#Fuckdepression 10.

Alright. Hier nochmal die Info: ich schreibe ab und an über mein Leben mit der Depression. Es hat rein gar nichts mit ‚Ich brauche Aufmerksamkeit!‘ oder ‚Diese Modeerscheinung nehme ich mal mit.‘ zutun. Für mich ist das Schreiben darüber ein gutes Ventil, wenn ich nicht weiß wohin ich mit diesem Chaos in mir kann. Außerdem bin ich noch immer stark dafür, dass mentale Gesundheit mehr in den Fokus rücken muss- um aufzuklären, um anderen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und um Außenstehenden zu zeigen, wie vielfältig, aber auch quälend und belastend es ist, sich mit dieser Krankheit auseinanderzusetzen und zu arrangieren. Das einfach nur nochmal am Rande erwähnt und hey- wenn euch das Thema nicht interessiert, dann ist es selbstverständlich okay. Eventuell sind dann die nächsten Beiträge wieder mehr nach eurem Geschmack!

Die letzten Wochen liefen eigentlich ganz gut, ich fühlte mich erleichterter, hatte diesen schweren Ballast, der Tag und Nacht auf meinen Schultern und Brustkorb lagerte, abgeschüttelt. Mir liefen nicht mehr jeden Tag die Tränen, alles entschleierte sich. Ich ließ einiges an mir abprallen, was mich in schweren Phasen sonst immer direkt aus der Bahn geworfen hätte. Der ständige Ritt auf dem Rodeopferd zunächst unbeschadet überstanden.

Aber gerade komme ich wieder mehr ins Straucheln. Die Arbeit frustriert mich, gerade, wenn Ungerechtigkeit mit im Spiel ist und ich irgendwann ROT sehe. Ich war letztens in Saarbrücken, musste ewig warten, eh ich im Hotel einchecken konnte. Der Tag bis dorthin verlief soweit okay und ich war froh und stolz, dass ich endlich wieder unterwegs war und ich es sogar etwas genießen konnte. Aber all das änderte sich schlagartig, als ich endlich ins Zimmer und die Tasche auf’s Bett werfen konnte. Wie schlimm sind denn bitte Ganzkörperspiegel? Holy shit, auf einmal gab es das erste hitzige Gewitter im Kopf, welches ich nur schwer Standhalten konnte. Die Gedanken kreisten:

Wie fett und häßlich du bist!
So traust du dich doch nicht etwa unter Menschen, oder?! Du solltest ALLEN diesen ekelhaften Anblick ersparen, also verbarrikadiere dich in deiner Wohnung bis du tot umfällst.
Guck dir mal an, wie die ganzen Speckrollen hervorblitzen. Schämst du dich nicht?!

Und manche von euch wissen bestimmt wie schwer es dann wird, sich aus diesem wildgewordenen Karrussell zu befreien, stimmt’s? Ich meine, seit meiner Kindheit habe ich einen extremen Selbsthass, der sich dann automatisch in Frustessen umwandelte. Ich sag euch- Schokolade hat nie lange bei mir überlebt, alles wurde reingestopft. Zwei Packungen Kinderriegel? Kein Problem. EIne Tüte Chips? Ach, komm. Das ist doch keine Herausforderung mehr! Bis heute zieht sich das durch. Kennt ihr diese XXL Kinderbonbonstüte? Tja, für sowas brauche ich 30 Minuten. Ob eine Großpackung KitKat, Duplo, Pizza, Burger, Pommes, usw.- mit Genuss war da schon lange nichts mehr. Vor zwei Wochen habe ich die Notbremse gezogen und mit dem Intervallfasten angefangen. Körperlich geht es mir auf jeden Fall schon enorm besser und auch der Heißhunger auf Zucker, auf all den ungesunden Scheiß, hat sich eingestellt. Ein erster Schritt und ich hoffe, dass ich das beibehalten kann, wenn es schlagartig mit der Stimmung bergab geht.

Auf jeden Fall verfolgten mich die Gedanken bis in die Nacht hinein. Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut, ging den Menschen so gut es ging eher aus dem Weg, weil mir nicht nach Gesprächen zumute war. Eigentlich wollte ich nur eins: wegrennen. Weit weit weg. Während ich im Club stand, riss es mich innerlich fast auseinander. Zu dem enormen Selbsthass gesellten sich die Kollegen ‚Du bist so nutzlos!‘ und ‚Es wäre doch echt an der Zeit, dass du dir die Kugel gibst, nicht wahr?‘ dazu, die ich nicht sonderlich vermisste.

Ein direkter Sprung zu gestern.

Die Stimmung sackte rapide ab. Irgendeinen Sinn im Leben zu sehen fiel mir schwer und ich fragte mich, was zur Hölle wir hier eigentlich alle machen. Aufstehen, anziehen, zur Arbeit gehen, irgendwie überleben, erschöpft nach Hause kommen, schlafen und im Grunde eigentlich nur auf den Tod warten. Ist das alles? Den ganzen Hass und das Leid auf dieser Welt mit ansehen und uns noch darüber freuen, dass wir an all dem teilhaben können? Super.

Wie ihr seht: manchmal denkt man, dass es einen im Gegensatz zu den letzten 2 Jahren mal ganz okay geht, bis es dich dann doch wieder völlig unvermittelt aus der Bahn wirft. Sich zwischen Suizidgedanken, Zweifeln, Selbsthass, Unzufriedenheit und Wirrwarr herumzuwälzen und irgendeinen Ausweg zu finden- auf die eine oder andere Weise. Ein Kollege fragte mich letztens, ob ich denn wüsste, wie man sich quasi Idiotensicher umbringt (Kurz dazu: der Kollege steht fast vor der Rente und wir unterhielten uns darüber, dass er, wenn körperlich/geistig nichts mehr geht, gerne eher diesen Weg einschlagen würde als qualvoll auf sein natürliches Ende warten zu müssen) und ehe er weiterreden konnte, sagte ich: Erzählen Sie es mir lieber nicht- das wäre nicht gut! Ich weiß wie es in Ausnahmesituationen ist und wie sehr ich noch immer eine Gänsehaut bekomme, wenn ich daran denke, dass ich mich selber in diesen Momenten nicht mehr wiedererkannt habe und ich es am liebsten direkt beendet hätte. Seitdem passe ich ein wenig besser auf und höre mir solche Sachen bis zu einem gewissen Punkt an, aber auf einige Informationen, die ich vielleicht irgendwann im Affekt gegen mich selber einsetzen könnte, versuche ich zu verzichten oder mich zumindest rechtzeitig aus dem Gespräch zu ziehen.

Wie ihr seht: es ist ein Kampf mit dieser Krankheit. Manchmal habt ihr die Oberhand, manchmal aber auch einfach die Depression. Ich versuche mit kleinen Schritten vorwärts zu kommen und kleine Änderungen in den Alltag einzubauen, Stichwort Ernährung oder das Fernhalten von Familie/Menschen, die mir nicht guttun, zum Beispiel. Oder Gedanken eher ins Positive zu lenken, aber auch das ist ein langer Prozess. Mich an kleinen Dingen zu erfreuen, der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung zumindest etwas entgegenzuwirken oder die Rückschläge besser zu meistern. Aber mir kann nie jemand richtig beantworten, wie man sich mit dieser Krankheit arrangiert. Ich möchte sie nicht haben, weil sie alles in mir zerstört, wie ein außer Kontrolle geratener Waldbrand. Unaufhaltsam und hinterlässt nur Asche und Verderben. Ich merke schon: da liegt noch ein weiter steiniger Weg vor mir.