Perry O’Parson & Helmet Lampshade- The Joyless Sound Of Happiness

Das Leben hält vieles für uns bereit: Tragödien, durchkreuzte Pläne, glückliche Fügungen, Schicksalsschläge, unbeschwerte Momente, neue Menschen treten unverhofft in unsere kleine Welt und bereichern diese, außerdem gibt es auch all die ganz kleinen persönlichen Glücksmomente, die für jede/n anders ausfällt, je nach Passion. Vor ein paar Tagen kam mir diese Neuigkeit von Perry O’Parson unter die Augen, die mir die Kinnlade runterklappen ließ:

Hey all you happy peeps da draußen! Ich habe zusammen mit Helmet Lampshade eine schöne Split-LP bzw. Split-CD aufgenommen, für die uns auch Rocky Votolato sein Stimmchen geliehen hat.

Hier die Fakten dazu:

Heißt „The Joyless Sound Of Happiness“
Enthält 12 (teilweise sehr) gute Lieder
Limitiert auf 150 Stück (LP).
Erscheint am 14.12.2018 bei Hey Rain! Records.
Die LP (180g) kommt mit Download-Code, Aufkleber, vielen kleinen Cover-Kärtchen und ’ner Postkarte auf der Gracie (sic!) steht.

Wenn zwei Herzensmusiker eine gemeinsame Platte rausbringen- was kann es für einen musikverliebten Menschen in diesem Augenblick besseres geben? Eben! Wer jetzt sagt: Moment, muss man die kennen? Können die was?! Dann gibt es direkt ein lautes, nordisch angehauchtes und euphorisches Ey, aber auf jeden Fall, digga! von mir zurückgeschmettert und mit der Bitte versehen, sich umgehend mit diesen zwei Herren auseinanderzusetzen.

Helmet Lampshade. Der Name ist euch noch nicht unter die Augen gekommen? Bei uns in indirekter Weise schon, denn hinter diesem Künstlernamen versteckt sich der gute Jule, Sänger bei der 2-Mann-Kapelle How I Left aus Karlsruhe und von dieser Band gab es bei uns ab und an bereits etwas zu lesen.

Perry O’Parson. Auch dieser Herr ist alles andere als unbekannt hier bei uns, hört er doch auf den Namen Marcel Gein, Wohnhaft in Hamburg und hat beim Kaos Skola Festival definitiv dafür gesorgt, dass wir alle eine mehr als gute Zeit hatten!

Wirklich jedes Mal, wenn die Songs von Jule und Marcel laufen, holen mich die zwei direkt ab. Achtung, jetzt wird es wieder ein etwas bildlicheres Review! Tschuldigung, aber es ist wirklich so, dass ich viele Sachen/Geschichten/Situationen vor den Augen habe, wenn ein neues Album bei mir läuft und das ist wohl der Grund dafür, warum ich so schreibe wie ich schreibe (und aus diesem Grund auch einfach viel länger brauche, um ein paar Zeilen auf’s Papier zu bringen) und ich hoffe, dass mir ein paar von euch folgen können!

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(Die Platte wird aus ihrer Hülle gezogen…)

Während du frierend und verloren am Bahnsteig stehst, rollt der Zug mit rasantem Tempo ein, reißt dich aus dem Gedankenkarrussell. Die Menschen um dich herum eilen aufgeregt zu den Türen, wollen dem Winter entfliehen. Der sichtbare Atem überall um dich herum verrät, dass der Jahreszeitenwechsel unausweichlich voranschreitet, dir könnte es im Moment nicht egaler sein, warst du schon immer eher ein Herbst/Wintertyp. Nach kurzem Zögern hast auch du dich für eine Tür entschieden, schlenderst zu dieser rüber, stellst dich wie immer ganz hinten an, um der drängelnden Masse auszuweichen, die plötzlich ihre Menschlichkeit vergessen hat und für einen verdammten Sitzplatz über Leichen gehen würde.

(Die Nadel trifft auf die Schallplatte. Es knarzt an allen Ecken und Kanten, Kleve (NW), Pavel und Ballonfest ertönen.)

