Nathan Gray- Live in Wiesbaden und Iserlohn.

Live Alben? Ich muss gestehen, dass mich nur ganz ganz wenige begeistern können. Warum das so ist? Nun, ehrlich gesagt kann ich mit solchen Aufnahmen nur etwas anfangen, wenn ich zum Beispiel beim mitgeschnittenem Konzert xy dabei war und ich somit eine kleine wertvolle Erinnerung daran in mein Plattenregal stellen kann. Wie oft schleudern dich diese Momentaufnahmen zurück zu diesem besagten Abend? Welche Kleinigkeiten schnellen dir dabei ins Hirn und Herz? Welcher Film flimmert dir beim Hören vor dem geistigen Auge? Vielleicht übertreibe ich etwas, mag sein. Aber wenn mich ein Live Album erwischt, dann so richtig! So geschehen bei Nathan Gray, der zusammen mit Ben Christo und Isabelle Klemt (unter den sehr wachsamen Augen von Tourmanager Oise) im Mai 2018 unter anderem auch in der Ringkirche Wiesbaden und direkt 3 Shows in zwei Tagen in der Dechenhöhle Iserlohn spielte. All das Material wurde gesichtet und wird nun endlich am 8. Februar über End Hits Records und Cargo Records veröffentlicht: ob als Doppel CD mit DVD oder Doppel LP mit DVD. Ob mit Poster, Shirt oder nur das eigentliche Produkt- da ist wirklich für jeden/jeder etwas dabei!

Am 10. Januar befand sich die Promomail von Uncle M im Posteingang und seitdem laufen die Songs hoch und runter. Obwohl ich tatsächlich erst kurz schlucken musste als ich sah, dass sich dort 66 Tracks befanden (natürlich inklusive der Ansagen davor), die alle unaufdringlich darum bettelten angehört zu werden und ich kann wirklich nur sehr schlecht NEIN! sagen, ne? Denn mit dem verwunderten ‚Huch, ist das viel!‘ mischte sich direkt die pure Vorfreude ein und meinte: ‚STARK! Kopfhörer eingestöpselt, zurücklehnen, Augen schließen und es einfach auf dich wirken lassen.‘ und das tat ich.

Mit dem Mitschnitt aus Wiesbaden startete ich, As the waves crash down erklang und schwupps- schon stand ich wieder ganz hinten auf der Kirchenbank und verspürte sofort diese ungeheure Wärme, die knisterne Luft, die einen das eine oder andere Mal regelrecht die Sprache verschlug. Dass bis zum Hals klopfende Herz, die durchgehende Gänsehaut, die feuchten Augen oder das lockere Lachen- alles war wieder da.

Diese Tour war mit Sicherheit ein Meilenstein für Nathan, zeigte er sich nun verletzlich, dennoch stark und komplett ohne eine verschleiernde Maske. Ein gebrochener Mann, der viel zu lange alles nur runterschluckte und fast drohte daran zu ersticken. An all dem seelischen Ballast, der daraus resultierenden Wut und den depressiven Phasen. Ein gebrochener Mann, der oft am Boden lag und zum Alkohol griff, um zumindest die eine oder andere Erinnerung aus seiner Kindheit, den sexuellen Missbrauch, der sich über Jahre erstreckte, runterzuspülen, zu verdrängen. Aber wer durch solch eine Hölle gehen musste, merkt irgendwann schmerzhaft, dass man vor der Vergangenheit, vor solch einem Erlebnis, nicht davon rennen kann. Wie ein an dir klebender Schatten- es verlässt dich nicht, auch wenn man noch so sehr versucht sich zu betäuben. Ein innerer Vulkan, der unter der Oberfläche brodelt, meistens ungesehen von den Menschen, die dich umgeben, bis dann der endgültige Ausbruch erfolgt und erheblichen Schaden verursacht.

Nathan Gray fand Gott sei Dank einen Ausweg und veröffentlichte vor einem Jahr sein Soloalbum Feral Hymns, indem er sich gerade mit dem Song Echoes öffnete und einen Teil seines Leidensweges verarbeitete. Ein Song, der ihm besonders bei seiner ersten kleinen Tour alles abverlangte. Da stand er noch komplett alleine auf der Bühne, musste sich durch Erinnerungen kämpfen und unterbrach stets bei der Zeile ‚…here in my heart I’ve carved the words: you don’t own me.‘, weil ihm der Atem stockte, es nur schwer über seine Lippen zu bekommen war. Aber durch Feral Hymns, durch die ganzen Auftritte dazu, durch das Sprechen und Öffnen, durch das bestimmende Entgegenstellen und Eindämmen seiner Dämonen fand er endlich einen Weg. Seinen Weg! Mit kleinen Schritten, die sich teilweise bestimmt so anfühlten, als würde er über glühende Kohle gehen, wurde er sicherer. Er gab sich nicht mehr kampflos seiner Vergangenheit, seiner persönlichen Hölle hin, sondern wurde mehr und mehr zum Kämpfer. Und wir alle konnten ihn dabei begleiten und vielleicht auch ein wenig unterstützen.

