Plattenalarm #5: John Allen über seine große musikalische Liebe namens Nick Cave.

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Grumpy John.

Irgendwie sind wir angestachelt, haben Feuer gefangen. Immer mal wieder hauen wir Musiker an und fragen diese, ob sie uns denn verraten würden, was sich so in ihrem Plattenschrank versteckt. Wir selbst sind immer auf das Ergebnis gespannt und hibbeln regelrecht dem Text entgegen, der uns somit erlöst. Was mich daran fasziniert: Welche Erinnerungen man mit der gezogenen Platte in Verbindung bringt und wie jeder einzelne Musiker sich der Aufgabe stellt.

Und da ein gewisser Herr aus Hamburg schon fast zum SCTYS Inventar gehört, musste er dran glauben: John Allen!

Bei uns läuft das immer so bei Facebook ab:

‚Ey, John!‘
‚Was willst du denn schon wieder?‘
‚Bleib mal locker! Ich wollte nur…‘
‚Jaajaa! Ich habe keine LUST mehr auf diese Versuchskaninchennummer!‘
‚Die letzten Male waren doch nur Ausnahmen!‘
‚Ich glaube dir kein Wort mehr!‘
‚Aber John…‘
‚Es hat sich ausgeJOHNt!‘
‚Diggi! Das kannst du doch nicht machen! Es ist das allerletzte Mal, dass ich dich belästige! Ehrenwort!‘
‚Nichts kann mich mehr von meiner Entscheidung abhalten!‘
‚ABER…‘
‚W A S?!‘
‚Es geht um Schallplatten!‘
‚Schallplatten?‘
‚Ja.‘
‚Klingt gut. Erzähl!‘
‚ ❤ ‚

Naja. Also, zumindest so ähnlich. Ist klar, ne?

Ihr wollt die Wahrheit? Okay, okay! So siehts wirklich aus:

‚John?‘
‚Ja?‘
‚Ich hab da die und die Idee. Willst du mitmachen?‘
‚Klar, gerne!‘

Wochen später. Irgendwie flackert in unregelmäßigen Abständen der Name John Allen im Kopf auf. Was war da noch gleich? Mmh…

‚John?‘
‚Ja?‘
‚Sag mal. Ich weiß nicht mehr, ob ich dich bereits gefragt hatte. Ich hatte die und die Idee für den Blog. Wäre das was für dich?‘
‚Oh, ja. Hattest du schon! Ich …äh… setz mich mal ran da. Moment!‘

Wir. IMMER.

Als sein Text bei mir im Posteingang landete, war ich regelrecht sprachlos. Dieser Kerl besitzt ein wahnsinniges Talent für das Schreiben. Und wenn ihr mir das nicht glauben solltet: Hier der Beweis!

Vielen Dank, John!

Von Teufeln, Meerjungfrauen und Miley Cyrus im Swimmingpool: Nick Cave’s, Push the Sky Away (2013)

Ein Mann in schwarzem Anzug. Schlank, beinahe dürr. Er schaut aus den Augenwinkeln in die Mitte eines leeren Raumes. Er hat einen der übergroßen weißen Fensterläden in Gänze aufgerissen. Während durch die anderen Fenster nur ein wenig Licht den Weg in das Innere findet, schießt das Licht geradezu hinter ihm herein und lässt seine Gestalt noch unwirklicher erscheinen. Sein Blick fällt auf ein Frau, nackt, den Blick gesenkt, auf Zehenspitzen gehend und die Hände schützend vor ihre Brüste gehalten. Nein, keine Sorge, hier geht es weder um Pornographie noch um eine 50 Shades of Grey Fanfic. Es geht lediglich um das Artwork zu Nick Cave’s Album Push the Sky Away.

Push the Sky Away ist ein Album das man als nicht “besonders leicht zugänglich” bezeichnen könnte. Es kommt so gar nicht poppig und eingängig daher, eher die schwere Kost. Ganze Songs, wie zum Beispiel der sieben Minuten lange Epos Higgs Boson Blues, beruhen auf einem einzigen Gitarrenriff, das schier endlos monoton wiederholt wird. Beim ersten Anhören war ich, nun, enttäuscht ist das falsche Wort… entsetzt trifft es vielleicht schon eher.

Es wäre gelogen zu behaupten ich hätte das Album nur gekauft weil eine nackte Frau das Cover ziert (Nick Cave’s Ehefrau, nebenbei bemerkt), aber mehr als einen Song hatte ich von Nick Cave tatsächlich noch nie bewusst gehört. Einzig das schmachtend schöne “Where the Wild Roses Grow” vom Album Murder Ballads, gesungen und in die Charts gehievt durch die tatkräftige Mithilfe von Kylie Minogue. Nick Cave selbst sagte, viele Leute die aufgrund dieses einen Songs das zugehörige Album gekauft hätten, seien nach Anhören desselben nicht mehr ganz so verwundert gewesen, warum sie noch nie zuvor von diesem Nick Cave gehört hätten. Mainstream geht anders.