Kurz vor Abfahrt verschwindest auch du im Zug, der eisige Wind verfolgt dich nur noch ganz leicht und du merkst, wie eine wohltuende Wärme in dir aufsteigt. Überraschend und urplötzlich fühlst du dich aufgenommen, als ob ein alter vertrauter Freund dir den Arm auf die Schultern legt und dich von diesem Augenblick an begleitet. Durch die engen Gänge, halb stolpernd über Gepäckstücke und Füße. Durch all die musternden Blicke von fremden Menschen, die mal an dir abprallen, mal verletzen, mal große Unsicherheit in dir auslösen.

(Weiter zu Hirō, Science Of The Sleepless und Longitude 45°.)

Aber da ist sie: diese liebgewonnene, herzzerreißende und gleichzeitig starke Stimme, die dir im Ohr haftet und immer wieder abrufst. Du läufst von Abteil zu Abteil, vorbei an schreienden oder vergnügten Kindern, an verliebte Paare, vorbei an Rentner, die auf dem Weg zu ihrer Familie sind und ihren Ruhestand in allen Zügen (welch Wortwitz) genießen. Vorbei an Berufspendlern, Menschen in tadelloser Businesskleidung, die auch noch weit nach Feierabend unter Strom stehen, am Handy hängen und scheinbar wichtige Dinge regeln- oder den Partner/die Partnerin am anderen Ende der Strippe haben, um zu klären, was es später zum Abendbrot geben soll.

(Platte wird gedreht- The Capital, Palmtree und So Alive sind an der Reihe.)

Du weißt nicht mehr, durch wieviele Gänge du nun schon gelaufen und wievielen verschiedenen Menschen du bereits begegnet bist, aber es müssen unzählige gewesen sein. Menschen, die dich nie wahrnehmen und fast umrennen, wenn du nicht vorher zur Seite springen würdest. Kurz vor dem letzten Abteil bleibst du stehen, außer Puste und denkst an Aufgabe. Daran, dich einfach an dieser Stelle, mitten im Weg, zu Boden fallen zu lassen und liegenzubleiben. Die Augen zu schließen und regungslos alles an dir vorbeiziehen zu lassen. Zusammenbrüche sind für dich kein Fremdwort mehr, dieser hier wäre aber ein geplanter und keinesfalls einer, der dich unverhofft zu Boden reißt und immer wieder auf’s Neue zutritt. Die Nerven fangen langsam an zu flackern, du musst dich auf deine Atmung konzentrieren, um nicht in Tränen auszubrechen.

to be on the way is probably the goal

Eine Zeile, die unbeirrt und unaufhaltsam im Kopf ihre Runde dreht- mit Erfolg. Du rappelst dich auf, nimmst deine Tasche in die rechte Hand und läufst los. Irgendwo zwischen neu gefundenem Mut und Zuversicht. Irgendwo zwischen raus aus dem dunklen Tunnel und dem hell erleuchteten Horizont entgegen. Alle Sitzplätze scheinen besetzt, dabei ist heute Montag und wo zum Teufel wollen alle hin? Der Kopf senkt sich erneut ein wenig und du überlegst bereits, welche Stelle des Bodens du zum Sitzen bevorzugen wirst- gedankenverloren läufst du die letzten Meter- bis dich plötzlich jemand beherzt, aber sanft am Handgelenk packt und zum Stillstand zwingt. Leicht erschrocken schaust du nach links, denn auch hier spürst du diese ungeheure Wärme, die dich schon beim Einstieg so verzauberte und auch der vertraute Arm um deine Schultern ist wieder da. Hier bist du richtig, hier ist das Ziel.

(Non-Public, There Is und 1885 läuten langsam das Ende ein.)

Da siehst du sie: drei Herren, die mit den breitesten Grinsen, die die Welt je gesehen haben dürfte, auf ihren Plätzen sitzen und dir den freien in ihrer munteren Runde anbieten. Verrückt, hast du direkt das Gefühl, die drei schon dein ganzes Leben lang zu kennen. Menschen, die dir scheinbar schon vor Jahren ans Herz gewachsen sind und sie auch nicht mehr missen möchtest. Ohne zu zögern nimmst du diese Einladung an, lässt dich zufrieden, glücklich und gut aufgehoben an die Fensterseite fallen, Gespräche über diverse Dinge werden geführt. Es wird viel und herzlich gelacht, zusammen geschwiegen, ohne dass es peinlich wird. Eine Begegnung, ein einschneidendes Erlebnis. Drei wildfremde Menschen werden zu Freunden, zu wahren Wegbegleitern. Egal, in welcher Situation du dich befindest: quälen dich Sorgen und (Selbst-)Zweifel, liegst du am Boden oder bist ausnahmslos glücklich und im Hier und Jetzt- sie werden stets an deiner Seite sein und keinen Meter von dir weichen.