Im Mai 2018 kehrte er zurück mit Ben Christo an Gitarre und Klavier und Isabelle Klemt am Cello. Er wirkte fitter, strahlte und wie sehr diese kleinen Schritte etwas brachten, zeigte sich direkt bei Echoes, den er nun ohne zu stocken zu Ende bringen konnte. Es war schön zu sehen, wie er innerlich und äußerlich wuchs, Kraft gesammelt hatte, um uns seine erschütternde Geschichte zu erzählen. Und nicht nur, um Richtung Heilung zu gehen, sondern um anderen zu helfen, beizustehen. Um zu sagen: you are not alone! Er weiß selber am besten wie wichtig es ist zu wissen, dass es dort draußen, überall auf der Welt, ebenfalls Menschen gibt, die jeden Tag kämpfen müssen und kurz vor dem Ertrinken sind. Die eine helfende Hand brauchen, Verständnis. Jemanden der zuhört ohne unnötig Fragen zu stellen oder auf eine Art und Weise herablassend zu wirken. Nathan ist derjenige, der einen unbemerkt einen Rettungsanker zuwirft, aufbaut, es aber nicht schön redet. Im Sinne von: er hat seine Richtung gewechselt, um etwas mehr Frieden finden zu können, Dinge zu verarbeiten, dass es bergauf gehen kann, langsam. Aber dass es eben auch Rückschläge gibt, keine Frage. Es ist ein harter steiniger Weg, aber es lohnt sich diesen zu gehen. Eine Kernaussage von einem starken Menschen, der wohl mit seiner authentischen Art, seinem Mut und Voransgehenweise ein Vorbild für viele geworden ist. Ein Mensch, der sich mit uns allen auf eine Stufe stellt, Wörter wechselt und herzerwärmende Umarmungen verteilt.

So war die Setlist aufgebaut: er sprach unverblühmt über sein Schicksal. Über seine Eskapaden, wo er noch nicht genau wusste, warum er zum Beispiel so viel Wut in sich trug und es sich erst später für Nathan der ganze Zusammenhang erschloss. Über die Zeit mit The Casting Out, über eine Zeit mit sämtlichen Masken, Party und Alkohol. Über die Entstehung von Echoes. Sein Appell an uns: nicht verkriechen, nicht die Vergangenheit über uns siegen zu lassen. Aufstehen, kämpfen um jeden Preis, auch wenn man den Ring mit diversen Blessuren und Kratzspuren verlässt, aber hey: man verlässt diesen aufrecht! All das gibt es bei den Mitschnitten zu hören und ich selbst war bei dieser Tour bei fast allen Konzerten dabei: es hat mich jeden Abend berührt und so auch auf diesem gelungenen Live Album!

Dadurch, dass die Setlist einige schwere Brocken bot, verstand es Nathan aber auch einige Richtungswechsel einzubauen, ob nun zum Beispiel mit dem immer wieder überraschenden Boysetsfire Hit My life in the knife trade oder der sehr verkürzten Version von Walk astray. Es waren also keine depremierenden Abende, sondern eher wie bei einer Buchvorstellung: Nathan Gray über einen Teil seines Lebens, welches unzählige Talfahrten bot bishin zu aufmunternden Worten, Gelächter und Tränen. Alles verschmolz ineinander, als seine Aussagen, seine Geschichten mit den passenden Songs untermalt wurden und somit zusammen mit Ben und Isabelle etwas für die Ewigkeit geschaffen wurde.

Berührend und herzzerbrechend ist stets das Cover Leap Year of Faith, welches der Band Red Tape Parade zugeschrieben wird. Nathan erinnert an Freund und Sänger Wauz, der 2013 an Krebs starb und diese Darbietung sorgt garantiert nicht nur bei mir für mehr als nur feuchte Augen, nicht wahr?

