‚Was vor allem hilft: da sein.‘ Julia über Mobbing am Arbeitsplatz.

Gerade alles doof? Nicht alles! Die freie Zeit kann man prima dafür nutzen, um sich mal wieder einiges von der Seele zu schreiben. Nur heute mache ich das nicht, sondern Julia, die euch bereits vor kurzem etwas über das Buch Until The Darkness Takes Us von Nathan Gray erzählt hat! Über ihre Erfahrungen mit Mobbing am Arbeitsplatz könnt ihr nun an dieser Stelle etwas lesen. Vielen Dank für deine Offenheit!

Wo fange ich an? Wenn ich zurückblicke auf meine bisherigen beruflichen Stationen und mich frage, wie hast du dich da gefühlt? Dann zieht sich da ein roter Faden durch. Wirklich wohl gefühlt, wirklich wertgeschätzt habe ich mich mit 18 bei der Zeitung, da bin ich jeden Tag der Sommerferien in der Redaktion gewesen. Da konnte ich zeigen, was ich kann. Und das kam gut an. Bestätigung der Kollegen, lief.

Danach bin ich oft unter meinen Möglichkeiten geblieben, bin den bequemeren Weg gegangen. Habe bei den Praktika während des Studiums keine freie Mitarbeit angestrebt, nicht genetworkt. Und habe immer das Gefühl gehabt, ich sei austauschbar. Da könnte auch jemand anderes sitzen. Zieht sich auch durchs Privatleben, aber das ist ein anderes Thema, mit dem man die ein oder andere Seite füllen könnte.

Dann kam der erste Vollzeitjob, ein cholerischer Chef. Und dann irgendwann die Kündigung aus dem Nichts. Von oben herab, in einer beschissenen Art und Weise. Passte aber zum Verhalten vorher. Nach ewiger Jobsuche das Volontariat. Von Anfang an – gefühlt – nicht ernst genommen. Alleine in die Mittagspause. Und bei den täglichen Aufgaben immer um Anerkennung kämpfend, nicht im Fokus habend, dass ich zufrieden mit dem sein muss, was ich da mache. Auf der einen Seite das Wissen, dass ich das kann und mehr weiß, als meine Position aussagt. Auf der anderen Seite immer das Gefühl, nicht gut genug zu sein, den Job nicht gut genug zu machen. Plus das Verhalten der Kollegen, dass ich auch nur in diese Richtung aufgefasst habe.

Dann neue Chefin, das Bossing, wie man das ja nun mal nennt, fing recht schnell an. Ich könne nichts, sei zu langsam, zu faul. Die Masse an Überstunden und nicht genommenen Urlaubstage lassen wir mal außen vor. Warum die werte Dame das gemacht hat, ist eigentlich irrelevant. Es war beschissen und es gibt keinen Grund, warum man so eine verfickte Scheiße macht. Wenn es da ein Motiv ihrerseits gab, gibt es da gar keine Rechtfertigung für. Aber: Es konnte bei mir wirken. Ist auf fruchtbaren Boden getroffen. Nicht, weil ich schwach war, sondern weil ich diese Selbstzweifel, dieses verfickte Gefühl, nicht gut genug zu sein, nichts richtig zu machen, schon lange – wenn nicht schon immer – hatte. Ich hab da wehrlos gestanden, dem ganzen nix entgegen setzen können. Das „Stell dich nicht so an“ von anderen hat nur noch mehr weh getan. Mir das Gefühl gegeben, ich bin es sowieso nicht wert.

Fehlende Bestätigung bestärkte das nur noch. Ich hab den Job da gut gemacht, da bin ich mir im Nachhinein sicher. Aber diese Chefin, und letztendlich das ganze Verhalten des Arbeitgebers an sich, hat mich in die Knie gezwungen. Das Gefühl wertlos zu sein. Geheult, über Wochen, Monate. Schlafstörungen. Die Gedanken drehten sich nur noch um die Arbeit. Horrorszenarien nicht nur im Traum, sondern permanent im Kopf. Irgendwann ging es nicht mehr, ich habe gemerkt, das hier ist nicht mehr „nur“ eine Überlastung, und habe die Notbremse gezogen. Mich krankschreiben lassen. Schon damals wusste ich, das ist die richtige Entscheidung.

