#fuckdepression 5

Viele Wochen sind vergangen. Viel Arbeitsstress lag und liegt noch auf meinen Schultern. Auf Schultern, die langsam aber sicher leichte Risse bekommen, aufgrund von all dem Ballast, der sich aufgestaut hat und sich nur schlecht wieder abschütteln lässt. Wie jemand, der unkontrolliert Sachen hortet, bis der Weg zum notwendigen Ausgang nur noch mit vielen unüberwindbaren Hürden bepflastert ist.

Ich spürte sie schon vor vielen Wochen- diese bekannte Abwärtsspirale, mal penetrant, mal fast unsichtbar, mal mit einer plötzlichen Wucht, sodass man förmlich aus den Latschen kippte. Die letzten Tage lebte ich wie ein Mönch, der ein Schweigegelübde abgelegt hat: zurückgezogen, wie ein Roboter funktionierte ich auf der Arbeit und merkte, wie müde Körper und Hirn waren. Ich sprach nicht viel, wirklich nicht. Mein Kopf war voll, aber das sprechen fiel mir schwer, es strengte an. Gefühlt hing mir das passende Songzitat von Red Tape Parade auf einem riesigen Banner über der Rübe:

I’ve got an ocean in my head, but my mouth is a desert and I cannot make it rain.

Das trifft es und zwar direkt zu 100%. Etwas, was ich nur mühevoll jemanden erklären könnte, während es Wauz mit nur einem Satz auf den Punkt brachte. Verrückt.

Auch kam ich nicht hinterher, irgendwelche Nachrichten zu beantworten, weil es mich ankotzte. Zurückziehen um jeden Preis, weil man mit der aktuellen Phase/Stimmung niemand anderen auf die Nerven fallen möchte oder jemanden zu unrecht angreift, weil man gereizt ist und einfach eine Überflutung stattfand, mit der man schlicht und einfach irgendwie alleine klarkommen muss, denn es ist einfach so: nur die wenigsten wissen, welch ein Chaos in einem herrscht. Sich versuchen zu erklären, dafür fehlt in solchen Momenten die Kraft.

Was mir auch immer wieder neu auffällt (was mich eigentlich gar nicht mehr überraschen sollte): gefangen in einem Hamsterrad fängt alles von Null an. Man rennt und rennt und rennt- schwitzt, flucht, fällt auf die Fresse, rappelt sich mit neuen Blessuren auf, fängt wieder an zu rennen, aber man kommt einfach nicht vom Fleck. Es kostet ungeheure Kraft, dieses ständige neue starten. Durch einen langen dunklen Tunnel, indem man kaum die Hand vor den Augen wahrnehmen kann. Man kämpft, irgendwie, aber die Kraft lässt tatsächlich in jeder neu angerollten Phase mehr nach, das spürt man und das macht einen auf einer gewissen Art und Weise auch angst. Denn was ist, wenn man die Stärke verliert? Die Kraft bis zur nächsten sicheren Insel nicht mehr anhält und man im offenen Meer ertrinkt? Was ist, wenn man überhaupt keinen Sinn mehr sieht? In Allem? Wenn dort draussen nichts mehr ist, was dich hält? Wenn deine ehemaligen Interessen und Leidenschaften schwinden, am Ende nicht mehr existieren und die innere Leere nicht mehr für einen selbst tragbar ist? Wenn keine echte Freude, kein echtes Lächeln mehr deine Lippen verlässt?

Wenn das mühsam zusammengesetzte Puzzle vom Tisch fällt, du wieder alle 10 000 kleine Teile aufheben musst, um in einer Ecke anzufangen und erneut versuchst rauszufinden, wer du überhaupt bist. Ist es gar keine Krankheit, die dich zerfetzt? Sondern einfach du? Mit permanent schlechter Laune? Bist du einfach nur ein Arschloch und kannst nur nicht so gut mit anderen Menschen?

Dieses verschwinden der eigenen Identität, das lastet schwer. Wer bin ich wirklich? Wie werde ich wahrgenommen? Wie war ich früher als Kind? Wann ist dieses ehrliche Lachen verschwunden, was ich auf alten Bildern sehe? Oft kann ich gar nicht mehr sagen, welche Eigenschaften ich besitze, was ich gut kann oder eben nicht. Oft frage ich mich, ob ich jemals wirklich ich selbst war. Wisst ihr, was ich meine? Es ist zermürbend und auch nicht einfach, sich in diesen langen Momenten zu sagen, dass das Bild wieder klarer wird. Irgendwann.

Ich weiß, dass ich ohne professionelle Hilfe ewig in diesem Teufelskreis stecken werde und es vielleicht eines Tages auch nicht schön enden wird. Ich weiß das alles. Aber dieses erneute Übertreten der Schwelle, der Gang zum Arzt, um danach hunderte Psychologen abzuklappern, diverse Abfuhren zu kassieren.

In wenigen Tagen werde ich 31. Schaue ich zurück, habe ich viel zu viele Jahre in diverse Abgründe geschaut, lag am Boden, versank im grenzenlosen Selbsthass, versuchte ich Suizidgedanken zu vertreiben, verirrte mich ständig, war oft einfach nur ein schlechter Fake und ein lächerlicher Schatten meiner selbst, weinte viel mehr als zu lachen und wie hart diese Erkenntnis einfach nur ist. So viele Jahre, fast das komplette Leben, in einem kalten Kerker zu verbringen, stets das Messer im Anschlag.

Übrigens: mit diesen Artikeln über die Psyche möchte ich kein Mitleid erregen. Ich finde es nur enorm wichtig, dieses wichtige Thema anzusprechen, aufzuklären, Einblicke zu geben. Für Betroffene oder für Menschen, die noch nie selbst damit kämpfen mussten, aber sich dennoch ein Bild davon machen möchten. Es gibt dort draussen leider noch immer viel zu viele Irrtürmer über diese Krankheit, die oft auch tödlich endet, was viele zu verdrängen scheinen, dumme Sprüche reißen, sich lächerlich drüber machen und Betroffene nur noch weiter Richtung Suizid schubsen.

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