Wiesbaden war und ist tatsächlich mein Highlight, mein persönlicher Favorit. Ob damals bei der Tour oder bei diesem Album. Ein emotionaler Abend, zwischen Bierdosenöffnungsgeräuschen (ist das überhaupt ein Wort? Nein? Macht nichts. Ab jetzt schon!), zahlreichen Tränen und Taschentüchern, einen sprachlosen Nathan während einer lang anhaltenden Standing Ovation, ansteckenden Gelächter aus dem Publikum, der atemberaubenden Kirche, der fabelhafte Sound, dass an den richtigen Stellen klatschende Publikum. Es war speziell, wie ein langer Abend mit den besten Freunden, an dem man hofft, dass es nie endet und man noch lange zusammensitzt und über das Leben und seine Facetten spricht und fachsimpelt. Hört man sich dagegen die Aufnahmen aus Iserlohn an, wirkt es manchmal so, als wäre gar kein Publikum vorhanden und somit kommt es Stellenweise ein wenig unterkühlt rüber- eigentlich auch schon wieder eine witzige Wortwahl, herrschten in der Höhle nur permanente und schnuckelige 10 Grad. Aber auch hier treffen seine Ansagen direkt ins Nervenzentrum, lassen dich kurzzeitig alleine in der Dunkelheit zurück, bis dich kurz darauf Nathan mit seiner charmanten Art und Weise und der passenden Taschenlampe aufsammelt und dich wohlbehalten zum Notausgang begleitet.

Man kennt es ja: manchmal kauft man sich ein Live Album, welches man vielleicht 1 oder 2x durchhört, um es danach zurück in das Regal zu stellen und es ab da ein einsames Dasein fristet. Ungespielt, ungeliebt. Ganz anders bei diesem Werk: für mich (und sicher für ganz viele dort draussen) wird es zum Klassiker, den man gerne aus der Hülle befreit und auflegt. Um die Erinnerungen an eine fantastische Tour neu aufleben zu lassen, um all die Lieblingssongs zu hören, die sich mit jeder Umdrehung weiter ins Herz meiseln. Runterkommen, abschalten, mitsingen, durch die Wohnung tanzen, Emotionen zulassen, neue Kraft und Mut finden. Durchatmen und es auch mal zulassen halbwegs kontrolliert zusammenzubrechen. Denn das gehört zum Leben dazu: die unvorhergesehenen Tiefen, die dich unvermittelt mitreißen. Wichtig ist es dabei, den Halt nicht gänzlich zu verlieren. Anfangen zu schwimmen, wenn dir das Wasser bereits bis zur Unterlippe steht. Denn Nathan beweist uns das: es funktioniert. Mit vielen Hürden und mit dem einen oder anderen aufgeschürften Knie- aber mit dem ungebrochenen Willen niemals aufzugeben. Vertraute Personen mit ins Boot zu holen und gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten.

Kurz gesagt: ein Album für sämtliche Situationen und von dem man tatsächlich nicht genug bekommen kann. Zu der DVD kann ich an dieser Stelle so gar nichts sagen, deswegen bleibt diese unkommentiert, aber ich bin wirklich froh, dass man sich nicht nur darauf konzentriert hat, die Songs per LP oder CD rauszufeuern, sondern noch eine DVD mit reinpackt. Daumen hoch! Was mir jetzt noch zu sagen bleibt? Wer noch nicht vorbestellt hat, sollte das schleunigst drüben bei End Hits Records nachholen, dann kann man im Februar den Postboten auflauern, um diesen natürlich gewaltfrei das Päckchen zu entreißen und im März gehen wir alle zur Tour, oder?!

+++Vorbestellen: HIER!+++

AN EVENING WITH NATHAN GRAY
accompanied by Ben Christo and Isabelle Klemt
präsentiert von Visions, Fuze, Morecore.de, Heartcore_Mag, Folker – song, folk, global

04.03. Wiesbaden, Schlachthof
05.03. Aarschot, Gasthuiskapel
06.03. Leeds, Key Club
07.03. London, St. Pancras Old Church
08.03. Haarlem, Patronaat
09.03. Hamburg, Grünspan
10.03. Leipzig, UT Connewitz
11.03. Berlin, Frannz
12.03. Hannover, MusikZentrum
13.03. Nürnberg, Z-Bau
14.03. München, Kranhalle
15.03. Langenthal, Old Capitol
16.03. Stuttgart, clubCANN
17.03. Bochum, Christuskirche (AUSVERKAUFT!)