Citizen Tim- Hospital Breakfast Conversations

Kurze Fakten

Musiker: Citizen Tim (SingerSongwriter)
Aus: Saarbrooklyn
Album: Hospital Breakfast Conversations
Veröffentlicht: 18. Mai 2018
Label: Midsummer Records
Anspieltipps: The Sweetest Melody On Earth, Heroes, Swan Song
Bestellen: Hier!

Trifft man zum allerersten Mal auf Citizen Tim, dann hat man nur nach wenigen Sekunden folgende Adjektive im Kopf: quirlig, liebenswert, durchgeknallt, aufgeschlossen, frech, sympathisch. Ein Typ, der einen direkt ans Herz wächst, ob man nun will oder nicht. Zumindest mir erging es so, als sich unsere Wege gegen Ende des letzten Jahres in Mannheim kreuzten. Ein Gefühl, als ob man sich nicht erst seit diesem Abend kennen würde, sondern schon viele viele Jahre. Eine direkte Vertrautheit war da und ließ auch bis heute nicht locker.

Ein Typ mit viel Gefühl, Tiefgang. Ein guter Freund, Zuhörer und Beobachter. All das spiegelt sich in seinem Debütalbum wider.

Lege ich Hospital Breakfast Conversations auf, versinke ich in der hintersten Ecke meiner Couch, ziehe die Decke bis unter die Nase, schließe die Augen und befinde mich in einem riesigen Krankenhaus, im stressigen Mittagschaos. Ich sitze direkt zwischen den ganzen Leuten in der Notaufnahme im Wartezimmer. Irgendwo zwischen diverser Schnittwunden, Prellungen, Fieberschüben und Unwohlsein. Ich schaue mich um- die einen sind ganz alleine da, starren an die Decke oder vergraben sich hinter einer bereits sehr abgegriffenen Zeitschrift. Alles wirkt wild, unstrukturiert, kleine übermüdete Kinder schreien sich die Stimmbänder wund oder streiten sich um das magere Angebot an Spielzeug. Durch den Lautsprecher rauscht es und mit genauerem Hinhören kann man folgendes entziffern und summt direkt mit:

‚And if you would join in, this could be the sweetest melody on earth. From our hearts, from our souls, free minded tonight. It goes like: Oh ho oho.‘

Ohrwurmtauglich, dachte ich so bei mir. Die Zeit verstrich wie zähflüssiger Honig, alles um mich herum wirkte wie in Zeitlupe. Die Patienten wurden nach und nach reingerufen, die Krankenschwestern wuselten umher, ohne den Überblick zu verlieren. Während draussen bereits die Dämmerung einsetzte, legte sich die Hektik im Wartezimmer. Mir gegenüber saß seit Stunden bereits ein älterer Mann, der ein paar zerknitterte Klamotten trug und viel zu leicht bekleidet war für die kalte Jahreszeit, die vor der Tür tobte. Einige Narben kamen zum Vorschein, die Augen konnte er nur schwer aufhalten und nickte immer wieder weg. Nur, wenn es einen Aufruf aus dem leicht defekten Lautsprecher gab, der uns mit seinem unkontrollierten Rauschen allen langsam den Verstand vernebelte, schreckte er kurz auf.

‚I don’t know who you are. I don’t know how you got here. And I just don’t care. Please fall asleep. Please just fall asleep.‘

Ich zweifelte immer mehr, ob ich hier an der richtigen Adresse bin und begann mir wie immer einzureden, dass mir nichts fehlt, ich den Ärzten nur ihre wertvolle und knappe Zeit raube und ich doch besser die Notaufnahme verlasse und es eben beim nächsten Anlauf schaffe, bzw. durchhalte. So griff ich nach meiner Tasche, schwang mich aus dem quietschenden Stuhl, der mich die letzten fünf Stunden ertragen hatte und nun mit einem großen und befreienden Seufzer aufatmete. Kurz bevor ich die Schiebetür erreichte, rannte mir eine Krankenschwester hinterher, völlig außer Atem erreichte sie mich, griff mich sanft an der Schulter und sagte: ‚Wo wollen Sie denn hin? Es tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten, aber heute war wirklich die Hölle los, aber wie sagt man an solchen Arbeitstagen immer?

At least we got a story to tell!

Na jedenfalls wollte ich Ihnen nur sagen, dass Sie jetzt an der Reihe sind. Kommen Sie mit!‘

Ich dackelte mit erhöhtem Herzschlag hinterher.

‚And all what’s left for you is breathe in, breathe out.‘

Nach einem zügigen Marsch durch drei verschiedene Flure, vorbei an Personal, Patienten und Angehörigen, kamen wir vor einem Sprechzimmer zum Stehen, die Schwester klopfte kurz an, öffnete die Tür, legte mir ihre Hand auf die Schulter und lächelte, um mich ein wenig zu beruhigen. Krankenschwestern haben diesen gewissen Blick dafür, ob ein Patient kurz vor einer kleinen Panikattacke steht und am liebsten den Rückwärtsgang einlegen und schnellen Schrittes und Hürdenlaufartig das Krankenhaus verlassen möchte. Aber an dieser Stelle gab es kein zurück mehr.

