Nathan Gray: Seelenstriptease in Köln, München und Karlsruhe.

‚Ey, du hattest doch FERAL HYMNS schon so abgefeiert, ne? So mit Platte des Jahres und solch einen Kram. Diese Euphorie kannst du bestimmt nicht mehr steigern!‘
‚Herausforderung angenommen!‘

Das Album läuft seit Mitte Dezember tatsächlich jeden verdammten Tag bei mir, es scheint nicht mehr ohne zu gehen. Seine kleine Solotour war nach nur kurzer Zeit restlos ausverkauft und in meinem Kopf ging das viele Wochen lang so: BOAH! Das kann doch nicht sein- ich muss irgendwie an eine Karte kommen. Egal für welche Stadt. Ich MUSS die Songs, die sich mir nur binnen weniger Minuten ins Herz brannten, LIVE erleben!

So ergatterte ich 2 Tage vor der ersten Show in Köln ein Ticket und für München und Karlsruhe sorgte der liebe Oise dafür, dass ich an diesen Abenden dabei sein durfte. (Danke! Internetherz und so!)

Was kann ich zusammengefasst darüber berichten? Über die Songs? Über die Atmosphäre? Nun, kurz gesagt: Es war viel mehr als ein normales Konzert, welches man sich hier und dort mal ansieht und sich davon berieseln lässt.

Warum? Das verrate ich euch sehr sehr gerne, auch wenn ich jetzt schon weiß, dass ich nicht die passenden Worte finden werde. Die Locations waren klein, übersichtlich und hatten einen Hang zur Gemütlichkeit. Bei der Tour gab es nie einen Support, was ich persönlich sehr befürwortete. Erstens ist das für mich alte Frau richtig gut, wenn das Konzert um 20 Uhr beginnt und zwischen 21.30/21.35 Uhr endet und man einem gepflegten Hotelzimmergammel nachgehen kann. Zweitens fließt sämtliche Konzentration von den Besuchern in den Auftritt von Nathan. Denn mal ehrlich: Wie schlimm es gewesen wäre, wenn im Vorfeld irgendein ‚Das Leben ist geil! Wir können alles, was wir nur wollen! Los, singt alle mit!‘ Singer/Songwriter über die Bühne gefegt wäre, oder? Eben!

Stattdessen stiefelte Herr Gray pünktlich und unspektakulär um 20 Uhr auf die Bühne, hing sich die Gitarre um und fing an. Das Publikum war so still, aufmerksam und respektvoll, dass mir da schon zum ersten Mal eine Gänsehaut entgegen kam. Es erinnerte an kein klassisches Konzert, stattdessen an eine intime Therapiesitzung, bei der scheinbar jeder im Raum sein eigenes Päckchen zu tragen hatte- und Nathan packte seins vor all unseren Augen aus.

Ein Mann, der sich auf die Bühne stellt, sichtlich mit den Tränen kämpft und vor dem Song Echoes über die schlimmen Ereignisse redet, die er in seiner Kindheit erlebt hat: Sexueller Mißbrauch. Seine Rede rührte uns alle zu Tränen und wer wollte in dem Moment nicht gerne auf die Bühne springen, um Nathan eine feste Umarmung zu geben? Seinen tiefen Schmerz und die tiefsitzenden Erinnerungen teilte er mit uns, um anderen, die ähnliches erlebt haben, zu helfen. Um den Menschen zu sagen: You are not alone. Vertrau dich jemanden an, sprich darüber, auch wenn es nicht heute oder morgen sein wird, aber mach es- ansonsten wirst du daran zerbrechen.

Foto: Tim Bruening.
Foto: Tim Bruening.

Beim Coversong Leap Year Of Faith von Red Tape Parade sprach er im Vorfeld wunderbare Worte über Wauz, Sänger der Band, welcher vor 5 Jahren an Krebs starb. Eine Version, die mich immer wieder an den Tag der Beerdigung in Berlin erinnerte. An die Interviews mit den Bandmitgliedern und danach noch das allerletzte Konzert von RTP, bei dem unter anderem eben auch Nathan einige Songs sang und der letzte Titel auf der Setlist Leap Year Of Faith war- die Band spielte, während die Stimme von Wauz vom Band kam. Somit also mehr als berührend und traurig, als er diesen bei seiner Solotour spielte.

