Thees Uhlmann- Junkies und Scientologen.

Foto: Ingo Pertramer

Fakten, Fakten, Fakten:

Künstler: Thees Uhlmann
Album: Junkies & Scientologen
Veröffentlichung: 20. September 2019
Via: Grand Hotel van Cleef (Klar, ne?)
Anspieltipps: Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt // Fünf Jahre nicht gesungen // Avicii // Danke für die Angst
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Was haben wir doch alle über Jahre hibbelig und in Zombiemäßiger Manier auf unsere leuchtenden kleinen, mittleren und großen Bildschirmen und Wischdingern gestarrt und stets gehofft, dass uns diese Schlagzeile um die Ohren fliegt: Thees Uhlmann wird uns nicht nur mit einem neuen Buch über Die Toten Hosen beglücken, nein, vorher wird er endlich sein nagelneues Album Junkies und Scientologen veröffentlichen! Welch ein unverhoffter Lichtblick in meiner derzeitigen viel zu düsteren Welt!

Thees Uhlmann kann mich schon seit fast 15 Jahren für sich begeistern, obwohl ich sagen muss, dass ich zum Beispiel den Roman Sophia, der Tod und ich nie bis zum Ende gelesen habe, weil es mich einfach nicht so fesseln konnte wie es bei vielen anderen der Fall war. Dennoch hatte ich meinen Spaß bei der einen oder anderen Lesung und somit ist das doch -zumindest für mich- ein ganz guter Ausgleich gewesen. Ich habe mich manchmal schlecht gefühlt, weil mich das Buch nicht sonderlich berührt hat und habe teilweise Krampfhaft versucht das zu sehen, was andere sahen und mochten. Ich bin gescheitert, wie so oft, aber ganz ehrlich: auch wenn ich nicht alles von Thees abfeiern kann oder konnte- ich liebe diesen Typen dennoch und darauf kommt es im Enddefekt an. Nein, versucht mir diese Überzeugung bitte nicht auszureden!

Aber jetzt geht es mal um kein Buch, sondern um das Album und ich bin tatsächlich aufgeregt, weil ich seit Wochen und Monaten eine Schreibblockade erfolglos bekämpfte, stets tränenreich aufgab und mehrmals die weiße Fahne hisste. Die Lieder von King Uhlo laufen bereits einige Tage bei mir rauf und runter und es knisterte so vertraut im Kopf. Ich hatte einige leicht verschwommene und verstaubte Textfetzen für einen Artikel im Kopf und es ist toll folgendes zu sagen: durch Thees kann ich gerade meine eingerostete Tretmühle verlassen, es fühlt sich bombastisch und gleichzeitig wahnsinnig einschüchternd an. Dennoch: vielen Dank, Herr Uhlmann. So, dann lasst uns mal schauen, was ich nach all der langen Zeit noch drauf habe (ha, der war gut!).

Junkies und Scientologen. Irgendwann flatterte die Mail von Fleet Union rein mit dem Link und ich kann euch gar nicht sagen wie aufgeregt ich war. Am Abend saß ich zusammengekauert in der hintersten Ecke der Couch, alles um mich herum dunkel. Geballte Spannung, Konzentration und Aufmerksamkeit. Während man den Opener Fünf Jahre nicht gesungen schon als erste Auskopplung in vollen Zügen genießen konnte, entpuppte dieser sich für mich als ein unfassbar gigantischer Ohrwurm: angesiedelt zwischen Tragik, leichter Tendenz zur Aufgabe, nachdem man alles menschenmögliche versucht hat, um das Ruder rumzureißen. Eine Hymne auf den täglichen Wahnsinn, das Scheitern, Zerbrechen und das drauffolgende Weitermachen, während man seine Runde weiterhin auf der abgefahrenen B73 dreht.

Danke für die Angst– ehrlich gesagt dachte ich allein nur vom Songtitel her, dass sich dahinter irgendwas mega depressives versteckt, aber dieser Gedanke verflüchtete sich ganz schnell, als es plötzlich hieß:

Danke für die Angst, die mich noch manchmal überkommt. Ist es wirklich sicher, dass alles wiederkommt. Was ich über’s Leben weiß, weiß ich aus Stand By Me. Ich hab‘ einen Hund, der Cujo heißt und mein Auto heißt Christine. Wenn du schreiben kannst, dann schreibe, wenn du singen kannst, dann sing. Und wenn du nicht mehr weiterweißt, frag Stephen King.

Stark! Locker arrangiert. Awww- Momente wechselten sich sekündlich mit einem breiten Grinsen ab und während ich in diesem Song regelrecht versank, flimmerten einzelne Ausschnitte aus Stand By Me vor meinem inneren Auge vorbei und wie sehr ich darunter, unter diesem ganzen Lied, einfach nur meine Unterschrift setzen möchte. Würde ich Musikerin sein, wäre ich an dieser Selle neidisch drauf und würde stets auf die Frage ‚Welchen Songtext hättest du gerne geschrieben?‘ direkt mit Danke für die Angst antworten. Isso.

