Plattenalarm #15: SON über anstrengende Schultage und Soundgarden!

Timo und SuperunknownIch weiß ja nicht wie es euch dabei geht, aber ich mag es wirklich sehr, wenn man einen Einblick in fremde Plattenregale bekommt! Immerhin haben sich dort über Monate und Jahre einige Schätze eingefunden, manchmal stecken dahinter auch persönliche Geschichten. Wie kam man überhaupt zur Band XY? Und wie kam dieses eine Album in die eigenen vier Wände? Welche Erinnerungen verknüpft man damit? Was wird im Kopf wieder freigeschaltet? Mit welchen Gefühlen wird der Körper beim Hören durchflutet?

Für uns steht auf jeden Fall fest: Diese Kategorie bleibt noch sehr sehr lange erhalten!

Der Weg führt uns in dieser Runde nach Braunschweig zu SON! Der Herr brachte in der letzten Woche seine abgerundete und sehr schmackhafte EP ‚Nebraska‚ raus, über die wir HIER bereits mehr als schwärmten und die bei mir noch immer in der persönlichen Top 5 ihre großen Kreise zieht. Somit überfiel ich Timo an einem Tag, dass er das unbedingt machen muss! Gut, ich habe es viel netter und freundlicher in der Nachricht ausgedrückt, zumindest hoffe ich das doch sehr! Hier nun für euch der wunderschöne Text zu der Platte ‚Superunknown‘ von Soundgarden! Danke dafür, lieber SON!

SOUNDGARDEN – „Superunknown“; VÖ: 1994, A&M Records; Produced by Michael Beinhorn & Soundgarden; mixed: Brendan O´Brian

Es gibt Alben, die scheinen mich als eine Art Soundtrack durchs Leben zu begleiten. SOUNDGARDEN´s „Superunknown“ gehört eindeutig dazu. Ich weiß tatsächlich noch ziemlich genau, wie ich an diese Platte geraten bin:

Nach einem anstrengenden Schultag, im Sommer ´95, fahre ich mit dem Bus nach Hause. Es ist kurz vor den Sommerferien. Im extrem stickigen Bus gibt es nicht genug Sitzplätze für alle Fahrgäste, sodass sich die Menschen aneinander drängen müssen, um nicht umzufallen. Ich bin 13 Jahre alt und versuche die Lautstärke der Menschen um mich herum mit meinem Walkmen auszublenden. Plötzlich steht jemand neben mir. Es ist Ike. Er ist gerade dabei seine gesamte Platten- und CD- Sammlung zu verscherbeln. Er fragt mich, ob ich Interesse an ein paar günstigen CD´s hätte – die wären nicht mehr sein Geschmack. Er stünde jetzt eher auf Hip Hop und Jungle. Zu dieser Zeit besuche ich die siebte Klasse einer Realschule. Mein Taschengeld ist knapp und ich versuche mir mit Aushilfsjobs Geld dazu zu verdienen. Als Ike in seinen Rucksack greift, fällt mir das Album ins Auge. Von SOUNDGARDEN hatte ich gehört, aber zugegeben noch nicht viel. Ihre Single „Black Hole Sun“ läuft damals sogar im Radio und gefällt mir gut. Ich entscheide aus dem Bauch heraus sie zu kaufen.

Zuhause angekommen, liegt die CD einige Tage ungehört herum. Ich besitze damals keine eigene Stereoanlage, deshalb schleiche ich irgendwann ins Zimmer meiner großen Schwester. Dort lege ich das Album dann zum ersten Mal auf. Der erste Song „Let Me Drown“ startet mit einem kraftvollen und unheimlich treibenden Drum-Pattern. Intuitiv mache ich lauter. Sofort fällt mir auf, wie viel Energie das Album schon nach wenigen Minuten freisetzt. Nach Track drei „Fell on Black Days“ hat mich die Platte so fest im Griff, dass ich mich direkt frage, wie diese Band bisher an mir vorbei gehen konnte.

