#fuckdepression.

Bisher befinde ich mich in einer stabilen Phase, klar, hier und da mit kleinen Aussetzern, aber zum größten Teil bin ich einfach wieder ich. Ich kann beherzt lachen, mit anderen rumblödeln, die innere Unruhe ist verschwunden, komme ganz gut aus dem Bett, Schlafprobleme sind noch vorhanden. Ich erfreue mich daran, dass draussen alles in einem satten Grün erstrahlt, höre täglich Musik und kann es kaum erwarten bis die Tour von Nathan Gray startet und ich von Stadt zu Stadt fahre, in Hotels einchecke und Freunde in die Arme schließen kann oder eben in der Masse von fremden Leute verschwinde und die Shows genieße.

Aber es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich die Depression komplett zur Seite geschoben oder gar vergessen habe. Ganz im Gegenteil- sie ist präsent und das an jedem einzelnen Tag. Ich weiß, dass sie mein ständiger Begleiter ist. Ein wabernder Vulkan, der in jeder Sekunde erneut ausbrechen kann und ich wieder anfangen muss um mein Leben zu rennen. Dabei bleibt es stets offen, ob ich der tödlichen Lava nochmal entkomme oder ich das Handtuch werfe und schlicht und ergreifend aufgebe. Es gibt nur diese zwei Optionen. Nicht mehr und nicht weniger.

Scott Hutchison, Sänger von Frightened Rabbit, hat diesen Spießroutenlauf leider -wie viele andere auch- verloren. Ein Schock für Familie, Freunde, Band und Fans. Bis zuletzt wurde an jeder Front gehofft ihn lebend zu finden, aber sein letzter Plan war ein anderer.

Es trifft mich solche Nachrichten zu lesen. Wie ein Schlag in die Magengrube, nur um vielfaches schlimmer. Alles zerbröselt innerlich, das Herz macht seine berühmten Aussetzer. Eine Mischung aus: so könnte es mir auch ergehen, wenn die Kraft wirklich nicht mehr ausreicht und das Verständnis, warum eine Person diesen Weg wählt.

‚Sprich mit jemanden!‘- Da liegt schon der erste Fehler aus der ‚Gutgemeinte Ratschläge für Menschen mit Depressionen‘ Fibel. Klar, bei den einen oder anderen kann das helfen. Aber diese Krankheit ist eben nun mal wie Krebs, ein Beinbruch oder eine Grippe- die Symptome sind von Mensch zu Mensch verschieden, ebenso wie der Schweregrad. Ich für meinen Teil kann in den extremen Phasen nicht einfach irgendwo anrufen, geschweige denn jemanden schreiben, um mir was von der Seele zu reden. Das funktioniert nicht. Die Depression schnürt mir die Kehle zu, kurze Nachrichten per Whats App oder Messenger zu verschicken kostet mich enorme Kraft, der Anruftyp war ich auch noch nie. Mir bringt es dann auch nichts, irgendwelche Floskeln wie ‚Wird schon wieder!‘, ‚Anderen geht’s viel schlechter. Schau doch mal was in Afrika los ist, zum Beispiel. Du hast es doch gut! Hast einen Job, Lebensmittel im Haus und eine Wohnung. Also reiß dich mal zusammen!‘, ‚Mach Sport!‘, ‚Ich habe auch ab und an schlechte Laune- geht nach ein paar Tagen von allein weg. Also Kopf hoch!‘, etc. zu hören. All das reißt noch mehr runter, bzw. der Abstand zur Klippe wird immer geringer, bis man irgendwann die Balance verliert.

Viele wissen einfach nicht, wie hart dieser Kampf ist. Wie hart es ist einfach zu atmen. Zu existieren. Diese Leere und Einsamkeit zu spüren. Ein ganz anderer Mensch zu sein, der ständig diese eine Stimme im Kopf ertragen muss. Eine Stimme, die dir immer auf’s Neue beweist, wie wertlos du bist. Eine Stimme, die dich an deine Fehler erinnert, dich innerlich auffrisst und Schmerzen verursacht, bis man sich auf dem Boden krümmend wiederfindet und nicht aufhören kann zu weinen. Eine Stimme, die dir sagt: ‚Ey, guck mal! Die Brücke dort hinten hätte doch die optimale Höhe, findest du nicht?!‘ Eine Stimme, die dich umbringen möchte, weil du ihr irgendwann alles glaubst. Ja, ich habe es nicht verdient an diesem Leben teilzunehmen. Ja, meine Kraft ist am Ende. Ja, ich habe meinen Freunden viel zu viel zugemutet und sie können mein depressives Ich nicht mehr ertragen. Ja, ich möchte einfach nicht mehr. Ja, ich kann die Schmerzen, Hoffnungslosigkeit, Dunkelheit, all die Zweifel, den ganzen Hass in der Welt nicht mehr auf meinen Schultern tragen.

Die Last ist enorm. Betroffenen sieht man es nicht an, weil viele gelernt haben, sich einfach eine gutgelaunte Maske für den Alltag aufzusetzen, um diese am Abend in den eigenen vier Wänden fallen zu lassen. Ich wünschte, dass ich das ebenfalls könnte, aber selbst dafür fehlt mir die Kraft. Stattdessen wird mir schlechte Laune vorgeworfen, ohne zu hinterfragen. Einfach irgendeine Grütze an den Kopf werfen und sich so und so nicht für die Person gegenüber interessieren. Das ist unsere Gesellschaft. Alle hetzen nur noch aneinander vorbei, auf ‚Wie geht es dir?‘ Fragen erwartet man stets ein ‚Gut, und dir?‘, bei allen anderen tiefgründigeren Antworten wird abgewunken und vertröstet. ‚Ja, erzählst du mir dann beim nächsten Mal, okay?‘

Aber da kann es schon zu spät sein.

 

 

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Ein Gedanke zu “#fuckdepression.

  1. Wer an Depressionen leidet, kann nur bedingt eine Gute-Laune-Maske tragen. Es kommt darauf an, wie schwer die Depression aktuell ist. Hat man eine schwere Depression, mag man nicht mal aus dem Bett aufstehen. Man verbringt dann viel Zeit im Bett, weil man keine Kraft mehr hat und weil es der einzige Ort zu sein scheint, der einem „Schutz“ bietet.

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