‚…and I drive myself crazy..‘

Bei Facebook fragte ich in die Runde, ob unsere Leser/innen gerne auch in der Zukunft weitere Artikel über das Thema Depression bei SCTYS vorfinden möchten und ein ‚Gefällt mir‘ Klick folgte dem nächsten. Somit ist das für mich abgespeichert und je nach dem wie ich es schaffe, werden Sachen darüber erscheinen. Vielleicht finde ich andere Menschen oder auch Musiker, die sich dazu äußern möchten und ab und an werde ich euch meine aktuelle Lage schildern oder mich einfach darüber auskotzen, wie ignorant noch viele Leute gegenüber solchen Krankheiten sind (wie letztens drüben bei Twitter jemand behauptete, dass diese Krankheit gar nicht existieren würde und überhaupt und alles, was danach von dieser Person dazu geschrieben wurde, sehr abwertend war.).

Mir hilft es tatsächlich auch, wenn ich drüber schreiben kann, sofern es mir eben gelingt, weil ich so tatsächlich besser die Worte finden kann als in einem persönlichen Gespräch mit xy.

In letzter Zeit habe ich mich dabei erwischt, wie ich mir dachte: Ich wäre gerne normal. Ich wäre gerne kerngesund. Bis dann die Frage in mir aufkam: ‚Wie ticken wohl die gesunden Menschen so, die dann eher mal schlechte Laune oder eine kürzere Verstimmung aufweisen?‘ Ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Daran kann man sehr gut erkennen, dass ich schon immer ‚anders‘ war als meine Mitmenschen, aber mir erst sehr sehr viel später ein Licht aufging, warum das so war und ist. Überall liest man Sätze, wie: Man kann lernen mit einer Depression zu leben. Aber hat schonmal jemand gefragt, ob man das überhaupt möchte? Versteht mich nicht falsch: Wer das kann- Hut ab! Dennoch nimmt man die schlechten Phasen weiterhin mit, eventuell etwas abgeschwächt, aber noch immer vorhanden. Und das ist die Sache, die unheimlich viel abverlangt. Dieses ständige kämpfen, die verkorksten Nächte (nicht ein- und durchschlafen können, fiese Träume, aufschrecken mitten in der Nacht,…), Fassade aufrecht erhalten, obwohl es darunter gerade ziemlich bröckelt. Kurz gesagt: Man geht durch die Hölle und verbrennt sich dabei nicht nur die Finger.

Es ist, als ob ich im Knast gelandet bin. Stets gefangen im eigenen Kopf und ich pendel zwischen einer normalen Zelle, dem Todestrakt und ab und an schaffe ich es zu türmen.

Normale Zelle: Den Fraß, den ich zu mir nehme, zeigt kaum eine Veränderung von Tag zu Tag, weil es mir egal ist. Weil alles gleich und fade schmeckt. Ab und an schiebe ich den vollen Teller zur Seite, weil ich nichts runterbekomme. Ich schaffe es wieder etwas mehr vor die Haustür, für einen Spaziergang am Hafen oder für ein kurzes Treffen mit Freunden. Der Kopf dröhnt nicht mehr jede Sekunde, sondern nur noch alle 10 Minuten- ein kleiner Fortschritt. Ich bin kein emotionaler Eisklotz mehr, einzelne Emotionen kehren langsam wieder zurück. Auf der Arbeit werde ich manchmal ganz gut abgelenkt, aber wenn ich am Abend wieder in meine Wohnung ankomme, lastet diese Leere erneut schwer auf den Schultern und kaum sitze ich auf dem Sofa, kommt diese eine Stimme zum Vorschein, die ich vorher ganz gut im Zaum halten konnte und somit lande ich  langsam aber sicher erneut im…

…Todestrakt: Das Aufstehen lohnt sich nicht mehr. Alles schmerzt. Es ist, als ob ich täglich einen riesigen Ballast von 50kg mit mir rumschleppe und deswegen muss ich mehr Verschnaufspausen einlegen als üblich. Fremde Menschen sagen mir, ich solle mehr lachen. Aber selbst das bekomme ich mit viel Anstrengung nicht hin und ein gefaktes Lachen stößt mir sauer auf. Ich kann all das Leid nicht mehr ertragen. All diese schlechten Nachrichten überall: Terrorismus, Krieg, Morde, undundund. Fremde Menschen sagen mir, dass sie meine Frisur scheiße finden. Komischerweise immer, wenn diese in einer Gruppe unterwegs sind (oder umgeben sind von Leuten), damit es ja alle mitbekommen. Ich hasse es regelrecht, diese ‚Alle Gegen Einen‘ Einstellung. Für die anderen ein Spaß für zwischendurch, für mich in schlimmen Phasen eine Tortur. Erinnert mich wohl alles zu sehr an die Vergangenheit, an die Schul- und Ausbildungszeit. Ich möchte nur, dass Menschen verstehen, dass sie selbst mit solchen Aussagen (‚Scheiß Frisur!‘ oder ‚Scheiß Figur!‘, etc) eine wahre Kettenreaktion auslösen können und das für viele Menschen einfach ein weiterer Schlag in die Magengrube ist und alles zum endgültigen Kippen bringen kann.

Ich kann die Frage ‚Warum lohnt es sich weiterzuleben?‘ nicht mehr beantworten und bin darüber gar nicht mehr erschüttert. Mein Kopf sagt mir pausenlos, dass ich eine Versagerin bin und einfach nichts auf die Ketten bekomme. Ich isoliere mich, verkrieche mich unter der Bettdecke und möchte nichts mehr mitbekommen. Ständig werde ich von irgendwelchen Erinnerungen eingeholt. Ob sie nun 5 Jahre zurückliegen oder erst wenige Tage. Alles wird immer schneller, Arbeitgeber fordern immer mehr für den Mindestlohn. Wenn es nicht mehr läuft, dann wird man ersetzt und das bekommt man deutlich zu spüren. Existenzängste. Wo soll ich hin? Wie soll ich die nächsten Rechnungen zahlen? Wer bin ich überhaupt? Warum fühle ich mich wie in einem viel zu kleinen Hamsterrad? Ich laufe und laufe und laufe- komme aber dennoch nicht vorwärts. Es ist frustrierend. Ich habe in meinem Leben schon so viel geweint, dass es locker für 10 Leben reichen würde. Die Hersteller von Taschentücher könnten sich keine besseren Abnehmer dieses Produktes vorstellen und verdienen sich bestimmt dumm und dämlich an uns.

In letzter Zeit halbierte sich mein Ballast. Es war, als ob plötzlich etwas von mir abfiel. Ein schwer zu beschreibendes Gefühl. Dennoch bin ich diese extreme Phase noch nicht los, spülte sie mir Tage später wieder diversen Müll ins Hirn. Als ob die Depression sich nur kurz zurückzog um Luft zu holen, erneut anzugreifen und mich gerne ganz auf dem Boden sehen möchte. Schon wieder.

Ich stehe mit einem Fuß in der normalen Zelle, der andere befindet sich im Todestrakt. Wer weiß- vielleicht schaffe ich es bald zu türmen. Für einen kurzen Moment.

‚Maybe it’s gonna turn out alright/and I know that it’s not but I have to believe that it is.‘

 

 

 

Vergleich: Leben mit einer Depression

Wie im Knast zu sitzen- im Todestrakt.

 

 

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