Superunknown avanciert schnell zu meinem Lieblings-Album. Nach wenigen Tagen kann ich die gesamten Lyrics auswendig. In den späten Neunzigern schleppen die Kids ihre CD´s noch zu jeder Party mit. Superunknown ist jedoch überhaupt nicht Party-tauglich. Sie eignet sich weder zum Tanzen noch zum „Moschen“. Ich höre sie eigentlich nur zuhause (meine armen Eltern). Demnach konnte ich meine Liebe zu diesem Album nie wirklich teilen oder anderen vermitteln. Aber jetzt:

Superunknown ist SOUNDGARDENs Vermächtnis. Es ist ein Album, bei dem man fühlt, dass während der Entstehung der Platte einfach alles gepasst haben muss. Die Stimmung der Band, der Raum, das Equipment, die Verfassung und das Können jedes einzelnen involvierten Teils des Puzzles. Vergleichbar mit einer seltenen Konstellation von Planeten, die nur vielleicht alle hundert Jahre zustande kommt (oder sowas). Kein Ton dieser Platte klingt nach Massen-Tauglichkeit. Die Drums reißen so mit, dass es schwer fällt still zu sitzen, will man doch permanent aufstehen und sich bewegen. Man erwischt sich immer wieder dabei, diverse Schlagzeug-Rhythmen imaginär mitzutrommeln. Dabei ist das Schlagzeug so mächtig gemixt, dass jede Snaredrum einem Faustschlag gleicht. Unkonventionelle Gitarrenriffs und Basslinien, getragen von einem teilweise dämonisch kreischenden Chris Cornell, entladen sich auf unglaublichen sechzehn Songs. Cornell gängelt dabei den Hörer mit teilweise so unmenschlich hohen Gesangspassagen, dass diese einen noch zu verfolgen scheinen, nachdem sich die Nadel längst nicht mehr auf der Platte befindet. Endlich schreit mal wieder jemand authentisch auf einem Album, ohne in etwaig lachhafte Klischees abzudriften. Eine unterschwellige Punk-Attitüde ist der Platte demnach nicht abzusprechen. Dennoch haben Songs wie „Fell On Black Days“ und „Like Suicide“ wunderschöne und eingängige Melodien, welche durch den brachialen Gesang Cornells vor der Massenkompatibilität bewahrt werden.

Obwohl man das Album bereits mehrfach angehört hat, ist man dennoch gespannt darauf, welche Wendungen sich noch ergeben. Als würde die Band immer wieder heimlich die bereits bekannten Passagen neu arrangieren, um sie dem Hörer beim nächsten Mal ein wenig anders zu präsentieren. So entdeckt der Hörer, beim erneuten Auflegen, immer wieder versteckte Details. Diese Originalität stellt eine einmalige Vielschichtigkeit des Albums dar, welche für mich ausschlaggebend für die gesamte Platte ist. Das Resultat ist ein unberechenbares, extrem energiegeladenes und vor Ideen strotzendes Meisterwerk. Als mit „Black Hole Sun“ ein Radio-Hit gelingt, katapultiert dies die Band in neue Sphären. Dennoch bleibt der Song mit Abstand der bekannteste und kommerziell erfolgreichste Titel der vier Jungs aus Seattle. Leider.

Seitdem ich das Album damals gekauft und zum ersten Mal auf der Stereoanlage meiner Schwester angehört habe, sind nun einige Jahre vergangen. Es gibt sicherlich kein Album, welches ich seither öfter aufgelegt hätte. 2014 feierte das Album 20 jähriges Jubiläum. In diesem Zuge habe ich es nochmals als 20th Anniversary-Remastered–Edition auf Vinyl gekauft.  Das war ein schöner Moment. Sollte jemand diese Platte noch nie gehört haben – ich lege sie euch sehr ans Herz.

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