#fuckdepression 11.

Jetzt mal Hand auf’s Herz: wie findet ihr denn drüben bei Facebook die Rubrik Erinnerungen? Ich schau sie mir jeden Tag durch, um Dinge zu löschen und somit meine persönliche Seite immer mehr auszudünnen. Fühlt sich gut an. Bei manchen Beiträgen schlage ich die Hände über den Kopf zusammen und bin froh, wenn diese für immer außer Sichtweite sind, aber bei manch anderen? Die bleiben. Die MÜSSEN bleiben. Wie der Eintrag vom 26. März 2011, der mir kurz nach Mitternacht unter die Augen trat. Über einen Menschen, den ich sehr vermisse. Über einen Menschen, der mit seinem Tod eine riesige Lücke hinterlassen hat…

…aber ich muss etwas ausholen.

Als Kind/Jugendliche war ich unheimlich schüchtern, hatte dort schon depressive Episoden und auch die Persönlichkeitsstörung fand wohl mit meiner Geburt ihren Ursprung. Damals wussten weder ich noch andere, dass viel mehr als kindlicher Trotz, Pubertät oder schlichte schlechte Laune dahintersteckte. Wie auch? All diese Themen rund um die Psyche werden doch erst jetzt so richtig Richtung Öffentlichkeit gezerrt. Das heißt natürlich noch lange nicht, dass sich all die verschiedenen Krankheiten, die für das bloße Auge unsichtbar sind, auch für jeden Menschen, der damit keine eigene Erfahrung sammeln ‚musste‘, greifbar sind. Ich kann es nachvollziehen, dass wir von vielen nicht verstanden werden, weil all das, was wir mal drüber erzählen, auch eine mehr oder weniger schwere Kost darstellt, die auch erstmal verdaut werden muss. Aber weiter im Text.

Schule war die Hölle für mich- Team für immer Aussenseiter. Und wenn du anders bist als alle anderen, gerät man immer wieder in die Schusslinie. Pummelig und nicht sportlich? Nicht den Unterricht stören und gegen die LehrerInnen rebellieren? Eher für sich alleine bleiben wollen? Angst, vor der Klasse zu singen, Gedichte aufzusagen oder irgendeinen anderen Scheiß? Die Deutschlehrerin hasst einen und lässt einen das in jeder Stunde spüren? Zu häßlich? Zu dick? Keine Markenklamotten? Nichts zu sagen? Jep, das gefundene Fressen für andere.

Eine kleine Rettung zwischendurch war für mich das Praktikum. Raus aus der Schule und einfach woanders sein. Weg aus dem beklemmenden Klassenraum, rein in die Arbeitswelt- oder so! Mein erstes Praktikum, neunte Klasse, absolvierte ich in einer Zoohandlung. War okay, immerhin konnte ich mich jeden Tag zu Beginn um die Vögel kümmern, die mir aber auch unfassbar leid taten. Viel zu kleine Käfige, eingesperrt mit vielen anderen zusammen. Ein Elend, aber dennoch beruhigte mich das Zwitschern aus allen Ecken, während die Chefin kein gutes Haar an mir ließ.

Dann zehnte Klasse. Ich war eher relativ Ideenlos für ein weiteres Praktikum, denn wenn man Dorfkind ist, hat man natürlich nicht ganz so viele Auswahlmöglichkeiten- bis mein Opa meinte, dass ich doch mal bei Armin ein paar Häuser weiter fragen sollte. Dachdeckermeister mit einem riesigen Großmaul, dass man öfter mit der runtergelassenen Kinnlade vor diesem Menschen stand und erstmal verarbeiten musste, was einen da gerade um die Ohren flog.

Meine Reaktion auf diese Idee darauf war erstmal: Äääh, nee. Lieber nicht! Warum? Weil mir ungelogen jedes Mal die Knie weich wurden, wenn er mir irgendwo begegnete (und das kommt auf’m Dorf natürlich relativ oft vor)- aus purer Angst. Ja, ich hatte Angst vor diesem Menschen. Ich kann mir bis heute nicht mehr ganz zusammenreimen, warum das damals so ausgeprägt war. Weil er großspurig war? Weil jede/r sein Fett wegbekam? Wie so eine unangemeldete Ohrfeige, die dir munter ins Gesicht klatscht und für die nächsten Tage einen knallroten Abdruck hinterlässt. Wie ihr merkt: ich war kein großer Fan dieser Idee, aber irgendwie ließ ich mich am Ende breitschlagen.