Man merkte Nathan an, wieviel Kraft ihm diese Auftritte kosteten, schließlich musste er jeden Abend durch seine Vergangenheit. Durch seine Erlebnisse, die alten Wunden wurden stets neu aufgerissen, um sie dadurch wieder etwas besser verschließen zu können. Denn: Reden hilft, um den tonnenschweren Ballast zumindest für einen Augenblick leichter werden zu lassen. Um der Depression entgegen zu wirken und dieses berühmte Licht am Ende des Tunnels Schritt für Schritt näher zu kommen.

Er nahm uns alle mit auf seiner ganz persönlichen Achterbahn der Gefühle. Es wurde gemeinsam gelacht und geweint. Der eigene innere Schmerz, unsere eigene kleine Hölle, war zum Greifen nah, aber Nathan ließ uns damit definitiv nicht alleine am Wegesrand liegen. Nein, er schenkte uns Hoffnung mit seinen Worten und Songs. Er führte uns durch die Dunkelheit, durch Höhen und Tiefen. Ich habe selten Musiker erlebt, die so offen über solche Dinge sprechen, weil es leider noch immer Tabuthemen in der Öffentlichkeit sind. Sexueller Mißbrauch? Depression & co? Davor verschließt die Menschheit noch immer liebend gerne die Augen und es wird alles schön geredet, bzw. eher mit einem falschen Lächeln das Thema gewechselt- weil es unangenehm erscheint und daran muss sich definitiv etwas ändern. Und ich habe für mich selbst erneut entschieden, mehr darüber zu schreiben, weil ich weiß, dass es die richtigen Leute lesen werden und eventuell auch etwas Kraft und Mut daraus schöpfen können, um offen und ohne angst (vor Vorurteilen) damit umgehen zu können.

Seine Musik und er als Mensch sind wahre Geschenke für uns. Anders kann ich es einfach nicht sagen. Ein Mensch, der so viel Dankbarkeit ausstrahlte, weil wir vor der Bühne standen oder saßen und zuhörten. Weil er seit so vielen Jahren Unterstützung von seinen Fans erhält und er es bis heute nicht richtig begreifen kann. Einer der ganz großen Musiker unserer Zeit.

Das waren Abende im Wechselbad der Gefühle. Nathan war unser aller Sprachrohr und zeigte, dass man seinen Emotionen freien Lauf lassen sollte. Dass man sich anderen Menschen anvertraut, dadurch eine Art Kettenreaktion ausgelöst wird und der Stein endlich ins Rollen kommt.

Abende, die der Seele unglaublich gut taten und sich für immer in mein kleines schwarzes Herz brannten. Und wie ich am Anfang schon vermutete: Ich finde einfach nicht die passenden Worte für diese Auftritte, weil es mich auf der einen Seite regelrecht sprachlos machte, auf der anderen Seite aber der Kopf voll ist mit Sachen, die ich gerne schreiben wollen würde, aber ich es schlicht und einfach nicht hinbekomme.

Dann bleibt mir nur zu sagen: Die Daten für Mai wurden veröffentlicht und bitte lasst euch das nicht entgehen! Mit dabei wird er Ben Christo (Gitarre/Keyboard) und Isabelle Klemt (Cello) haben. Das wird wunderbar!

An Evening with Nathan Gray

Nathan Gray performing his solo album & songs by The Casting Out & Boysetsfire
accompanied by Ben Christo (guitar, keys) and Isabelle Klemt (cello).
++++Tickets: HIER!++++
22.05.18 Bremen – Modernes
23.05.18 Leipzig – UT Connewitz
24.05.18 Berlin – Heimathafen
25.05.18 Wiesbaden – Ringkirche
26.05.18 Iserlohn – Dechenhöhle
präsentiert von Visions, Fuze, More Core, Heartcore Mag

EVER FORWARD.

 

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