End Hits Records Spezial: Nathan Gray.

Kids, ich weiß schon was ihr sagen wollt: Ey, Jasmin! Du hast Nathan Gray doch schon vor wenigen Wochen für sein neues Album Working Title abgefeiert und jetzt kommst du schon wieder mit diesem Mann um die Ecke?! Ich kann darauf nur verzückt lächeln und sagen: JA! Ganz einfach: wer davon noch eine Schippe vertragen kann, der liest jetzt einfach weiter. Alle anderen gönnen sich in der Zwischenzeit einfach einen frischgebrühten Kaffee und wir sehen uns später hier wieder. Deal? Deal!

Alright.

Könnt ihr euch noch daran erinnern als Feral Hymns rauskam? Wie offen, brutal und Herzzerfleischend alles an uns HörerInnen rangetragen wurde? Ich bin mir sicher, dass nicht nur ich mit einem riesigen Kloß im Hals und der einen oder anderen Träne in den Augen mit Kopfhörern auf dem Sofa saß und ich zwischendurch das Atmen ausgeblendet habe, weil es so ein großer Brocken war, der uns vor die Füße gespült wurde: unübersehbar, eine Erschütterung bis ins tiefste Mark. Eine Art Befreiungsschlag, ein großer Schritt nach vorne. Verarbeiten der Kindheit, die alten Wunden aufreißen- aber oft muss man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, damit sie einen nicht weiter zerstören kann. Sich anderen zu öffnen und nicht nur den ganz engen vertrauten Menschen. Nein, das Schamgefühl ablegen, die Zweifel zur Seite kehren, mit gnadenloser Ehrlichkeit an die Öffentlichkeit rantreten und mit einer energischen YOU ARE NOT ALONE Attitüde anderen eine große Stütze sein.

Darauf folgte die Tour, die er komplett alleine absolvierte. Vor uns allen stand ein sichtlich gebrochener Mann, der all seinen Schmerz, seine Erlebnisse und bisherige Reise mit uns teilte. Unverfälscht und ergreifend. Wie oft wollte man Nathan einfach nur in den Arm nehmen, als er um Fassung rang und die Tränen liefen? Wie oft sprach er uns mit seinen Ansagen aus der Seele? Wie oft zersprengte es uns fast den Brustkorb? Eine Wildwasserfahrt der Gefühle, die einprägsamer nicht hätte sein können.

Und jetzt ein riesen Sprung nach vorne zur gerade frisch beendeten End Hits Records Tour.

Nathan hat sich gewandelt.

Neben ihm sieht ein lächelndes Honigkuchenpferd schwer depressiv aus. Er hat an sich gearbeitet und das nicht nur äußerlich. Er verlor einige Kilos, ist in körperlicher Topform. Achtet auf die Ernährung und schwitzt im Fitnessstudio. Aber viel wichtiger ist, was er ausstrahlt, wenn er den Raum betritt: kaum kommt er um die Ecke, schenkt er einem das breiteste Grinsen, was er im Repertoire zu haben scheint. Er gibt einen das Gefühl mehr als Willkommen zu sein und besiegelt dies stets mit einer herzlichen Umarmung.

Während der Shows sah man Nathan an, wie glücklich er ist. Frei, entfesselt, kämpferisch und hoffnungsvoll sprang er über die Bühne, saugte die Energie des Publikums wie ein Schwamm auf und verankerte diese tief im Herzen. Futter für das Pumpwerk, welches nach all den vergangenen Jahren endlich wieder mit Volldampf dabei ist und ihn am Laufen hält. Unermüdlich. Die Hauptsache ist, dass die Richtung erhalten bleibt: Nach vorne ohne Abweichungen oder Umleitungen. Klar, Rückschläge sind vorhanden, aber die gehören zum Leben dazu. Wichtig dabei ist, dass man nicht aufgibt und die allerletzten Kraftreserven freischaufelt, um neu anzugreifen- und das stärker als zuvor.

Hört sich jetzt vielleicht doof an, weil ich das Wort nicht so mag, aber für mich ist Herr Gray ein Vorbild. Er hat sich aus der tiefsten Scheiße geboxt, sein Leben umgekrempelt und quasi nochmal von vorne angefangen, wenn man so möchte. Er ist ein guter Beweis dafür, dass man vieles erreichen kann, wenn man nur hartnäckig genug dranbleibt und wirklich etwas grundlegendes ändern möchte. Ich habe so unfassbar viele Baustellen vor mir, körperlich wie seelisch und anderen Menschen gegenüber und bin noch oft davor, mir eher noch eine weitere neue anzuschaffen als erstmal eine alte gut genug zu flicken und freizugeben, damit der noch restliche zu gehende Weg nicht zu viele Stolperfallen besitzt und man am Ende nicht wieder im verhassten Hamsterrad festsitzt. Moment, war der Satz jetzt eigentlich in irgendeiner Art und Weise halbwegs verständlich? Ich schwanke gerade zwischen ‚Klar!‘ und ‚Häh?!‘.

Nathan Gray. Ein Mensch, der seine Emotionen nicht versteckt, der Gefühle geschickt und mit den passenden Worten nach Außen transportieren kann wie kaum ein anderer. Ein Mensch, der uns zeigt: Hey, glaubt mir- es geht immer irgendwie weiter, auch wenn es manchmal nicht den direkten Anschein hat. Krempelt die Ärmel hoch, wühlt in dem ganzen Mist, der euch verfolgt, nicht schlafen oder zur Ruhe kommen lässt. Verdrängt es nicht, denn ansonsten wird es nur schlimmer und ihr könnt euch fast selbst dabei zusehen, wie ihr daran kaputt geht. Holt euch Hilfe, sprecht mit Freunden, Familie und/oder Therapeuten. Lasst die Dämonen nicht die Oberhand gewinnen. Kämpft- für euch und eine glücklichere Zukunft. Der Weg wird zwar steinig, schmerzvoll und lang- aber es lohnt sich, denn jeder noch so kleine Schritt ist entscheidend und unfassbar wichtig. Wagt keine riesigen Sprünge, sondern nehmt jeden einzelnen Zentimeter mit. Es ist viel Arbeit, keine Frage, aber es werden sich mit der Zeit die ersten Erfolge einstellen, glaubt mir!

Ein Mensch, der sich darauf fokussiert, anderen mit seiner Geschichte Mut zu machen und auch immer betont, dass es auch mal okay ist, wenn es einen nicht so gut geht. Erkennen, zulassen und einem neuen Tag entgegenblicken. Alles auf Anfang. Lernen, damit besser umzugehen und sich Ruhepausen zu gönnen, um sich neu zu sammeln. Stets das Ziel im Blick behalten und mit dem eigenen Tempo Etappenweise vorankommen. Auf sich achten, sich von Menschen fernhalten, die einen alles andere als guttun. Die Ernährung umstellen, weg von FastFood, Süßkram und Frustessen. Körperlich betätigen und viel mehr das machen, was Freude bereitet. Achtsamkeit üben.

Nathan Gray. Eine Inspiration in vielerlei Hinsicht und das bestimmt nicht nur für mich, stimmt’s? Ich bin dankbar dafür, dass ich irgendwann über seine Musik gestolpert bin, die Möglichkeit für ein Interview bekam und er einen bei jeder noch so kleinen Begegnung das Gefühl übermittelt: schön, dass du da bist! Vielen Dank, Nathan- für’s Arsch retten. Und das mehr als nur 1x.

(Übersicht: Telefonseelsorge)

 

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