„Ich war auch da, aber niemand hat mich erkannt!“- Thees Uhlmann & Band in Karlsruhe, Substage.

IMG_20140309_061029Die spontanen Sachen sind ja doch meistens die besten, oder? Eben! Da Meister Uhl mal wieder mit seiner tollen Gang das Land unsicher macht und ich dieses Kribbeln verspürte (Kennt ihr? Dieses ‚Oh mein Gott! Ich hätte so BOCK auf ein Konzert vom Zahnlücken-Uhl! Ich MUSS es mindestens zu einem Konzert schaffen! Mehr als eins wäre natürlich auch super!‘), zögerte ich tatsächlich nicht lange. Da ich mir den Montag freischaufeln konnte, war es also kein größeres Problem am Sonntag fast 8 Stunden mit der Deutschen Bahn zu verbringen.

Am 9. März quälte ich mich somit gegen vier Uhr aus dem Bett. Okay, ich war erstaunlich fit und kam ganz gut aus den Federn. Aber das „quälte“ klingt einfach viel dramatischer in diesem Zusammenhang. Den Rest in die Tasche geschmissen, Proviant eingepackt (Honig sollte man sich jetzt nicht unbedingt auf’s Brot knallen, wenn man etwas für unterwegs braucht. Aber da ich nichts anderes hatte, ne?) und um 6.22 Uhr pünktlich in den Zug nach Berlin gesprungen. An meinem geliebten Ostbahnhof etwa 50 Minuten Aufenthalt gehabt, die ich mir im Zeitschriftenladen vertrieb. Ich meine, was macht ihr denn so an einem Bahnhof, wenn ihr eine längere Zeit überbrücken müsst? Da bleibt doch nicht viel Auswahl: Entweder stopft man sich mit ungesunden Sachen voll, kauft irgendeinen Mist, wandert von A nach B und wieder zurück oder lässt sich auf einer Bank nieder, falls noch eine frei sein sollte. Oder halt die bessere Variante: Der Zeitungsladen. Rumstehen. Rumblättern. Eine Zeitung auf den „Vielleicht mitnehmen!“ Stapel ablegen, die anderen landen gedanklich auf dem „Nie im Leben gebe ich dafür 6 Euro aus!“ Scheiterhaufen. Früher habe ich mir oft Musikzeitschriften gekauft oder irgendetwas über Tattoos. Mittlerweile nur noch in den seltensten Fällen, da ich das Geld lieber in andere Sachen investiere. Aber an diesem Sonntag, ja, da musste ich tatsächlich etwas kaufen. Zu meiner Verteidigung: nur wegen der 7“ von Johnny Cash!

Irgendwann fand ich mich im ICE wieder. Guter Platz und alles verlief Reibungslos, sodass ich überpünktlich kurz vor 14 Uhr am Karlsruher Hauptbahnhof ankam. Ich versuchte mich schon während der Fahrt an irgendwelche Details zu erinnern, war ich doch vor einigen Jahren (2007?) mal in dieser Stadt, um mir die Lesung Nagel mit Köpfen zu geben. Damals noch im alten Substage. Ich erinnerte mich nur noch an die Umgebung wo der alte Club war, sonst nichts. Nicht mal mehr an den Bahnhof. Nunja, egal!

Im Hotel eingecheckt, die Füße für gute 2 Stunden hochgelegt.

Da das Wetter mehr als gut war, pfiff ich auf die Straßenbahn und tingelte fast 40 Minuten lang zu Fuß zum neuen Substage. Das sensationelle: Ich verlief mich nicht einmal! Das blöde: Ich lief durch eine Gegend, die dreckig und leicht ekelhaft war: Überall lag der Müll am Straßenrand verteilt & man musste aufpassen, dass man nicht mit voller Wucht in die Hinterlassenschaften sämtlicher Hunde trat. Lecker! Karlsruhe, so wird das nichts mit uns! Jaja, eh es einer sagt, mach ich es: es gibt da BESTIMMT auch schöne Ecken. Aber der erste Eindruck ist dann doch meistens entscheidend…

Um die Wartezeit zu überbrücken, hatte ich im Vorfeld zugesagt den Job als Flyerverteiler anzutreten. So stand ich dann, während der Einlass lief, an der Seite und versuchte den Personen den Flyer regelrecht aufzuschwatzen. Was das witzigste war? Wenn sich die Leute die Flyer ansahen und dann meinten: „Wiebusch spielt nicht in Karlsruhe? DANN BRAUCHE ICH DEN FLYER NICHT!“ Ich wollte schon mit einer Diskussion anfangen, nach dem Motto: „Ey! Für Musiker kann man schon ein paar Kilometer mehr auf sich nehmen! Wenn du wüsstest woher ich extra gekommen bin, nur um heute an dieser Stelle zu stehen. IMG_20140309_195727Nur um dieses Konzert mitzuerleben. Du würdest dich wundern, Freundchen!“ Oder was auch gut war:

„Hier! Flyer mit den Daten von Marcus Wiebusch! Der ist gut!“

„Muss ich erst mal bei Youtube nachschauen!“

„DAS IST DER TYP VON KETTCAR!“ Kettcar heißt doch übersetzt: Superdupergeilerscheiß, oder?

