#fuckdepression 9.

Lange nichts gehört, stimmt’s? Ich hatte tatsächlich sehr oft daran gedacht etwas zu schreiben, habe es am Ende aber eher gelassen, weil es selbst mir viel zu deprimierend geworden wäre. Das ganze Jahr ist tatsächlich eine komplette Katastrophe, obwohl ich wirklich immer denke, dass es gar nicht schlimmer werden kann, aber wie sehr ich mich da stets auf’s Neue irre ist unbeschreiblich. Gerade auch die letzten Wochen und Monate haben sehr an meinen fast nicht mehr vorhandenen Nerven gezerrt, begab ich mich doch in eine Tagesklinik- und das hat mich nochmal so richtig gebrochen, um ehrlich zu sein.

Also. Es war bestimmt ein richtiger oder zumindest ein guter Schritt nach vorne. Die erste kleine Treppenstufe von unzähligen, die noch folgen werden und gezwungenermaßen müssen. Als ich Leuten von dem Plan mit der Tagesklinik erzählte, erntete ich natürlich auch Sprüche wie ‚Ach, das ist ja wie Urlaub!‘. Also wenn das andere unter diesen Begriff einordnen- warum fühlt es sich dann für mich wie die Hölle auf Erden an? Fast jeden Tag, nicht nur in solch einer Einrichtung?

Insgesamt verbrachte ich dort um die 9 Wochen, länger als vorher gedacht. Warum es mich gebrochen hat wollt ihr wissen? Nun, an einem Mittwoch ging es los und ich war bis zum Tag davor noch arbeiten. Da ich das in der Gastronomie mache, stand ich natürlich an meinem allerersten Tag unfassbar unter Strom und kam gar nicht runter. Als ob du die Autobahn mit 200km/h abgrast, den Fuß stets auf dem Gaspedal behälst und du plötzlich eine Vollbremsung einlegen musst. Unverhofft, überraschend, überfordernd- und dieses Gefühl ließ mich auch nach den ersten Wochen nicht wirklich los. Ständig hatte ich das Gefühl, dass ich was machen und mich um jeden Preis beschäftigen muss, ‚arbeiten‘. Zwei Stunden Mittagspause? Hölle! Eine Stunde Leerlauf zwischen der Gruppe und dem nächsten Programmpunkt? Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht, wie fertig mich Ruhe, nichts tun und das Schneckentempo macht. Wie hibbelig ich oft in der Morgenrunde saß und ich nur noch flüchten wollte. Raus, zurück zum Arbeitsplatz und stumpf den vertrauten Dingen hingeben.

Dadurch, dass ich den Urlaub in den letzten Jahren immer für Konzerte/Touren auf den Kopf gehauen und sonst eben nur gearbeitet habe, konnte ich mich tatsächlich nie auf mich konzentrieren. Einfach sitzen, runterfahren und entspannen. Kann ich nicht, bekomme ich nie wirklich hin. Weil in diesen Phasen, wo nichts um mich herum passiert, alles rausbricht. Die Zweifel stärker werden, ich nicht mehr von der Couch hochkomme, ich nicht mehr existieren möchte, mich viel zu hässlich für diese Welt fühle, weil jeder kleine Schritt ein anstrengender Kampf ist, da ist keinerlei Lebensfreude mehr vorhanden. Und diese Gefühlskälte, dieses durchgehend deprimiert sein- mit richtig tiefen Phasen. Ich glaube, dass mir das in der Klinik angst gemacht hat- das alles mit der Zeit zu merken. Wie beschissen es mir wirklich geht. Da gibt es tatsächlich kaum unbeschwerte Momente in meinem Leben, alles ist irgendwie nur noch grau, düster, schwer. Freude, Glück,…- all die guten Gefühle kenne ich nicht mehr. Ungelogen. Während andere wenigstens ab und an noch das berühmte Licht am Ende des Tunnels sehen, stecke ich in diesem fest und komm einfach nicht vom Fleck. Es ist zermürbend und so auch wenig verwunderlich, dass ich zwischen Aufgabe, Hilflosigkeit und Fuck This Shit hin und her pendle.