Es dauerte einige Zeit bis ich dem Album eine zweite Chance gab und selbst die war rein zufälliger Natur. Aus irgendeinem Grund befand sich die digitale Version auf meinem iPhone. Ich saß im Flieger von Hamburg nach London und um mich zu beruhigen (Achtung: Flugangst!) hörte ich Musik. Da ich mich nur selten entscheiden kann, was ich denn wirklich hören möchte, läuft bei mir oft der Shuffle Modus und plötzlich war es da. Jubilee Street. Es beginnt mit einer leicht verstimmten Gitarre und dem immer gleichen Riff, mit einer Essenz von Leere. Erst über Kopfhörer entfaltete der Song seine ganze Macht, ich wurde förmlich in den Song hineingezogen.

“On Jubilee Street there was a girl named Bee / She had a history but she had no past”

Die Monotonie, die einlullende, beinahe hypnotische Repetition des Gitarrenriffs wird irgendwann durchbrochen. Ein Klavier setzt ein, dann Streicher und schließlich ein ganzer Chor. Bei der Stelle fühlte ich mich als würde die Sonne aufgehen, raus aus der Dunkelheit, ein Flugzeug, dass die Wolken durchbricht. Von da an war es um mich geschehen, der Zugang war gefunden. Nick Cave singt nicht, er predigt. Vom Tod, von der Verzweiflung, von Dystopie in ihrer reinsten Form, von der Apokalypse und der Hoffnung.

“I’m transforming, I am glowing, I am flying, Look at me now / I am flying, Look at me now.”

Weitere Highlights? Mermaids, Wide Lovely Eyes, der Titeltrack Push the Sky Away (so etwas wie die Versöhnung am Ende des Albums) und – ohne Frage – Higgs Boson Blues.

Wer genau hinhört, entdeckt Miley Cyrus, ihr alter Ego Hannah Montana, Robert Johnson und den Teufel in einem apokalyptisch-lyrischen Spektakel, welches Zeile um Zeile seine Gewalt entfaltet. Worum geht es genau? Ich bin hin und hergerissen zwischen “ich habe keine Ahnung” und “ich verstehe jedes Wort”. Beispiel gefällig?

“Well here comes Lucifer with his canon law
And a hundred black babies runnin’ from his genocidal jaw
He got the real killer groove
Robert Johnson and the devil man
Don’t know who’s gonna rip off who.
Driving my car, flame trees on fire
Sittin’ and singin’ the Higgs Boson Blues.”

Düsternis, Depression, Fabelwesen (und Miley Cyrus), Einsamkeit, Angstzustände und hin und wieder auch ein Fünkchen Hoffnung und Sonne durchziehen dieses Album und machen es für mich zu einem der besten Scheiben, die ich besitze. Seit ich Push the Sky Away Anfang 2014 gekauft habe und seit ich es Anfang diesen Jahres zum ersten Mal bewusst gehört habe, ist viel passiert. Ich habe mich in Nick Cave’s Musik verliebt, Himmel, ich habe mich sogar in Nick Cave persönlich verliebt, in diese übermenschliche, außerirdische Existenz, die über den Dingen schwebt, losgelöst, der Inbegriff der Coolness.

Ich habe die meisten seiner Alben gekauft und stets ist das Phänomen das Gleiche. Ich höre es und bin in den seltensten Fällen überzeugt. Langweilig, nicht sehr eingängig. Jedes Mal zwinge ich mich, mir einen Abend Zeit zu nehmen, meine Kopfhörer aufzusetzen und mich von der Musik aufsaugen zu lassen. Was soll ich sagen? Es hat sich bislang noch jedes Mal gelohnt. Gerade lese ich Nick Cave’s zweiten Roman, “The Death of Bunny Munro” der ebenso lyrisch, obszön, brutal und rätselhaft ist wie seine Songs. Manchmal lohnt es sich eben auch, Alben zu kaufen, wenn einen das Artwork anspricht.

Chapeau, Nick Cave!

Und ich kann es euch wirklich nur sehr ans Herz legen diesem Mann mal einen Besuch abzustatten, wenn er mit seiner Gitarre durch die Gegend zieht und in eurer Nähe einen kleinen Zwischenstop einlegt. Checkt mal die Daten!

+++++Tourdaten: Klick!+++++

Uuuuund zum Schluß noch ein kleiner Tipp, falls man -ebenso wie ich- nicht genug von seinen geschriebenen Zeilen bekommt:

Klick dich glücklich!

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