Yellowknife- Retain

Es gibt Momente, in denen man einfach nicht mehr möchte. Tage, an denen man erst nach 14 Uhr qualvoll aus dem Bett steigen kann, sich vollkommen niedergeschlagen fühlt und durch die anhaltende Appetitlosigkeit sich kaum einen Meter von der Couch entfernt, weil schlicht und einfach die Energie dafür fehlt. Die Energie für die einfachsten Schritte. Heute habe ich solch einen Tag. Vom Bett auf die Couch. Fernseher an, Fernseher aus. Auf die Wand starren. Benommenheit. Und den inneren Schmerz seinen Auftritt lassen. Durch den dunklen Schleier kam aber immer wieder ein Gedanke auf: ‚Yellowlove veröffentlicht am kommenden Freitag endlich sein zweites Album. Ich sollte mich definitiv weiter reinhören, wenn ich bis dahin noch etwas auf’s Papier bringen möchte.

There’s too much noise…

Und nun sitze ich hier- zugegeben noch immer auf der Couch und in den bequemsten Klamotten- die Kopfhörer eingestöpselt und da ist sie: diese bekannte, beruhigende, lang vermisste und wohltuende Stimme von Tobi Mösch. Als ich im August einen Tag mit dem wunderbaren Citizen Tim verbrachte, kamen wir doch auch recht schnell auf Yellowknife zu sprechen, feierten das Debütalbum Wooden Future ab, welches nun auch schon 3 Jahre auf dem Buckel hat und waren uns sicher, dass das ein Album für die Ewigkeit ist und waren gespannt auf neues Material, was dann plötzlich doch schneller um die Ecke kommen sollte als erwartet.

Denn nur kurze Zeit später ploppte aus heiterem Himmel die Nachricht auf, dass sich dieser Herr mit dem ersten Vorboten A Saturday aus seinem Nachfolgealbum Retain endlich wieder zu Wort meldet und dieser erste Song schlug bei mir ein wie eine Bombe, lief solang auf repeat bis die Laptoplautsprecher zu qualmen anfingen und vermutlich war ich schuld an den ersten 100 Klicks bei Youtube. Sorry! Was mir bei A Saturday direkt aufgefallen ist? Beim ersten We finally made it through all the dark and all the grey… lief es mir eiskalt den Rücken runter und das im positivsten aller Sinne! Denn zugegeben- so sehr ich Wooden Future liebe, aber da hätte ich mir zum Beispiel gewünscht, dass er mehr seine Stimme ausschöpft. Sie hier und da mal kräftiger, tiefer und bestimmter einsetzt. Aber das haben wir jetzt umso mehr auf Retain und ich feiere das natürlich ab, ne?!

I will always run and I will never stop again…

Alles klingt frisch, unverfälscht und geht direkt nach vorne ohne aufdringlich zu wirken. Diese Songs befinden sich erst seit kurzer Zeit in meinem Besitz, aber diese fühlen sich bereits jetzt schon so vertraut an und strahlen eine ungeheure Wärme und Intensität aus, die wirklich nur sehr schwer in Worte zu fassen sind. Es knallt an allen erdenklichen Ecken und Kanten in den schillernsten Farben und das ist auch Carsten Thumm und Christoph Nolte zu verschulden, die an Bass und Schlagzeug ihre eigene Note reinbrachten und mit diesem Werk nochmal bewiesen wird, wie gut Yellowknife als eingespieltes Trio funktioniert.

Foto: Sebastian Igel

Würde mich jemand folgendes fragen: Sag mal, wenn Retain ein Tier wäre- welches wäre das? würde ich wohl darauf antworten:

Ganz klar- eine Katze! Elegant, anschmiegsam und graziös schlängelt sie sich durch’s Leben, stets an der Seite ihrer liebsten Menschen, manchmal unsichtbar, aber dennoch immer in Reichweite. Verspielt, unternehmungslustig und immer auf dem Sprung ins nächste Abenteuer. Mal wacklig auf den Beinen, aber mit genügend Mut augestattet, um den nächsten Schritt ins Ungewisse zu wagen- meist mit Erfolg, manchmal aber landet man unsanft auf dem Boden der Tatsachen. Aber das allerwichtigste dabei: Neuen Anlauf zu nehmen, nicht stehenzubleiben, weitergehen und es beim nächsten Mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und einen neuen Versuch zu starten. Den roten Faden zu folgen, zugreifen, festhalten und wenn man merkt, dass alles in eine falsche Richtung führt- loslassen, umdrehen und einen Neustart wagen. Kämpferisch für das einstehen, was man liebt. Mal tollpatschig, mal mit Stolz geschwellter Brust. Mal Einzelgänger, mal Rudeltier. Stets mittendrin, aber mit einem gewissen Abstand. Ruhe suchen und finden. Am Ende des Tages alles Revue passieren lassen, an passenden Lösungen feilen und mit den ersten Sonnenstrahlen des anbrechenden Tages aufstehen und von vorn beginnen. Mit Optimismus, Hoffnung und neugefundener innerer Stärke.

There are countless miles to go…

Retain. Ein Album, welches sich alles andere als verstecken muss und der Debütplatte in nichts nachsteht. Eine wunderbare musikalische und stimmliche Weiterentwicklung, die mir bei jedem Hördurchgang ein Dauergrinsen ins Gesicht tackert. Es wirkt leicht und ab und an poppig, ohne aber an Gewicht und Bedeutung zu verlieren. Ein Album, welches mich bereits mehr als 1x aus dem gedanklichen Kerker geholt hat und das heißt schon was- und dafür bin ich Yellowlove auch mehr als dankbar. Irgendwo zwischen Roadtrips, Gedankenkarussell und Hoffnungsschimmer entdeckt man sich selbst wieder. Über das Festhalten und Loslassen. Über Neuanfänge und Fragen, die das Leben aufwirft. Über das Stolpern und Aufstehen. Über das Leben und seine unvermeidbaren Wendungen und Veränderungen.

Foto: Sebastian Igel

Retain. Ein Album, welches man in sämtlichen Situationen und Lebensabschnitten auflegen kann- man wird stets eine Antwort zwischen den Zeilen entdecken können und wird automatisch angetrieben, das beste draus zu machen, wie immer das auch aussehen mag.

Kurz gesagt: Beide Daumen nach oben und wer sich diese Platte nicht vorbestellt, dem ist leider wirklich nicht mehr zu helfen! Am Freitag kommt diese wunderbare Scheibe über das geliebte Grand Hotel van Cleef raus. Meine Bestellung ging bereits Ende August raus und wie sieht es mit euch aus? Und wer schon dabei ist, der kann sich direkt Tickets für die Releaseshows in Hamburg und Berlin sichern. MEGA!

Bestellen: Hier!

+++Releaseshows+++

24.10. Hamburg, Astra Stube
25.10. Berlin, Monarch

P.S: Tobi! Leider muss ich dir somit nun doch eine Pizza (PLUS Getränk nach Wahl) bei der Pizza Bande ausgeben, da mich Retain doch so flasht. Deal ist Deal, ne?

P.P.S: War die Vorgabe mit dem ‚Da muss unbedingt ein Fahrrad im Video zu A Saturday zu sehen sein, sonst wird das nicht über das GHVC veröffentlicht!‚ eigentlich vom mächtigen Rainer G. Ott?

Tracklist

1. Don’t You Ever Arrive
2. Second Hand
3. In Basements
4. Shaky Knees
5. The Twist
6. Pelicans
7. Travels
8. Whispers In The Dark
9. Over The Treetops
10. A Saturday

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