meisterwerk. Eine LP, die in keinem Plattenschrank fehlen sollte. Danke, Uncle M!

Fazit: Kaufen! Kaufen! Kaufen! Kaufen! Kaufen! Zack! Zack!

Wer sich die LP noch NICHT vorbestellt hat, sollte das dringend nachholen! Ihr werdet es nicht bereuen, versprochen!

LP vorbestellen: Klick!

Einblick in das neue Album „Till Midnight“: Klick!

Interview mit Joe Ginsberg & Chuck Ragan: Klick!

vinyl

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