„Fühlen sich die Musiker nicht gestalkt?“

931261_10200935535727110_1014862907_nDiese Frage kam mir mal entgegen, als man irgendwo mitten in Berlin saß. Eher in die Kategorie ‚Spaß‘ eingeordnet. Aber dennoch grub sich diese eine kleine Frage unbemerkt in die hinterste Ecke des verwinkelten Gehirns ein und ob man will oder nicht: Man denkt darüber nach. Ihr kennt doch Scrubs, oder? Genau, J.D. führt ständig diese wunderbaren Selbstgespräche und in meinem Kopf ging dann auch eine Art Ping Pong Spiel los: ‚Ach. Stalken kann man dazu nicht sagen. Obwohl? Was denken sich die Musiker eigentlich, wenn man scheinbar bei jedem Konzert am Start ist?“

Dann folgt auch schon ein Tagtraum, indem der Musiker so lange und penetrant gestalkt wird, dass er sich am Ende vom Hochhaus wirft und kurz vor’m Aufprall steht man plötzlich wieder felsenfest in der Realität.

Worum es überhaupt geht? Um Menschen, die irgendwelche Musiker/Bands während einer Tour mehrmals sehen. Ob in Mainz, Leer, Hamburg, München, Göttingen oder außerhalb Deutschlands. Ob 4 oder 10 Tage am Stück – irgendwo ist man immer im Publikum zu finden. Von anderen, die nicht viel mit Konzerten (oder auch mit Musik an sich) anfangen können, erntet man sehr viel Unverständnis und Sätze wie:

„Das schöne Geld!“

Meine Sache. Mein Geld. Meine Herzensangelegenheit. Schnauze! Steck du doch weiterhin dein Geld in Designerklamotten, Zigaretten, Alkohol oder ins Auto. Da mische ich mich doch auch nicht ein, oder? Eben.

Ich komme gerade etwas vom Thema ab (Jaja, ich weiß: Ist Standard bei mir!), denn eigentlich ist es doch ganz lustig, wenn man sich in einen Musiker reinversetzt, der vielleicht ständig dieselben Gesichter bei einem Konzert ‚ertragen‘ muss.

Die Seite des Musikers.

Eigentlich komisch: Irgendwann interessierte man sich für ein Instrument oder wurde von den Eltern gezwungen, eines zu erlernen. Meistens fängt es mit Flötenunterricht an. Zugegeben: Cool ist was anderes. So versuchte man sich im Unterricht am Lesen der Noten, scheiterte vielleicht daran, zog es dennoch durch, weil die Stunden schließlich bereits 10 Jahre im Voraus bezahlt wurden und man gerade nicht wirklich Lust darauf hatte, sich gegen die Eltern zu stellen. Deswegen versuchte man das Beste draus zu machen…

Kaum dieses Instrument erlernt, weg vom Unterricht und schon wird die Flöte ins Korn(feld) geworfen. (Denkt ihr jetzt auch gerade an Jürgen Drews? Gern geschehen!)

Jahre später entdeckte man die vielfältige Musikwelt und stieß auf Bands, die etwas in einem bewegten. Man kaufte sich Platten, durchstöberte Musikmagazine, ließ kein Konzert in der Nähe aus. Auf dem Flohmarkt kaufte man sich eine alte Gitarre, die noch ihren Zweck erfüllte und SCHWUPPS war man Mitglied in einer Schülerband. Da man eine ganz passable Stimme vorzuweisen hatte und die Gitarre angemessen quälte, wurde man zum Gesangsrohr gewählt.

„Hier, mach du mal!“

„Okay!“

Die Jahre zogen vorbei, das Feuer wurde stärker. Mittlerweile spielt man nicht mehr in einer lausigen Schülerband, sondern füllt mit der neuen Truppe bereits kleine Clubs. Eigene Platten wurden rausgebracht, Tourposter hängen in den Städten und jeder Heini quatscht dich an wegen Gästeliste, obwohl man all die Menschen überhaupt nicht kennt. Autogrammwünsche häufen sich, gemeinsame Bilder mit Fans tauchen überall in diesem komischen World Wide Web auf. Außerdem bekommt man immer mehr Tattoos zu Gesicht, die mindestens eine Songzeile enthalten die du irgendwann mal nachts angetrunken geschrieben hast, als du im Rotweinbekleckerten Pyjama auf dem Sofa gesessen hast und einfach nicht einschlafen konntest.

Jetzt singen all die Leute diese Zeilen mit. Meistens auch viel lauter als man selbst. Es fühlt sich seltsam an, aber auf der anderen Seite erfüllt dich das mit sehr viel Stolz, denn endlich steht man dort, wo man schon immer stehen wollte: Auf der Bühne – und man kann davon sogar noch leben.

Man wird von Stadt zu Stadt gefahren. Fresserei, Aufbau, Interviews, Soundcheck, Konzert.

Während man die eigenen Songs Abend für Abend spielt und den Blick mehrmals durch das Publikum schweifen lässt, fällt dir etwas ins Auge und du denkst:

„Häh? War diese Person nicht schon gestern dabei? Und davor nicht auch schon? Mir kommt der Typ so bekannt vor!“

Während du weiter darüber nachdenkst, kommst du mitten im Song ins Stolpern, verhedderst dich mit dem Text und versuchst es noch irgendwie zu retten. Die Betonung liegt dabei auf „versuchst“. Immerhin konntest du zur allgemeinen Erheiterung beitragen.

