Rettungsanker: Musik.

11811585_10207226868606500_8414991818036320951_nAls musikbegeisterter Mensch ist man ab und an in Gespräche verwickelt, die einen verschiedenes denken lassen: Wenn man gerade mittendrin ist, poltert die Maschine im Kopf mit den Worten ‚Das ist wohl seit Jahren die unnötigste Unterhaltung.‚ vor sich her. Und wie sieht das dann Stunden später aus? Ja, da gab es vielleicht zwei oder drei Sätze, die sich festgebissen haben. ‚Hatte die Person eventuell doch einige gute Kritikpunkte vorzuweisen?‘ Auf was ich eher allergisch reagiere? Wenn man mir vor die Füße wirft, meinen Konzertkonsum stark einzuschränken, ohne im entferntesten zu fragen, warum man das eigentlich macht. Warum man sich gerade dieses Hobby ausgesucht hat. Nein, viel einfacher ist es doch anderen ohne Vorwarnung über die Füße zu fahren, dass man im Anschluss nur noch humpelnderweise von A nach B gelangt.

Klar frisst es viel Geld und man sitzt oft sehr lange an Bahnhöfen und in den Zügen fest. Aber würde man es deswegen als Zeit- und Geldverschwendung ansehen? Einige vielleicht.

Für mich ist Musik aber einfach viel mehr als mehrminütige Stücke, welche auf diverse Scheiben gepresst wurden: Egal in welcher Lebenslage man sich im Moment auch befinden mag, es gibt immer die passenden Songs, die so einiges auf dem Kasten haben: sie können Seelentröster sein, einen in den dunkelsten Stunden beistehen, neuen Mut aufflammen lassen und den eingestaubten Kampfgeist aus dem Keller befreien. Andere hingegen können die vergrabenen Wunden erneut aufwühlen, hauen dich durch die mitschwingende Melancholie vom Hocker, kramen teils schmerzvolle Erinnerungen an geliebte Menschen oder Ereignissen hervor.

Es vergeht kaum ein Tag ohne musikalische Untermalung. Vielleicht ist es meine spezielle Droge, die mich am Leben hält, atmen und abschalten lässt. Ich bin ein Kopfmensch. Ich denke zu viel nach. Vielleicht bin ich auch ein psychisches Wrack. Vielleicht hat der miese Schweinehund namens ‚Depression‘ zu oft die Oberhand und lässt einen frontal gegen die nächste Wand fahren. Wie in letzter Zeit: Die eine Stimme im Kopf wird wieder lauter und drängt dich immer mehr und mit größer werdenden Schritten Richtung Abgrund. Man sieht sich bereits in die Schlucht fallen und hat einfach keine Kraft mehr dagegen anzukämpfen, wie es schon seit unzähligen Jahren der Fall ist. Wie oft hing man bereits an diesem dünnen Faden und dachte sich: Jetzt einfach nur durchschneiden, das wär’s.

In all diesen Momenten ist es wahnsinnig schwer, sich auf andere Dinge einzulassen, sich auf diese zu konzentrieren. Man sagt Verabredungen ab, weil es einfach nicht geht. Einkäufe, Haushalt, Erledigungen- alles scheint an einem massiven Betonklotz zu hängen. Beim Vollzeitjob? Funktioniert man nur noch. Niemand will wissen, wie es dem anderen wirklich geht, hauptsache es wird für den Mindestlohn bis zum Umfallen geschuftet. Ersetzbar ist schließlich jeder, nicht wahr?

Musik ist mein persönlicher Rettungsanker: Ich werfe ihn aus und hoffe, dass er mich aufhält. Ich lege alte und neue Platten auf, versuche somit diese Stimme im Kopf zum Schweigen zu bringen. Oder zumindest zu übertönen, um einige Minuten und Stunden auf andere Gedanken kommen zu können.

Konzerte sind die passenden Rettungsboote: Man taucht in eine andere Welt ein, stößt auf weitere Musikliebhaber und fühlt sich aufgehoben, auch wenn man sich in einer fremden Stadt befinden sollte und man einfach NIEMANDEN kennt, aber auch das kann ziemlich befreiend sein.