Und fand mich an dem ersten Tag frühmorgens auf dem Grundstück ein. Der Schritt in die Büroküche fiel mir so unfassbar schwer, weil da noch immer diese Angst mitschwang. Dann sitzt du als Praktikantin mit in der kleinen Küche, um dich herum gestandene Handwerker- mit Kaffee, Kippe, Zeitung und dummen Witzen ausgestattet. Das Praktikum lief dann doch ganz gut- ich bin natürlich nicht mit zu den Baustellen gefahren, sondern blieb meistens auf dem Grundstück, bekam Malerarbeiten, für die teilweise Gerüste aufgebaut wurden, kleisterte mich mit Farbe voll, war an der frischen Luft und das beflügelte. Aus der Angst wurde allmählich Respekt, die Sprüche stets Messerscharf, aber mit der Zeit lernte ich damit umzugehen.

Das Praktikum war nach 3 Wochen vorüber, aber das schöne: damit endete die Zusammenarbeit nicht.

So kam es, dass ich während meiner Ausbildung auch dort landete, manchmal sah der Tag dann so aus: früh mit dem Zug nach Cottbus, einige Stunden in der Schule oder im Betrieb abgebummelt, mit dem Zug nach Hause, schnell was gegessen und die mit Farbklecksen eingesauten Klamotten an und ab zur Arbeit. Wie froh ich war, dass er mich weiter beschäftigte, denn auch in der Ausbildung hatte ich es alles andere als leicht- und konnte bei den Aufgaben prima abschalten, Zugegeben: Armin war am Anfang skeptisch und beäugte einen. Aber je öfter ich dort aufkreuzte, umso mehr freute er sich drüber- da sagte ein breites Grinsen meist mehr als unzählige Worte. Er wurde dann auch zu einem Typen, der auf mich aufpasste, dass auch ja nichts passiert und immer sagte, dass, wenn ich nur daheim rumlungern würde, irgendwann auf die schiefe Bahn geraten würde. Somit hatten wir beide was davon: ich übernahm (manchmal auch echt sinnlose) Aufgaben- die somit keiner seiner Leute erledigen musste, ich bekam Geld auf die Hand, welches ich dann für Konzerte und Merch ausgeben konnte. Auf Platz 1 der sinnlosesten Dinge: Sommer. Sonne. Hitze. Ein Kunde wollte ein Gartenhaus gebaut bekommen- dafür sollten Bretter herhalten, die ich alle per Hand von der Rinde befreien musste. WAS FÜR EINE MÜHSELIGE ARBEIT. Stellt euch vor, ihr habt da unzählige Bretter vor euch, die alle einzeln bearbeiten und am Ende noch streichen. Dann hast du es geschafft, bist glücklich drüber UND dann stellt euch vor, dass der Kunde sagt: Ups, gefällt mir doch nicht- ich will was ganz anderes. Bäm, mitten in die Fresse rein. Da fühlte ich mich so richtig verarscht.

Aber dennoch: all die Jahre zwischen Geschäftsessen und dort zu arbeiten waren für mich Gold wert- und ein wenig habe ich mir auch das Großmaul abgeschaut. Ein harter Hund mit dem Herz am richtigen Fleck.

Als ich dann irgendwann nach Hamburg zog, ich dann ab und an in die Heimat fuhr, führte mich mein zweiter Weg immer direkt zu Armin und dieser zeigte mir dann ab und an, was sich so geändert hat, neue Errungenschaften. Ich hätte es am Anfang meines Praktikums nie für möglich gehalten, dass er zu einer wichtigen Person in meinem Leben werden würde- aber das wurde er- nämlich tatsächlich zu einer Art Vaterfigur.

(Sadfact: meinen leiblichen Vater habe ich bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr gesehen. Und wie das an mir genagt hat und es auch jetzt immer mal wieder hochschwappt: Wieso/Weßhalb/Warum war ich so uninteressant für ihn? Bereut er meine Existenz? Geh ich ihm am Arsch vorbei? Was habe ich angestellt, dass er von einem auf den anderen Tag nichts mehr mit mir zutun haben wollte? All das und noch viel mehr schwirrt mir durch den Kopf und kann es an manchen Tagen einfach nur schwer ausstellen.)