Was habe ich noch für mich gemerkt? Dass ich, wie auch in der verhassten Schulzeit, noch immer große Probleme mit solchen Gruppendingern habe. Wo jeder reihum irgendwas sagen soll, über seine Angelegenheit, wie es einen gerade geht oder ob einen die Gruppe/das durchgenommene Thema etwas brachte, etc. Mega unangenehm dieses kurzzeitige im Mittelpunkt stehen. Für mich jeden Tag auf’s Neue eine Überwindung. Mal lief es besser, an anderen Tagen hatte ich aber auch mit diversen Blockaden zu kämpfen, dass ich nicht mehr auf die Dinge zugreifen konnte, die sich im Kopf abspielen, weswegen ich mir oft einfach nur dumm vorkam. Und so erging es mir ebenfalls in einigen Einzelgesprächen und ich keine Antwort auf Fragen hatte. Weil es nicht funktionierte und sich dadurch neuer Druck auf alten aufbaute. Teufelskreis.

Positiv an der Geschichte war, dass ich das Boxen für mich neu entdeckt habe. Während andere eher Yoga nachgingen (DIESE RUHE), entschied ich mich ohne zu zögern direkt dafür und habe es definitiv nicht bereut. Na gut, an manch richtig schlechten Tagen war es dann doch eher mehr Qual als alles andere. Aber im Großen und Ganzen hat es mir gezeigt, wieviel Kraft in mir steckt, obwohl ich mich doch eher am tiefsten Punkt aufhalte und selbst das Aufstehen unzählige Anläufe benötigt. Aber wie gut es dann doch tut, Wut, Trauer, Erinnerungen am Sandsack rauszuboxen. Bis die Schweißperlen in die Augen geraten. Versuchen, die Konzentration aufrecht zu erhalten und an die Schlagabfolge zu denken, loslassen üben. Einfach zu machen und lästige Gedanken zur Seite zu schieben. Klappte natürlich durchwachsen, aber es ist dennoch ein gutes Gefühl, wenn man es durchzieht und etwas geschafft hat. Sei man danach noch so verschwitzt und voller blauer Flecken.

Auf jeden Fall war es gut, sich von der stressigen Arbeit zu lösen, einer anderen Struktur nachzugehen. Ich habe auch irgendwann angefangen, die Pausen und Leerläufe zu nutzen. Das Buch von Bruce Springsteen oder die Zeitung zu lesen, Uno mit anderen Mitpatienten zu spielen, die Spülmaschine auszuräumen, den Therapiehund zu streicheln oder den Lagereinkauf oder einen Spaziergang durch die Schanze zu machen. Das ging auf jeden Fall irgendwann besser, keine Frage.

Aber es war eine unfassbar harte Zeit, wirklich. Jeden Tag nur mit dir und der Krankheit konfrontiert zu sein und zu wissen, dass du es nie mehr loswerden wirst. Die Erkenntnis killt mich. Auch, dass es von Jahr zu Jahr schlimmer wird oder zumindest anders schlimm. Ich bin mir wirklich unsicher, bis zu welchem Grad ich das alles noch (er)tragen kann, denn ich fühle mich, als ob ich jeder Zeit in tausend Teile zerspringe. Eigentlich möchte ich nur noch schlafen. Nichts weiter. Kein Klotz am Bein für andere sein. Niemanden mit meinem Scheiß belagern, den viele (zum Glück, muss man da ja fast sagen) nicht nachvollziehen können. Diese Gefühlskälte, den inneren langanhaltenden Winter entgehen. Irgendetwas spüren, was weit entfernt von Suizidgedanken und Traurigkeit stattfindet. Dieses nagende Gefühl, dass ich nicht für ein Leben auf dieser Welt geschaffen bin.