‚I can’t remember how I ended up here.‘

Ich betrat das Zimmer, alles erstrahlte in diesem typisch sterilen weiß, es roch nach Desinfektion. Der Arzt schaute mich durch seine Brille an, die ihm bereits bis zur Mitte der Nase gerutscht ist. Seine leicht ergrauten und zerzausten Haare sprachen Bände, ebenso seine Augenringe, die von den langen Arbeitsschichten mit saftigen Überstunden stammten. Dennoch machte er einen relaxten Eindruck, lächelte mild und fragte mich die Frage aller Fragen: ‚So, dann erzählen Sie mir mal- wie geht es Ihnen heute?!‘

Da brach er durch, der Staudamm, den ich in all den Jahren mühsam aufbaute, um negative Gefühle und Gedanken vor Außenstehenden zu verstecken, um eine gewisse Maske aufrecht zu erhalten, die aber besonders in letzter Zeit immer mehr anfing zu bröckeln.

‚I’m pretty scared.‘

Nachdem ich mir nach dieser simplen Nachfrage all die Tränen halbwegs aus dem Gesicht wischte, tief ein- und ausatmete, nach Luft und Wörtern rang, begann ich zu erzählen. Wie ich einfach keine Kraft mehr für das Leben übrig habe, mir alles zu viel wird, der Staudamm auch mit noch so vielen Sandsäcken nicht gerettet werden konnte, nicht mehr aus dem Bett komme, keinen Sinn mehr sehe all das weiterzuführen. Er hörte mir verständnisvoll zu, ließ seinen Blick immer zwischen meinen tränengefüllten Augen und den Narben an meinen Handgelenken pendeln. Während ich komplett zusammenbrach und mein wahres Gesicht, meine gebrochene Seele, zeigte, stand er auf, nahm sich einen Stuhl, setzte sich an meine Seite und sagte:

‚There’s a fucking thousand miles to walk. But you’re not the only person on the road. There’s the army of the broken ones, they will carry you for a while until the sun will warm your face again. But all in all you’re here and here is the swan song of the last two years. Wipe the blood off your mouth, collect your shattered teeth, here is the swan song of the last two years.‘

Ich fühlte mich gut aufgehoben, verstanden und ernst genommen. Es tat gut, endlich mal ehrlich sein zu dürfen ohne ein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen. Er reichte mir eine helfende Hand, um mich langsam aus dem Treibsand zu ziehen, der mich schon viel zu lange gefangen hielt.

‚You will miss a helping hand, just take mine if you need to.‘

Eine volle Stunde lang entwarfen wir einen individuellen Rettungsanker für meine Situation, um mich irgendwann wieder zurück in den Sattel des Lebens zu bekommen. Schritt für Schritt, ohne Eile, aber mit Stützrädern und Sturzhelm. Mit vielen Zetteln in meinen Händen stand ich auf, er brachte mich zur Tür, öffnete diese, lächelte, ließ mir noch hoffnungsvolle Worte zukommen, wir verabschiedeten uns. Als ich die ersten 10m auf wackligen Füßen den leergefegten Flur entlanglief, rief mir mein Arzt und Lebensretter noch folgendes hinterher, welches sich mir tief ins Hirn brannte:

‚And remember to follow your heart. Just follow your heart!‘

Wie ihr sehen könnt: Es gibt Alben, die mich gedanklich abdriften lassen, aber das ist in diesem Fall keineswegs negativ zu verstehen. Für mich ist das eher ein Indiz dafür, dass Hospital Breakfast Conversations jetzt schon ein wahrer Klassiker ist. Ein Klassiker, den ich gerne auflege, auch wenn mich der eine oder andere Song bricht, es schmerzt, aber auf der anderen Seite auch irgendwo eine heilende Kraft hat.

Eine erstklassige SingerSongwriter Platte, die nur so voller wunderschön erzählter Geschichten strotzt, direkt aus dem Leben gegriffen. Aus dem Beobachterstand, aber auch aus der eigenen Perspektive- ob über die tiefe Liebe zu Saarbrücken, mit all den liebgewonnen Menschen und einem guten Leben oder die helfende Hand für Freunde zu sein, die am Boden liegen und es alleine nicht mehr schaffen aufzustehen. Songs, die mitten ins Schwarze treffen ohne künstlich zu wirken. Authentisch und ergreifend bis zum letzten Ton und ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich mich selber dabei erwischte, wie ich mir zum Beispiel beim Swan Song die eine oder andere Träne aus dem Gesicht wischen musste.

Könnt ihr euch noch an Forrest Gump erinnern? Und diese berühmte Szene an der Bushaltestelle?

Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen- man weiß nie was man kriegt.‘

Das ist wahr. Aber ich kann euch genau sagen, was ihr mit Hospital Breakfast Conversations bekommt: Alles andere als einen Reinfall! Ganz im Gegenteil- dieses Album macht süchtig, mit all den eingängigen Hooklines, die einen auch noch Tage später im Gedächtnis kleben und ein Grinsen ins Gesicht zaubern. Eine Platte, die man gerne all seinen Freunden, aber auch wildfremden Menschen zeigen möchte: ‚Hier, hört mal rein! Ihr werdet diesen Typen und seine Musik lieben. Versprochen!‘

Citizen Tim. Durch dieses Debütalbum beweist er, welch ein talentierter Musiker in ihm steckt. Ohne Ausfälle, ohne lästige Lückenfüller, die man lieber überspringt. Elektrisierend und melancholisch, ohne zu sehr runterzuziehen. Aufbauend, kraftvoll und auf das Wesentliche reduziert ohne viel Schnickschnack. Hut ab und ich spreche hiermit eine unbedingte Kaufempfehlung aus! Internetherz!

P.S.: Ed Sheeran hätte das nicht besser hinbekommen! (Dieser Insider ist nur für Citizen Tim!)

 

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.