In den nächsten Wochen und Monaten fallen dir immer wieder Leute auf, die du bereits an den vergangenen Konzertabenden im Publikum gesichtet hast. Du nimmst ebenfalls die beobachtende Position ein und denkst dir manchmal:

„Warum will man sich unbedingt so viele Shows von mir ansehen? Hat man da nicht irgendwann die Schnauze voll? Also ich hätte es ganz bestimmt!“

„Oahr! Und schon wieder nur dieselben Fratzen im Publikum vertreten! Habt ihr kein Zuhause?!“

„Und täglich grüßt das Murmeltier!“

„Groupie oder wirklich nur an der Musik interessiert?“

„Die rollen doch bestimmt mit den Augen, wenn ich die Ansagen bringe, die ich schon seit einem Jahr predige- oder sie sprechen diese mit! Vielleicht sollte ich mir mal etwas Neues überlegen? Haha, der war gut!“

„Ich habe genau gesehen, dass du gegähnt hast!“

„Ich weiß ganz genau, dass du auf einen bestimmten Song wartest! Aber diesen Gefallen werde ich dir nicht tun, DENN ICH BIN DER ROCKSTAR IN DIESER HÜTTE UND ICH BESTIMME WO ES LANGGEHT! Aber morgen werde ich den Song in die Setlist einbauen, versprochen!“

„Du hast zwar bestimmt schon 20 000 Bilder von mir, aber klar, mach ruhig noch mehr!“

„Du bist heute hier beim Konzert. Das heißt, dass du eigentlich einen exzellenten Musikgeschmack vorweisen solltest. Aber dein Bandshirt spricht da leider eine ganz andere Sprache!“

„JETZT HAST DU DAS GANZE BIER VERSCHÜTTET! MEIN HERZ BLUTET!!“

„Das rhythmische Klatschen muss ich dir erst noch beibringen, oder?“

„Jeder bekommt die Fans, die er verdient…“

Quatsch beiseite! Manchmal würde man wirklich gerne wissen wollen, was die Musiker darüber denken. Klar, nach außen hin wird immer gerne gesagt, dass man sich auf eine gewisse Art und Weise geehrt fühlt, dass man die ganzen Kilometer auf sich nimmt, was auch stimmen wird. Ist das aber schon alles?

Stalken wäre in diesem Zusammenhang schon ein starkes Wort, was man definitiv ausschließen kann, um mal eben auf die Überschrift einzugehen. Okay, natürlich gibt es vereinzelt Fans, die dem Musiker überall auflauern, ob bei Konzerten oder im privaten Umfeld. Oder Fans, die sogar vor der Haustür zelten, um ihren ‚Star‘ zu Gesicht zu bekommen. Kurz gesagt: Menschen, die fast über Leichen gehen würden, um ein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist dann aber wieder ein ganz anderes Thema, welches ich vielleicht beim nächsten Mal ausschlachten werde.

Aber manchmal denke ich, dass man vom Musiker ganz gerne mal als bescheuert oder sonst etwas abgestempelt wird und man dieses Wort an jedem Abend auf der Stirn zu stehen hat – nur sichtbar für diese Leute da oben.

Man könnte es gut verstehen, denn im Enddefekt machen sie ja nur das, was ihnen Spaß bringt: Mit liebgewonnenen Menschen in einem Tourbus durch die Gegend fahren, um abends auf der Bühne zu stehen und Songs zu spielen. Auf Instrumenten, die sie früher erlernen wollten oder eben nicht. Manche betreiben es nur als Hobby, andere können gut davon leben.

Auch sie sind nur ganz normale Menschen, aber mit einer besonderen Gabe:

Sie geben uns die Hoffnung zurück, die wir schon längst über Bord geworfen haben.

Sie bringen uns zum Strahlen, bauen uns erneut auf. Wie ein altes runtergekommenes Gebäude, welches von Grund auf saniert wird, damit es in der Zukunft jedem Unwetter standhalten kann und wird.

Sie sprechen uns mit ihren Texten aus der Seele. Man fühlt sich verstanden und in den Arm genommen.

Sie machen uns einfach glücklich, indem sie für uns spielen und wir diesen Moment genießen können. Tschüß, grässlicher Alltag! Hallo, hüpfendes Herz!

Fazit: In diesem Sinne lasse ich mich doch gerne von Familie/Unbekannten/Freunden/Musiker/Türsteher als wahnsinnig, bescheuert, durchgeknallt, Kilometerfresser oder meinetwegen auch als Groupie betiteln, denn mir geht das am Ende doch ziemlich am Arsch vorbei, was man gesagt bekommt. Immerhin kann man über manche Worte ganz gut lachen!

Die Hauptsache ist schließlich, dass man sich nicht doch noch in einen waschechten Stalker verwandelt, oder?

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4 Gedanken zu “„Fühlen sich die Musiker nicht gestalkt?“

  1. Besonders, wenn man an Tourtag 9 durch die Stadt schlendert und dir die Hälfte der Band entgegenkommt. Da fühlt man sich leicht als Stalker, aber eigentlich ist das dann wirklich nur Zufall. 😀

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