G.Ott. Lasst mich bitte NIE Verkaufsgespräche oder ähnliches führen. Ich würde alles und jeden in den Ruin treiben, da bin ich mir zu 98,75% sicher!

Oder: Ich hielt den allerallerletzten Flyer in der Hand. Zwei Personen kamen auf mich zu, ich sah mich siegessicher. Aber was passierte natürlich? Sie wollten keinen Flyer haben! Typisch! So jammerte ich rum, erweckte deswegen wohl das Mitleid und mir wurde der Flyer dann doch noch abgenommen. Vielen Dank nochmal dafür!

Also mir hat es tatsächlich Spaß gebracht. Die Zeit verging wie im Fluge und ich bin pünktlich zum allerersten Song von den Intergalactic Lovers meinen Stapel losgeworden und befand mich nun im Club. Linke Seite. Zugegeben: Ich hatte mich mit der Band vorher nicht wirklich beschäftigt, weil ich mich nur sehr schwer mit Frauenstimmen anfreunden kann, die in Bands den Ton angeben. Dadurch, dass Frontfrau Lara aber keine schrille, nervtötende oder piepsige Stimme auf Lager hatte, wurde ich schnell warm mit der Vorband. Die Bande überzeugte mich mit ihrer unaufgeregten Eleganz, den treibenden Schlagzeugbeat, der fesselnden Präsenz von der Sängerin und der anhaltenden Spielfreude. Daumen hoch! Und wer die Intergalactic Lovers auch noch nicht kennen sollte: Unbedingt reinhören. Es lohnt sich!

Danach zelebrierte ich einen Seitenwechsel. Links sind immer all die Menschen an einen vorbei, die zur Theke wollten und das lässt auch nicht wirklich Ruhe einkehren. Somit entschied ich mich liebend gerne für die andere Seite, sodass ich nicht immer die ganze „Laufkundschaft“ vor Augen hatte. Die Warterei begann, alles wurde auf der Bühne umgebaut. Um sich die Langeweile zu vertreiben, beobachtete man die Menschen auf der Bühne: „Ach, okay. Danny muss sich den Schuh neu zubinden. So so.“ Ich merkte, dass die Müdigkeit langsam bei mir zuschlug. Warum muss man nach einer längeren Bahnfahrt auch immer so K.O. sein, wenn man doch „nur“ die ganze Zeit rumgesessen hat?

Manche fragen sich bestimmt: Warum zur Hölle sollte ich meinen Hintern zu einem Konzert bewegen? Na dafür gibt es ein paar gute Gründe, liebe Freunde:

Grund 1:

Die Truppe leidet unter hohem Reisefieber! Sie steigen für uns in den Bus und lassen sich kreuz und quer durch die Republik kutschieren. Sie IMG_20140310_090908nehmen viele unzählige Kilometer auf sich um uns davon zu überzeugen, dass die zwei Alben auch live mehr als gut funktionieren, wenn nicht sogar viel besser. Sie nehmen sich sämtliche Clubs zur Brust, schmettern uns Songs wie „Vom Delta bis zur Quelle“, „Sommer in der Stadt“, „& Jay-Z singt uns ein Lied“, „Die Toten auf dem Rücksitz“ oder „17 Worte“ entgegen. Animieren uns zum Mitsingen und Mitwippen.

Auf der Bühne wird ein großer Kindergeburtstag zelebriert, wenn man so möchte: Mit mächtig viel Spaß, Sticheleien, Freunden – & wir alle sind die Ehrengäste auf dieser exklusiven Party.

Grund 2:

Ich habe schon von einigen Menschen gehört, dass sie Thees für leicht abgehoben halten. Ich persönlich kann diese Einschätzung sehr gut nachvollziehen, wenn ich manchmal höre, welche Sprüche er bei einem Konzert so raushaut und ich mir denke: „KEIN WUNDER, dass einige an dieser Ansicht festhalten.“ Aber ich für meinen Teil kann gut drüber lachen. Klar: Ego ist schon vorhanden, keine Frage- aber in einem gesunden Maße. Manchmal lässt er schon einen gewissen Rockstarstatus raushängen, aber er macht das auf so eine liebenswürdige und sympathische Art und Weise, dass man sich eher daran erfreut und sich gut unterhalten fühlt.