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Die Rede hier in dieser kurzen Story ist natürlich von Helmet Lampshade, Perry O’Parson und Rocky Votolato. Ohne Witz: dieses Album ist bei mir eingeschlagen wie eine Bombe. Seitdem die Bestellung rausgegangen ist und sich die 12 Lieder in meinem Besitz befinden, laufen diese rauf und runter und fühlen sich deswegen so unheimlich vertraut an.

Helmet Lampshade hat einen ganz besonderen Gesangsstil, mit dem ich mich bei How I Left zum Beispiel auch erst anfreunden musste, zugegeben- aber seitdem kann ich mich nicht mehr satt hören. Eine Stimme, die auf der einen Seite markant, aber auch weich und zerbrechlich wirkt. Eine Stimme, die mich in einer Art und Weise berührt, die ich nicht in Worte packen kann. Ich habe es oft versucht, bin aber kläglich daran gescheitert. Eine Stimme, die mal kleine, mal größere Wellen schlägt, die aneckt, ins Nervenzentrum trifft. EIne Stimme, die dich mal irgendwo zusammengekrümmt liegen lässt, um im anderen Moment zurückzukehren, dir die Hand reicht und dich aus dem Sumpf holt. Eine Stimme, Songs, die viel in mir anrichten. Die mich zu Tränen rühren, neue Kraft schöpfen und angekratzte Narben ein wenig verblassen lassen. Angereichert mit zarten Beats, Klavierklängen und einem wunderbaren Geigenspiel, welche das Blut zum Stocken bringen und man zwischenzeitlich tatsächlich das Atmen vergisst.

Perry O’Parson. Meine Güte, welch ein Musiker! Wahrlich unaufgeregt sein Gesang, dennoch sehr prägnant und angenehm im Ohr. Eine Stimme, die mich verträumt aus dem Fenster sehen lässt, während all die Landschaft an mir vorbeizieht. Eine Stimme, die mich regelrecht einlullt und mich sicher fühlen lässt. Ein Stück Heimat verpackt in sechs mitreißenden Songs. Jemand, der sein Herz auf der Zunge trägt und einen mit auf Reisen nimmt. Irgendwo zwischen Strand und Berge, zwischen Ziele erreichen, aber auch mal scheitern und einen neuen Versuch starten. Zwischen Motor abwürgen, liegenbleiben und per Anhalter einen neuen Weg einschlagen. Auf der Suche sein, ankommen, stets in Bewegung bleiben. Melancholisch angehaucht, aber man bleibt stets mit dem Kopf über Wasser.

Rocky Votolato, der seine Stimme bei Pavel und So Alive quasi geliehen hat, fügt sich perfekt in das Gesamtspiel ein und auch wenn ich danach suchen würde: ich würde wirklich keinen einzigen Minuspunkt an der ganzen Geschichte finden.

The Joyless Sound Of Happiness ist perfekt. Es flutscht von Anfang bis Ende, ohne dazwischen holprig oder langweilig zu werden. Es gibt keinerlei verhasste Lückenfüller, jeder Song ist ein kleiner Hit für sich selbst. Ich bin großer Fan und hoffe sehr, dass ihr es auch werdet, sollte das nicht schon längst passiert sein!

Schaut mal drüben bei Bandcamp rein- in 2 Lieder könnt ihr bereits reinhören. Wenn es euch gefallen sollte, kann man sich auch direkt eine LP sichern und diese fantastischen Musiker unterstützen. Achja: sagt es auf jeden Fall weiter, dass es da definitiv eines der stärksten Alben 2018 zu erwerben gibt, ja?!

+++ Bestellen/Reinhören bei Bandcamp: Hier und Hier +++

Helmet Lampshade

Kleve (NW)
Pavel (feat. Rocky Votolato)
Ballonfest
Hirō
Science Of The Sleepless
Longitude 45°

Perry O’Parson

The Capital
Palmtree
So Alive (feat. Rocky Votolato)
Non-Public
There Is
1885

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