Hinter Gittern: Sorority Noise- You’re Not As _____ As You Think.

sorority-noise-youre-not-as-___-as-you-think-artworkFleet Union. 2016 erreichte mich eine Promomail. Thema: Die neue Platte von Tiny Moving Parts. Eine Band, die mir bisher unbekannt war und deren Album bei mir einschlug wie eine Bombe, noch immer ein Dauerbrenner ist und garantiert noch lange sein wird. Und jetzt? Schreiben wir bereits 2017 und Fleeti (Hihi) schickte wieder die eine oder andere Mail rum und so stolperte ich erneut über eine Band, die mir wirklich so gar nichts sagte, aber neugierig machte: Sorority Noise!

Ihr neues Album, welches auf den Namen ‚You’re Not As ___ As You Think‚ getauft wurde, wird am 17. März erscheinen. Leider muss man doch noch bis Mai ausharren, denn dann wird diese fantastische Band ein paar Konzerte spielen. Aber zumindestens hat man bis dahin genügend Zeit, um die Texte auswendig zu lernen und bei der Show ausgiebig mitzusingen.

Gute Alben sind für mich diese, die mich gedanklich zu einem anderen Ort bringen. Der Kopf arbeitet, während die Songs unermüdlich ihre Runden drehen und zu begeistern wissen. Und ihr fragt mich, an welchem Ort ich stehe, wenn ich mir diese 10 Lieder anhöre? Nun, ich nehme euch mal mit:

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Ihr schlagt die Augen auf, braucht einen Moment, bis ihr richtig wach seid. Die Sonne versucht sich durch den Vorhang zu drücken- bis auf einen kleinen Lichtspalt hat diese aber keine Chance. Während man die Nachbarn in der Wohnung nebenan leise lachen hört, würde man sich gerne für den restlichen Tag, der gerade erst begonnen hat, die Decke über den Kopf ziehen. Niemanden sehen, mit niemanden sprechen. Einfach verschwinden. Nicht erreichbar sein. Der Kopf arbeitet, auf dem Brustkorb scheint ein viel zu schwerer Gegenstand zu liegen, atmen fällt schwer.

‚This is the part where I am empty.‘

Es klopft an der Tür. Zaghaft am Anfang, um mit jedem weiteren Klopfen aggressiver zu werden. Man selbst kann sich kaum bewegen, alles schmerzt. Körper & Seele. Dieser Schritt aus dem Bett scheint eine unüberwindbare Hürde zu sein. Es wird unruhiger im Treppenhaus, vor der eigenen Wohnungstür. Das Klopfen wurde eingestellt, es ging fast nahtlos ins stürmische Klingeln über. Aufgebrachte Stimmen versuchen zu einen durchzudringen. Vergeblich, stattdessen schafft man es gerade noch, sich auf die andere Seite zu drehen. Es ertönt ein etwas dumpfer Knall, es strömen Menschen in die Wohnung und landen schließlich im Schlafzimmer. Sie zerren dich aus dem Bett, ruppig und schnell. Man selbst leistet keinen Widerstand. Weil man es nicht kann. Weil man es scheinbar verlernt hat. Sie nehmen dich mit und führen dich mit Handschellen zum Auto. Alles fühlt sich so an, als ob man in einem Albtraum feststeckt und nach dem Ausgang sucht, sich stattdessen aber immer im Kreis zu drehen scheint.

Die Autofahrt ist beendet. Du hörst, wie sie versuchen mit dir zu reden, aber alles dringt nur verzerrt zu dir vor. Wie in einer riesigen Luftblase, in der man sich schon seit einer gefühlten Ewigkeit steckt und vieles nur noch per Zeichensprache mitbekommt. Sie leeren deine Taschen: Geld, Führerschein, Handy, Ausweis- alles wird in eine kleine Box geschmissen, notiert und verstaut. Deine Kleidung wird eingetauscht und dir wird klar: Es ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Ein Wärter führt dich durch lange dunkle Gänge, die Neonröhren flackern unregelmäßig, dich umhüllt eine unerklärliche Kälte. Diverse Türen werden aufgeschlossen, fallen hinter dir mit einem lauten Krachen ins Schloß und du zuckst jedes Mal auf’s Neue kurz zusammen. Es kommt dir vor wie ein riesiges Labyrinth, aus dem es keinen einzigen Ausweg mehr zu geben scheint. Es ist bedrückend, du wirst von allen Seiten angestarrt. Du würdest gerne flüchten, aber wohin? Nach einem endlosen Marsch zeigt man dir dein neues Zuhause: Ein simpel eingerichtetes Zimmer, Gitterstäbe vor dem winzigen Fenster, keinerlei persönliche Gegenstände. Du wirst reingeschubst und die schwere Tür wird von außen verschlossen. Für einige Minuten bleibst du mitten in diesem viel zu kleinen Mäusekäfig stehen, es fängt an in dir zu brodeln. Eine ungeheure Wut macht sich innerhalb kürzester Zeit in dir breit, staut sich auf. Du ballst die Faust, bis die Knöchel in einem grellen Weiß leuchten: Es muss rausgelassen werden, du musst einen kurzen Schmerz spüren, um wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen zu können. Die Faust schnellt gegen die Wand. Mehrere Male, bis das erste Blut fließt.