Lange Rede, kurzer Sinn: Hätte ich dieses wunderbare Hobby nicht, wüsste ich nicht, wo ich heute wäre. Vielleicht gar nicht mehr unter den Lebenden? Wer weiß das schon. Musik ist meine Therapie und hat mir schon sehr oft den Arsch gerettet, als wirklich nichts mehr ging.

Und außerdem: Man erlebt auch gute Dinge, wenn man unterwegs ist.

Ob in den Zügen:

Was fällt mir da spontan ein? Man hatte hier und da interessante Gespräche im Bordbistro, mit dem Sitznachbarn oder den Snacklieferanten (oder wie nennt man die Leute, die mit diesem kleinen Snackwagen durch die Züge laufen?). Ich habe bereits eine Evakuierung hinter mir- wohlgemerkt im Hochsommer und irgendwo mitten in der Pampa. Ich kann auch nicht mehr zählen, wie oft ich auf heißen Kohlen saß, weil ich nicht wusste, ob ich meinen Anschlusszug wegen der Verspätung bekommen würde oder nicht. Wie ich es liebe, einfach nur aus dem Fenster zu gucken und den Sonnenuntergang förmlich aufzusaugen, der FFM neulich zum Beispiel in eine wunderschöne Kulisse verwandelte. Die Zeit kann man aber auch dafür nutzen, um zu lesen oder zu schreiben. Verschwendung ist für mich also ganz etwas anderes. Leute beobachten, über lustige Ansagen lachen und sich darüber freuen, wie gutgelaunt der Kontrolleur an diesem Tage ist.

In der Stadt:

Da ist es eh schon toll, wenn man überhaupt rauskommt. Ob nun eine fremde Stadt oder ein ganz anderes Land. Entweder betreibt man Hotelzimmergammel mit den Simpsons, geht durch die Altstadt schlendern und erkundet die Umgebung.

Konzert: davor/mittendrin/danach:

Ich liebe es zum Beispiel, wenn ich mich nicht einfach in die S-Bahn oder den Bus setze, um bis zum Club zu fahren. Nein, ich liebe es durch die Straßen zu laufen. Keine Ahnung warum, aber das war schon immer so bei mir. Altmodisches ‚Ich guck mir das mal bei Maps an und schreib mir den Weg auf.‘. Tja, verlaufen kann ich mich aber auch ganz gut, habe ich so in den Jahren festgestellt.

Was manchmal nervt ist das Warten. Warten auf den Support, warten auf den Hauptact. Entweder wühlt man sich in dieser Zeit 10x duch den Merchbestand oder beobachtet Leute. Kommt ins Gespräch oder eben nicht.

Wenn aber das Konzert erst läuft, ist alles andere vergessen. Der Kopf stellt um auf Wohlfühlatmosphäre. Man singt, genießt, lacht und spürt nebenbei das Herz wie wild im Brustkorb schlagen und tanzen.

Danach wühlt man sich vielleicht noch ein letztes Mal durch den Merchbestand, quatscht mit jemanden oder tritt den Weg nach Hause an. Oder eben ins Hotel.

Egal, ob man kurze oder sehr lange Strecken auf sich nahm: Es lohnt sich. Ja, manchmal schaut man nach einer kleinen Konzertreise auf sein Konto und denkt sich nur: ‚FUCK!‘ Kommt definitiv vor, aber am Ende sage ich mir:

Es ist meine Herzensangelegenheit. Andere gehen gerne shoppen, zu Fußballspielen oder in die Disco. Egal was man sich auch ausgesucht hat: Vieles ist mit Ausgabe von Zeit und Geld verbunden, aber sollten andere deswegen darüber urteilen können? Nein, denn wie man sieht, können diverse Geschichten dahinter stecken, warum man gerade diese Sache so gerne in der Freizeit macht und liebt. Und es immer ein besonderer Teil im Leben bleiben wird.

 

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