Avicii, die zweite Auskopplung, sorgte für unfassbar viele Tränen. Ein traurigschönes Erinnern, einen allerletzten Gruß, eine tragische Geschichte in knapp 3 Minuten rübergebracht. Eine zarte Liebeserklärung an Avicii, an sein unfassbares Talent, an seine Musik. Auch hier wird erwiesen: selbst wenn man einen Musiker, einen der persönlichen Lieblinge, vielleicht nie begegnet ist- kann es dennoch schmerzen, wenn dieser viel zu früh und unerwartet stirbt. Es wird von vielen belächelt und gefragt, wie man um jemanden trauern kann, den man nicht kannte. Aber das stimmt nun auch nicht, denn ein Künstler bringt stets sein Innerstes, seine Ängste, seine Wünsche, seine Dämonen, sein ganzes Leben, mal mehr mal weniger offensichtlich ins Spiel. Es entsteht eine Verbindung, ein tiefes Verstehen, eine Art Kumpel, der zu jeder Zeit für dich da ist. Wenn dich Musik tief im Herzen berührt und trifft, auffängt, stets begleitet und plötzlich solch eine Nachricht um die Welt geht- dann folgt unfassbare Bestürzung und Traurigkeit, weil -so komisch es jetzt auch klingen mag- auch auf gewisse Art und Weise ein Teil von einem selbst wegbricht.

Dass Herr Uhlmann noch so rein gar nichts von seiner blühenden Fantasie eingebüßt hat, merkt man direkt bei Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach Hip Hop Videos nach Hause fährt. Ein kleiner Einblick in die kalte Hip Hop Welt und anstrengenden Videodrehs, Dinge die man tut um um die Runden zu kommen. Als nicht tätowierter Fahrer, der Kreuz und Quer durch die Stadt fährt, um die Frauen sicher und wohlbehalten von A nach B zu bringen. Kurzgeschichtenflair geschickt in nur 5.21 gepackt.

Einen gewissen ‚Das ist doch jetzt nicht sein Ernst…ODER ETWA DOCH?!?‘ Moment stellte sich bei mir ein, als zum ersten Mal Katy Grayson Perry erklang und ich tatsächlich kurz lachen musste, weil das alles so absurd ist, aber irgendwie auf ganz seltsamerweise Art und Weise auch vorstellbar wäre. Weil es Thees ist? Vielleicht!

Katy Perry, ich spüre deinen Schmerz, komm zum GHvC. Und dann sing‘ ich dir auf Norddeutsch Lieder vom norddeutschen Schnee. Und du singst auf Kalifornisch von den Zügen nach Santa Fe. Katy Perry, komm zum GHvC.

Ein mitreißender Song, welch ein erfrischendes Tempo. Zeilen, die sich wirklich direkt ins Hirn brennen, versprochen! Zumindest ich erwische mich dabei, wie ich den Refrain vor mich her singe, nimmt in der Tagesklinik aber Gott sei Dank keiner so wirklich zur Kenntnis- da sind wir ja alle ein wenig verrückt. Geil, endlich mal GHvC aus voller Kehle singen können. Liebe ich jetzt schon!

Bei welchem Lied ich Rotz und Wasser geheult habe, wollt ihr wissen? Das kann ich euch sofort beantworten: Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt. Wow, dafür fehlen mir tatsächlich die richtigen Worte. Stark reduziert, im Fokus zarte und heimsuchende Klaviertöne und die zurückgeschraubte Stimme. Das geht ohne Umschweife direkt in die Synapsen, löst eine hochemotionale Lawine aus und schickt dich mit zittrigen Knie zwischen Angst, Hoffnung und Sehnsucht den steilen Abhang hinab. Was für ein wunderschöner und zugleich trauriger Song, mein heimlicher Favorit von Junkies und Scientologen. Internetherz, ey!

Dies nur ein paar kurze Ausrisse. Aber was bleibt mir im Gesamten zu sagen? Ein starkes Album, welches einen durch verschiedene Gefühlswelten lenkt, sanft aber bestimmt. Lückenfüller sucht man tatsächlich vergebens, alles wirkt stimmig und alles andere als langweilig und stumpf. Die lange Pause und die gemeinsame Arbeit mit Simon Frontzek und Rudi Maier hat Thees mehr als gut getan. Eine Platte, die zwischen Liebeskummer, Traurigkeit, Hoffnung, Namedropping und zahlreichen kleinen aber herausragenden Liebeserklärungen pendelt, wie es schöner einfach nicht sein könnte. Kennt ihr dieses wohlige Gefühl, welches euch überkommt, wenn ihr eine herzliche Umarmung von einem Menschen bekommt, der euch ungeheuer wichtig ist und den ihr lange nicht mehr gesehen habt? Ja? Denn dieses Gefühl wird euch stets begleiten, wenn ihr euch diese 12 Tracks anhört und diesen alten liebgewonnenen Freund endlich wieder auf eurer Couch sitzen habt. Schön, dass du wieder da bist, Thees!

Thees Uhlmann & Band
Tickets: GHvC Shop

19.09. Mitternachtsverkauf vor dem GHvC (Infos: Hier!)
20.09. Hamburg, Saturn (Infos: Hier!)
25.09. Rostock, MAU Club
26.09. Cottbus, Glad-House
27.09. Hamburg, Große Freiheit 36 (ausverkauft)
28.09. Berlin, Lido (ausverkauft)
29.09. München, Ampere (ausverkauft)
30.09. Köln, Stadtgarten (ausverkauft)

04.12. Dresden, Alter Schlachthof
05.12. Leipzig, Werk 2
06.12. Wien, Gasometer
07.12. München, TonHalle
08.12. Saarbrücken, Garage
10.12. Erlangen, Heinrich Lades Halle
11.12. Dortmund, FZW
12.12. Wiesbaden, Schlachthof
13.12. Stuttgart, LKA Longhorn
14.12. Berlin, Columbiahalle
16.12. Hannover, Capitol
17.12. Hamburg, Große Freiheit 36 (Zusatzshow)
18.12. Hamburg, Große Freiheit 36
19.12. Bielefeld, Lokschuppen
20.12. Bremen, Pier 2
21.12. Köln, Palladium