Du lässt dich auf das Bett fallen, den Blick an die Decke gerichtet. Spinnweben, abblätternde Farbe, die hell erleuchtete Glühlampe. Die Hand schmerzt. Die Decke wird über den Kopf gezogen. In der Nacht bekommst du kaum ein Auge zu. In diesen Stunden ist es am Schlimmsten. Diese Ruhe, die dich heimsucht, die Wände scheinen immer näher zu kommen. Dämonen und Ängste suchen deine Gesellschaft, wollen dich zum teuflischen Tanz einladen, du selbst könntest ganz gut darauf verzichten, aber sie lassen dich nicht los. Wie ein hartnäckiger Virus, der sich mit Medikamenten nicht eindämmen oder vernichten lässt. Du wälzt dich von einer Seite auf die nächste und merkst, wie sich eine Panikattacke anschleicht. Das Herz rast, du bekommst fast keine Luft mehr und der langanhaltende Heulkrampf hält dich auf Trab, bis du am Ende völlig fertig in den langersehnten Schlaf fällst.

‚…and it’s hard. So hard.‘

Beim Aufwachen bemerkst du als allererstes die angeschwollene Hand, danach das blutverschmierte Laken. Der Kopf dröhnt. Du schaust in den Spiegel und die Nacht steht dir ins Gesicht geschrieben. Rot unterlaufene Augen. Die darunterliegenden Ringe kann man schon fast nicht mehr zählen. Du machst dich notdürftig frisch. Kurz darauf holt dich der Wärter ab, es geht in den großen Speisesaal. Überall um dich herum wuseln Menschen, alles ist unruhig, voll und laut. Es überfordert dich maßlos und dieses Gefühl der Unbehaglichkeit wird immer stärker. Du sitzt vor deinem Essen, stocherst in diesem rum, bekommst aber einfach keinen Bissen runter. Und wenn doch, bemerkst du, dass einfach alles gleich schmeckt. Nichts hat mehr Geschmack. Alles scheint fade und öde. Du schiebst das Tablett zur Seite.

Kurz darauf lässt man euch auf den Hof. Meterhohe Mauern, egal, wo man auch hinschaut. Dieses einengende Gefühl, diese Lebensfreude, die dir irgendwann abhanden gekommen ist. Stattdessen gibt es da diese lähmende Leere, Traurigkeit und ebenfalls diese Gedanken, die sich um Suizid drehen. Die anderen hingegen spielen Basketball, genießen diese Zeit an der frischen Luft und tauschen sich mit den Mitgefangenen aus. Andere trainieren und sind voller Tatendrang und versuchen das beste aus ihrer Situation zu machen.

Der wolkenbehangene Himmel bricht nach und nach auf, ein typisches Aprilwetter macht sich breit: Es fängt an zu regnen, während ein angenehmer Frühlingswind deinen Körper umhüllt. Deine Nase nimmt diesen typischen Geruch war, der da ist, wenn es schon viel zu lange nicht mehr geregnet hat. Während die meisten Schutz im Inneren suchen, stehst du mitten auf dem Hof. Spürst die Tropfen auf deiner Haut und du realisierst, dass du seit einer gefühlten Ewigkeit nichts mehr gespürt und wahrgenommen hast. Alles zog nur an dir vorbei. Wie so ein ICE, der an einer Haltestelle durchrauscht, während du am Bahnsteig stehst und vergebens auf eine Mitfahrt hoffst. Du schließt die Augen, du merkst, wie die Klamotten immer mehr Wasser aufsaugen. Nach einem wahren Wolkenbruch blitzt die Sonne hervor, versucht mit ihren eindringlichen Strahlen deine leichte Gänsehaut zu verjagen. Du öffnest die Augen und siehst einen wunderschön leuchtenden Regenbogen, während du in der Ferne Möwengeschrei wahrnimmst. Ein Geräusch, welches dich schon immer beruhigen konnte und ein Stückchen Heimat mit sich trägt.

