Jawknee Music- Heavy Heart

Künstler: Jawknee Music
Aus: Trier
Album: Heavy Heart
Veröffentlichung: 13. Dezember 2019 via Homebound Records
Anspieltipps: Unlike the Rest, Down the Drain, Don’t Give Up On Us
Reinhören: Sorrows I California’s Call
Bestellen: Flight13

 

 

Herrje, mir ist das wirklich so unangenehm, dass ich es nicht geschafft habe pünktlich zum Release etwas über das neue Album von Jawknee Music zu schreiben, immerhin geistert Heavy Heart jetzt schon seit über 4 Wochen in der Weltgeschichte rum. Ein großes fettes SORRY geht rüber nach Trier- das nächste Bier geht auf mich (oder so)! Nachdem der Trierer mit den Vorgängern My Turn und Backgrounds bereits glänzen konnte, lässt er es mit Heavy Heart erst so richtig krachen und packt die Krallen aus! Auf’s Maul, all ihr oberflächlichen Kamerasüchtigen Partypeople da draussen!

Find a nice spot stretch out your hand
take a picture wherever you go
I don’t get them
These California girls

Kaum tritt man aus der Wohnung, wird man fast von all den abhängigen Smartphonezombies überrannt und kann sich meistens nur noch mit einem beherzten Sprung auf die Seite retten, während die Menschen weiterhin mit gesenktem Blick weitergehen und sich ihrer Sucht hingeben. Interessant wird es für diejenigen auch nur, wenn ein Selfie vor einer schönen/kuriosen/gefährlichen Kulisse mit Duckface an der Reihe ist. Hauptsache es wird xy bei Instagram übertrumpft. Gezeigt, wie schön das Leben ist (was es definitiv auch sein kann, keine Frage). Gute Laune, Party ohne Ende, unzählige Freunde an jedem Finger, Traumurlaub. Alles glattgebügelt bis ins kleinste Detail, Filter drauf und hochgeladen. Und weiter geht die Suche nach der perfekten Location, schneller, höher, weiter und alles nochmal um das 10fache gesteigert. Wie sehr mir in der digitalen Welt doch oft das wahre Gesicht fehlt. Viel zu wenig wird gezeigt, wie das Leben eben auch sein kann- mit sämtlichen Schattenseiten. Es fließt einfach nicht überall goldgelber glänzender Honig von den Wänden, nicht alles schmeckt so süß wie es vorgegaukelt wird. Alles besteht aus billigen Illussionen. Wie schön es wäre, wenn man nicht diesen Drang verspüren würde, jede Kleinigkeit festhalten und posten zu müssen, oder? Masse statt Klasse trifft auch hier genau ins Schwarze.

This world is fucked up enough
So let’s make it something meaningful for you (Through the eyes of a child)

Erwachsen zu sein bedeutet: arbeiten, um über die Runden zu kommen. Haushalt und Papierkram erledigen, übersättigt zu sein von all dem Leid, all dem Schmerz auf der ganzen Welt, Ernsthaftigkeit anstatt Ausgelassenheit, viel zu früh ins Bett gehen, weil einen der Alltag so geschafft hat. Aber ab und an passiert es, dass plötzlich ein kleines Wesen dein Leben betritt und es unfassbar bereichert: Kinder sind erfrischend: sie lachen, toben, rennen umher und sind auch oft in ihrer eigenen kleinen Welt, an der sie dich aber auch gerne dran teilhaben lassen, wenn du Einsatz zeigst. Wie schön und abwechslungsreich es dann oft ist, einfach unter den Kids zu sein, sich auf die schier uneingeschränkte Fantasie einzulassen und sich eine fette Scheibe von der Unbeschwertheit abzuschneiden. Raus aus den Sorgen, rein in die vielen kleinen bevorstehenden Abenteuern!

Have a look around What’s happening
Try and use your eyes
Can’t you see?
Try and use your eyes
It’s happening
There’s more to live
Than that egocentricity (Sorrows)

Der Egoismus nimmt gefühlt zu und man kann diesem in der heutigen Zeit nur noch schwer entrinnen. Mit Scheuklappen läuft man durch die Gegend, nur nichts sehen und nichts hören von all den Problemen- ob in der Nachbarschaft, in der Stadt oder in der Welt. Sich weiterhin mit Wollsocken auf der Couch rekeln und sich wirklich über Kleinigkeiten die Birne zerschmettern, die es wahrlich überhaupt nicht Wert sind. Ich meine- ein gesunder Egoismus gehört zum Leben dazu, keine Frage. Wenn man diesen nicht besitzt, kommt man schneller unter die Räder als gedacht. Aber auch dieser sollte nur bis zu einem bestimmten Punkt gehen, alles darüber hinaus kratzt nur an den kostbaren Nerven anderer. Braucht kein Mensch, oder? Eben! Deswegen: Schaut euch um, seid offen, helft wo ihr helfen könnt und versucht Sorgen von Kokolores zu unterscheiden. Kramt Empathie hervor, hört zu, handelt. Eine Hand wäscht bekanntlich die andere.

Jawknee Music kratzt mit dieser Platte nah an der Perfektion, denn alles klingt im Bandgewand so schön clean und in der Kombination mit den Lyrics wirkt es kraftvoll, gradeaus, aber eben auch sehr nachdenklich und angreifbar- die perfekte Mischung. Angestauter Frust, aufkeimende Selbstzweifel, Hoffnungsschimmer. Alles wirkt auf dem ersten Hören recht düster, aber wenn man sich mehr mit der Platte beschäftigt, sieht man den einen oder anderen Sonnenstrahl am bewölkten Himmel hervorblitzen. Ich habe auch das Gefühl, dass er mit dem einen oder anderen Song die Menschen wachrütteln möchte, vielleicht sogar versuchen etwas zu ’sensibilisieren‘. Die Augen zu öffnen, mehr als nur einen kurzen Rundumblick riskieren, sich etwas wagen. Für sich selbst und andere einzustehen, sich auf der richtigen Seite aufhalten. Verstehen, lernen und dran wachsen. Auch wenn das Ziel ’nur‘ heißen mag, ein besserer Mensch zu werden. Aber ganz ehrlich: das ist so viel Wert und wird in unserer immer mehr abstumpfenden Gesellschaft benötigt.

I was at the end of my inner strength
And I had outgrown myself
I cried, I fell, I screamed and I lied
So what made you believe in me

Uneingeschränkte Kaufempfehlung! Und nicht verpassen- ab dem 19. Februar geht es zusammen mit 13 Crowes und Stumfol auf Tour & das wird garantiert mehr als schön werden, versprochen!

++++Tour++++
Präsentiert von Pretty in Noise, Handwritten Mag, Count Your Bruises, Sparta Booking

25.01. St. Wendel, JJ’s Pub
19.02. Zürich, Hafenkneipe*
20.02. Stuttgart, Juha West*+
21.02. Trier, Mergener Hof*+
22.02. Bochum, Trompete*+
23.02. Hamburg, Astra Stube*+
25.02. München, Zehner+ (ohne Jawknee Music)
26.02. Frankfurt, Nachtleben*+
27.02. Hannover, LUX*+
28.02. Berlin, Cassiopeia*+
29.02. Mönchengladbach, Waldhausen Astoria*+
17.04. Köln, Stereo Wonderland (mit Tobey Trueblood)

*mit 13 Crowes & +Stumfol