‚…it’s a bad neighborhood.‘

Eine Depression ist wie ein chronischer Schmerz. Nicht auszumachen, da dieser immer an verschiedenen Stellen auftritt. Als stechender Kopfschmerz, der die Gedanken, Erinnerungen, Zweifel und Ängste durcheinander wirbelt, bis das Hirn am Ende nichts mehr auf die Reihe bekommt. Als Herzstolpern, welches bis kurz vor einer Panikattacke stattfinden kann. Als schwerer Gesteinsbrocken, der auf dem Brustkorb gelagert wurde, einen nicht mehr richtig atmen und aufstehen lässt. Wie ein Käfer, der sich auf dem Rücken befindet und um sein Leben kämpft, um wieder halbwegs auf die Beine zu kommen.

Die Nächte sind viel zu kurz. Wahnsinnige Probleme beim Ein- und Durchschlafen. Wenn man es doch irgendwann geschafft hat, die Augen zu schließen, wird man von schlechten Träumen verfolgt, die einen aufschrecken lassen. Die Zeit, die man anschließend verbraucht um sich zu sammeln und sicherzustellen, dass das alles nicht der Realität entspricht, zieht sich wie Kaugummi. Gerädert geht es somit am nächsten Morgen zur Arbeitsstelle und wünscht sich nichts mehr als eine Auszeit. Man möchte gerne seine 7 Sachen zusammenpacken und spurlos verschwinden.Man möchte nichts mehr von der Welt mitbekommen- ob Kriege, Naturkatastrophen, Ungerechtigkeiten, Morde, Hass und was es nicht noch alles dort draußen gibt. Denn auch das schlaucht ungemein: all diese Nachrichten, die jeden Tag auf’s Neue reinprasseln. Klingt seltsam, aber ich für meinen Teil kann das alles bis zu einem gewissen Punkt nicht mehr ertragen und brauche dringend Abstand.

Vor einem Jahr begann so langsam mein großer Zusammenbruch. Eine Mischung aus gemobbt werden bei der Arbeit, Ungerechtigkeit, mich am Ende als Lügnerin darstellen und die anderen haben es gefressen. Die Psyche wurde ziemlich beansprucht, ich rutschte immer weiter ab. So sehr, dass ich Schwierigkeiten mit dem Aufstehen hatte, mir es egal wurde, ob ich pünktlich zur Arbeit erscheine. Der Körper sagte mir irgendwann sehr deutlich: STOP- bis hierhin und garantiert nicht weiter! Ein psychisches und physisches Wrack. Herzlichen Glückwunsch. Auch wenn ich seit der Jugendzeit mit dem Kram zu kämpfen haben und es mir öfter den Boden unter den Füßen wegriss, war es im letzten Jahr zum ersten Mal der Fall, dass ich deswegen einen Arzt aufsuchte.

Wie ich nervös im Wartezimmer saß und ich mir einreden wollte, dass es morgen bestimmt wieder geht und ich vielleicht doch wieder nach draußen eilen sollte. Aber dafür war ich viel zu kaputt. Das Ende vom Lied: ich war 8 bis 9 Wochen krankgeschrieben. Was soll ich sagen? Ich selbst sah es tatsächlich als Schwäche an, diesen Weg überhaupt zu gehen, weil einen doch immer und überall eingeredet wird, dass eine Depression nichts ernstzunehmendes wäre und sich selbst nur mehr in den Arsch treten muss.

Lasst euch aber eins gesagt sein: Es ist eine Krankheit, die Betroffene sehr gut verstecken können. Hinter einer aufgebauten Fassade, die ausstrahlt: Ey, mir geht’s super und um euch das zu beweisen, spiele ich ein wenig den Klassenclown für euch, um ja nicht zu sehr aufzufallen und dumme Sprüche anzuziehen und den anderen eine Angriffsfläche zu bieten.

Eine Depression ist eine Krankheit, die schon vielen Menschen das Leben kostete und genau das sollte sich jeder bewusst machen.

Seit Monaten schwankt bei mir alles erheblich. Es gibt zwischendrin annehmbare Tage, doch die meiste Zeit ist es so, als würde ich mich auf einem Schwebebalken befinden, während ich mitten im Auge eines Wirbelsturm versuche halbwegs das Gleichgewicht zu halten. Viel zu oft werde ich dabei von meinem eigenen Versagen niedergestreckt. Von der kompletten Leere, die sich rasend schnell im Inneren ausbreitet. Keine Freude, keine Wut, keine Tränen- nichts scheint in irgendeiner Art und Weise übrig geblieben zu sein. Da gibt es nur noch die Außenhülle. Irgendwie funktioniere ich bei der Arbeit, aber das komplette Leben schliddert ohne Gnade an mir vorbei- und ich kann es nicht verhindern.