„War von euch heute jemand im Stadion?“ Einige meldeten sich. „Ich auch! Aber mich hat niemand erkannt!“ Untermauert mit einem leicht entsetzten Unterton.

Thees ist schlagfertig, philosophisch veranlagt und könnte einen ohne Probleme SCHACHMATT setzen, ohne dass man es überhaupt richtig mitbekommt.

Grund 3:

Seine fabelhafte BAND!!!! Ohne diese hübschen talentierten Menschen, die wie eine Schutzmauer um Thees herum stehen, würde etwas Entscheidendes fehlen. Jeder der bereits ein Konzert besucht hat weiß genau wovon ich rede, stimmt’s?

Diese Energie. Diese Gelassenheit. Ein eingespieltes Team, bei dem der Zusammenhalt weit oben angesiedelt ist. Eine familiäre Atmosphäre. (Ich wollte hier schon fast einen Vergleich mit der Kelly Family bringen, bin mir aber gerade nicht so sicher ob man mich dafür steinigen würde.)Man kann sich aufeinander verlassen. Wirklich jeder würde die Hand für den jeweils anderen ins Feuer legen.

Grund 4:

Ich mag es, wenn das Publikum unterstützend unter die Arme greift. Wenn dieser Gefangenenchor einsetzt und es einem plötzlich heiß und kalt um die Herzgegend wird. Wenn die Texte aus tiefstem Herzen mitgesungen werden. Ich liebe es, wenn das Publikum bei dem Gequatsche vom Uhlmann aufmuckt und er sich so provoziert fühlt, dass er gerne anfangen möchte zu diskutieren oder noch versucht einen weiteren Schlag draufzusetzen. Ich liebe es, wenn Herr Kuhn diesen Anflug von „Ich mach euch gleich alle derbe nieder!“ frühzeitig erkennt und ihm mit einem gekonnten Gitarrenspiel aus der Misere hilft, damit er nicht noch weitere Furchen durch den Club zieht und somit dem Scheiterhaufen gerade noch rechtzeitig entkommen kann.

Grund 5:

Rainer G. Ott. Weil es einfach so ist. Punkt!

Grund 6:

Mir ist das in Karlsruhe erst richtig bewusst aufgefallen: Bei vielen Songs, die angestimmt wurden, erinnerte ich mich an etwas zurück. An irgendeine Geschichte, irgendein Erlebnis. Ob es nun 10 Jahre oder erst 5 Tage her ist. Zum Beispiel bei „LAT: 53.7 LON: 9.11667“: Diese Sache mit dem Dorf. Es lässt mich schmunzeln, weil man anfängt zu überlegen wie es bei einem selbst in den früheren Jahren verlief. Auf was man eventuell verzichten musste oder wenn es einfach keine wirklichen Alternativen gab, wenn man mal irgendetwas unternehmen wollte. „Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten.“ Und da ich jetzt quasi wieder Richtung Dorf gewandert bin, passt das alles wie Arsch auf Eimer, ne?

Ich glaube, dass sich viele andere in einigen Texten wiederfinden können und man sich somit verstanden fühlt. Da gibt es einfach Zeilen, bei denen man nicht anders kann als die Faust in die Luft zu strecken und mit vollstem Stimmenvolumen alles rauszuschreien, was möglich ist.

Grund 7:

Es ist halt einfach Thees Uhlmann. Der Typ, der zwischen Melancholie und unbändiger Freude balanciert. Der Typ, der uns zum Lachen und Nachdenken bringt. Der Typ, der uns wohlbehalten durch die Nacht bringt. Der Typ, der tanzen kann wie kein anderer. Der Typ, der sich Zeit für die Liebhaber seiner Musik nimmt und auch gerne mal eine Lebensweisheit mit auf den Weg gibt. Der Typ, der ein freches Mundwerk besitzt und dennoch höflich bleibt. Der Typ, der zur Hälfte noch immer Kind geblieben ist. Der Typ, der uns mit seiner Musik tagtäglich den Arsch rettet und uns erstrahlen lässt.

Ich kann einfach nur sagen: Geht zu einem Konzert, wenn ihr die Möglichkeit dazu habt! Lasst euch Geschichten erzählen oder von diversen Klängen berieseln. Tanzt, singt oder klatscht. Schließt die Augen und lasst den Gefangenenchor auf euch wirken, bis das Herz so richtig aufgeht. Freut euch, wenn sich Thees Uhlmann freut!

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