Da ist es, auf was du viele Monate warten musstest: Diese gewisse Spur von Hoffnung und Zuversicht. Du weißt, dass das noch nicht das Ende ist, es aber ein stetiger Kampf bleiben wird, um dich immer und immer wieder auf’s Neue an die Oberfläche zu kämpfen. Nach draussen, wo das Leben stattfindet. Und wie man sich nach jeder Phase alles neu beibringen muss: Laufen, sprechen, Spaß zu haben, die kleinen Dinge zu genießen, Gesellschaft ertragen, die innere Leere, Einsamkeit und Ausweglosigkeit besiegen.

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Es tut mir furchtbar leid, dass es mal wieder so viel geworden ist, aber ganz ehrlich: Dieses neue Album von Sorority Noise ist so unglaublich gut geworden, dass ich es nicht anderes in Worte fassen kann. Es ist schwere Kost, keine Frage. Es geht um Schmerz, Verlust und um die psychische Angelegenheit namens Depression, die außenstehenden wirklich nur schwer verständlich zu machen ist. Auch ich bin von dieser heimtückischen Krankheit betroffen, wahrscheinlich habe ich deswegen dieses bestimmte Bild von einem Gefängnisaufenthalt im Kopf, welches diese ganze Ausweglosigkeit beschreiben soll, wenn man sich eben in einer eher schlimmeren Phase befindet und weder vor noch zurück kommt.

Ich höre diese Platte gerade zum 10ten Mal hintereinander und es erwischt mich immer wieder. Da ist kein Song, der sich abnutzt, ganz im Gegenteil- es entwickeln sich alle nach und nach zu einem mächtigen Wirbelsturm, der berührt, aufwühlt und hier und da die eine oder andere Träne zum Vorschein bringt. Ein Album mit Tiefgang, welches an alten Wunden kratzt, aber auch die neuen nicht am Straßenrand liegen lässt.

Das Leben als einen riesigen unendlichen Marathon sehen: Mit sämtlichen Hürden, die dir ab und an ein Bein stellen und dich nicht mehr aufstehen lassen. Durchbeißen, auch wenn es schmerzt. Kampfgeist zeigen und an selbstgesteckten Zielen festhalten, seien sie für andere auch noch so klein und unwichtig. Versuchen aufzustehen, um nicht auf der Strecke zu bleiben und von anderen überrannt zu werden. Es ist und bleibt anstrengend, gerade mit den ganzen Dämonen, die sich häuslich bei einen eingerichtet haben und einen plötzlich von dem einen auf den anderen Tag alles wegnehmen können, was man sich mühsam erarbeitet hat. Wie ein Kartenhaus, das in sich zusammenfällt. Manchmal in Zeitlupe, manchmal rasend schnell.

Ach, ich könnte wahrscheinlich noch mehrere Geschichten hier niederschreiben, die in meinem Kopf rumspuken, wenn das Album bei mir läuft. Es lässt schwer atmen, man findet sich in vielen Textzeilen wieder. Dieses Gefühl, dass man damit nicht alleine ist und es eben eine Band wie Sorority Noise gibt, die so brutal und ehrlich die Schattenseiten des Lebens in Texten verpacken kann, ohne dabei in irgendeiner Art und Weise aufgesetzt zu klingen. Da stecken so viele persönliche Details und Geschichten drin, wie sie nur in Tagebüchern zu finden sind. Hört man sich die Lieder an, ist es so, als ob man heimlich in diesem blättert, sich sämtliche geschriebene Sätze durchliest und ein wenig angst davor hat, dabei ertappt zu werden.

Persönlich. Ehrlich. Zu Tränen rührend. Herzergreifend. Wenn ich könnte, würde ich diese Band umarmen. Einfach so. Welch ein starkes Album, für mich definitiv jetzt schon unter den Top 5 diesen Jahres. Das ist Fakt! Und wie auch wirklich jeder verdammte Song ein Ohrwurm ist, das habe ich auch wirklich selten! Vielen Dank an Sorority Noise für dieses Meisterwerk. Ich bin verliebt!

Bitte bestellen und nicht vergessen, euch diese Band im Mai anzusehen!

SORORITY NOISE – TOUR 2017
FUZE Magazine | Getaddicted.org | Livegigs | Ox-Fanzine

22.05. Köln – Tsunami Club
23.05. Hamburg – Hafenklang
24.05. Amsterdam – Winston
25.05. Antwerpen – Kavka

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