In den letzten Jahren ging es mit seiner Gesundheit bergab und er tingelte oft zu den Ärzten, um rauszufinden, was eigentlich Sache ist. Irgendwann stand sein Gegner fest: Krebs.

Es ist unfassbar: wir sind uns sonst immer begegnet, als ich immer für ein paar Tage in der Heimat war. Hab ich ihn mal nicht angetroffen, sind wir uns spätestens dann begegnet als ich unterwegs war und er mit dem Auto vorbeifuhr. Wir verpassten uns wirklich NIE- ungelogen. Aber das änderte sich schlagartig als die Diagnose feststand. Es war seltsam- jedes Mal ging ich rüber und dann hieß es meistens, dass er gerade auf dem Weg ins Krankenhaus nach Berlin ist oder woanders steckt. Wir haben uns permanent verpasst, was sonst alles andere als auf der Tagesordnung stand. Jedes Mal ließ ich Grüße da, aber ich weiß nicht, ob er sie jemals erhalten hat.

Sprung zum Mai 2017: es war ein sonniger Tag in Hamburg, die Touristen verirrten sich die ganze Zeit über in unser Restaurant. Mittagspause. Als ich so am Tisch saß und mich mit dem Handy beschäftigte, sah ich eine SMS, deren Inhalt so knapp war, dass sie mir den Hals zuschnürte: Armin ist gestern gestorben.

Ja, es riss mir den Boden unter den Füßen weg, alles stürzte ein wie ein Kartenhaus. Dieser innere Schmerz, der sich so tief in Kopf, Herz und Knochen bohrte und sich festsetzte. Diese Vorstellung, diesem Menschen nie wieder zu sehen, nie wieder mit ihm zu sprechen. Diese plötzliche Leere und der tiefe Hass dieser Krankheit gegenüber. All das, was man diesem Menschen nicht mehr sagen konnte. Gleichzeitig fühlte und fühle ich mich schuldig- dass ich nicht hartnäckiger war. Dass ich nicht nach Berlin ins Krankenhaus gefahren bin. Dass ich nicht da war.

All das kam in mir so unvorbereitet wieder hoch, als ich die Erinnerung bei Facebook sah. Wie ein Airbag im Auto, der sich plötzlich mit einem lauten Knall vor dir ausbreitet und dich mit voller Wucht trifft. Kein ausweichen, kein Notausgang in Sicht. Dieses erneute Schwimmen durch den tiefsitzenden Schmerz- welch ungeheure Kraft das kostet. Aber das kennen bestimmt einige von euch, nicht wahr? Andererseits war es dennoch eine schöne Erinnerung, die mir ein Lächeln ins Gesicht zauberte. An all die Dinge denken, die dort waren und dankbar zu sein, diese Jahre gehabt zu haben.

Dennoch heule ich fast gerade durchgehend beim Schreiben dieser Zeilen und das Atmen fällt schwer, weil die Trauer so mächtig und erdrückend ist, dass ich mich gerne für die nächsten Tage nur unter der Bettdecke verstecken möchte.

Warum ich das alles eigentlich aufschreibe? Ich weiß es nicht. Oft hilft es mir dadurch einiges an Ballast loszuwerden, Gedanken rauswerfen, um mir diesen Artikel mit einem zeitlichen Abstand erneut durchzulesen, mich zu erinnern. Verarbeiten, nicht mehr zu verdrängen. Gefühle, Trauer zuzulassen. Und vielleicht auch etwas von den Schuldgefühlen loszuwerden. Ach, was weiß ich…ich hätte ihm einfach gerne noch so viel gesagt- und die Chance habe ich verpasst. Und das tut weh.

Also, liebe LeserInnen- wartet nicht bis zum Schluß: Wenn ihr euren Herzensmenschen etwas sagen wollt, dann macht das ohne zu zögern, denn niemand weiß, was an der nächsten Ecke lauern wird- und wann es das letzte Mal sein wird, dass man sich sieht.