Die Leidenschaft zur Musik. Puh, ich weiß nicht, was mit dieser so plötzlich passiert ist. Sie war weg. Ich meine, dass ist nichts ungewöhnliches bei mir, weil das doch schon öfter vorgekommen ist, wenn es mir nicht gut ging. Aber ich hatte sie dabei nie ganz aus den Augen verloren. Die letzten Wochen konnte mich nichts mehr erreichen. Lieblingssongs spielten keine Rolle mehr. Songtexte, die mir immer den Arsch halbwegs retten konnten, waren mir egal und sind es teilweise auch jetzt noch. Es ist harte Arbeit, das erloschene Feuer wieder neu zu entfachen. Es war mal einfacher, jetzt scheint es fast unerreichbar zu sein, dabei habe ich doch verhältnismäßig viel Musik gehört. Viel von Linkin Park, weil dort so viel an Gedanken drinsteckt, die ich selber tagtäglich im Kopf habe.

Ich taste mich langsam wieder ran.

Ich krame meine Lieblingskünstler raus, schmeiße Scheiben von Yellowknife, Red Tape Parade und Matze Rossi Richtung Plattenspieler und versuche mir langsam wieder eine Verbindung zu all den Stücken aufzubauen. Mich daran zu erinnern, wie Musik zu meiner allerersten großen Liebe wurde. Was ich mit den Künstlern verbinde, wie ich überhaupt auf diese aufmerksam wurde und welche Auftritte mich am meisten berührten. Kurz gesagt: Zur Abwechslung auch mal versuchen sich an gute und unvergessliche Momente zu erinnern.

Ich habe während einer Tour in diesem Jahr eine Person kennengelernt, mit der ich mich auf Anhieb sehr gut verstand und wir auch über dieses Thema sprachen. Depression. Und mein Gegenüber meinte zu mir: ‚Also. Wenn ich ehrlich bin- du wirkst auf mich nicht wie jemand, der diese Krankheit hat. Du bist aufgeschlossen, gut gelaunt und- bist du dir sicher, dass du wirklich an Depressionen leidest?!

Ja, als betroffene Person kann man eben auch für Außenstehende völlig normal wirken. Ich meine: Sind wir ja auch. Wir haben gute Phasen. Können unbeschwert lachen, an irgendwelchen Veranstaltungen teilnehmen, einfach am Leben teilnehmen, wie es jeder andere macht. Wenn ihr uns in dieser guten Zeit begegnet, dann solltet ihr diese Krankheit wirklich nicht in Frage stellen. Denn sie ist Real. Und nichts ausgedachtes.

Im Moment ist es bei mir so, dass ich es nicht mehr großartig vor die Haustür schaffe, außer ich muss Richtung Arbeit oder kurz rüber zum Penny. Mein Arzt meinte im letzten Jahr, dass ich mich auch an freien Tagen einfach aufraffen und rausgehen soll. Für einen längeren Spaziergang, oder eben nur eine kurze Runde um den Block. Aber das funktioniert nicht. Selbst heute, an meinem zweiten freien Tag, habe ich die Wohnung nicht verlassen, auch wenn der Kühlschrank leer ist. Manchmal kann ich andere Menschen einfach nur sehr schwer ertragen.

Ich schaffe es auch nicht auf irgendwelche Nachrichten zu antworten. Ich ziehe mich teilweise komplett zurück, was mich dann auf der anderen Seite noch mehr in die Scheiße reiten kann. Aber mein Kopf sagt mir in Dauerschleife, dass mich sowieso keiner vermisst und es anderen völlig egal ist, ob ich auf irgendwas reagiere.

Mein Kopf sagt mir vieles: Ich bin und werde niemals genug sein. Ob als Arbeitnehmer, Familienmitglied, Freundin, Mensch.

Egal, was ich in Angriff nahm- bei anderen wurde es zu GOLD, bei mir stellte sich das komplette Gegenteil ein. Nichts bekomme ich auf die Reihe, ein Fehler nach dem nächsten in meinem Lebenslauf. Und ich bin dabei schon vielen Menschen begegnet, die mir das Tag für Tag immer auf’s Neue bestätigten. Dass meine Anwesenheit auf dieser Welt ein kompletter Fehler ist.

Und ganz ehrlich: Wenn diese Leidenschaft nicht mehr zurückkehrt, was bringt der ganze Kram dann überhaupt noch?

Musik war immer mit mein einziger Halt gewesen, auf Konzerten konnte ich zumindest ein wenig abschalten, der geschundenen Seele etwas Gutes tun und das Herzstolpern verschwand.

Dieses ständige von vorne anfangen, Puzzleteile zusammenfügen, für die man Monate braucht, macht auf Dauer lebensmüde.

Genug für heute. Ich höre schon den Plattenspieler schreien: Ey, leg doch mal wieder das Album von Yellowknife auf- das hast du doch immer so gerne gehört!

 

 

 

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