Und Jahre später kann ich sagen, das war richtig. Egal was irgendwer sagte. Dieses „du kannst doch nicht“, „du musst mit der reden“. Nein, ich war da so klar, zu mir zu stehen und zu sagen, ok, du lässt das nicht mehr mit dir machen. Du kommst da aber auch nicht allein raus, also Hilfe suchen. Diagnose: Depression. Nach und nach habe ich die Probleme erkannt, die dem Ganzen zugrunde liegen. Die Lösung liegt nämlich in mir selbst. Nicht in irgendeiner Chefin, nicht in irgendeinem Chef. Ich habe das mit mir machen lassen. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Und dann das Muster erkannt. Das alles kam nicht aus dem Nichts. Ich kann andere Menschen nicht ändern. Ich kann nur mich selbst ändern, erkennen, was mein Problem ist. Lösungen suchen, finden. An mir arbeiten. Das ist ein Weg, den man immer weiter gehen muss. Man muss mit sich selbst zufrieden sein. Sonst wird es auch niemand anderes ernsthaft sein. Wir machen uns selbst zu dem, der wir sind. Und ja, man findet auf diesem Weg auch Dinge, auf die man nicht gucken möchte. Erinnert sich an Sachen, die man gerne nie wieder angeschaut hätte. Aber was ist die Alternative? Weitermachen und dann so richtig gegen die Wand laufen?

Für mich war wichtig zu erkennen, wie es dazu kommen konnte. Was ich dazu quasi „beigetragen“ habe. Natürlich hat die Dame den Mist fabriziert. Klar. Und ich würde gerne heute noch… Das muss ich hier nicht schreiben.
Aber das Mobbing konnte wirken. Konnte sich in jeder Windung meines Kopfes festsetzen und herrlich vor sich hinbrüten. Es geht dabei nicht darum, ob ich Schuld daran habe. Sondern was das Ganze begünstigt hat. Und da kann die Lösung nur in mir liegen. In dem, wie ich mich sehe. Aber: Mobbing ist scheiße. Punkt. Egal ob im Privatleben oder auf der Arbeit. Wenn es vom Chef kommt wahrscheinlich genauso beschissen wie durch Kollegen. Aber andere tragen eben auch dazu bei, dass sich an der Situation nix ändert. Dass der Mobbende so weitermachen kann. Weil sie Angst haben, selbst zum Opfer zu werden. Weil es ihnen egal ist. Weil sie es nicht erkennen. Da gibt es so viele Antworten.

Wichtig wäre in meinem Fall gewesen, dass mir nicht fast jeder gesagt hätte „du musst mit der reden“. Habe ich, selbst während der Wiedereingliederung. Die Frage war nur wann ich heule. Dann noch mit einem Arbeitszeugnis erpresst zu werden war nicht verwunderlich. Der Arbeitgeber hat da mitgemacht, ist mir quasi in den Rücken gefallen. Das Gefühl: „Aber es ist ja nur die Volontärin.“ Da ist das ja scheißegal. Wäre es bei anderen aber sicherlich auch gewesen. Wenn Unternehmen das nicht ernst nehmen, können sich Betroffene auch nur alleingelassen fühlen. Ich hatte Glück, das war ein befristeter Vertrag, ich hab meine Zukunft also nicht da gesehen. Aber das geht nicht jedem so.

Unternehmen müssen das ernst nehmen. Kollegen, Freunde, Familie. Und es nicht abtun, als ein paar lächerliche Schwierigkeiten, die ja jeder hat. Weil es den Traumjob ja nicht geben kann. Die Arbeitswelt muss sich mit dem Thema „mentale Gesundheit“ auseinandersetzen, drüber reden. Sonst wird das in unserer Gesellschaft nie akzeptiert und nie ernst genommen werden. Und da kann aber jeder was tun, ähnlich wie bei vielen andere psychischen Krankheiten auch. Zuhören, da sein. Und nicht sagen „ist ja nicht so schlimm“, „das wird wieder“. Ja, das wird hoffentlich wieder. Aber so sieht das in der Situation für den Betroffenen akut nicht aus. In meinem Fall war das Berufliche der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Aber das lässt sich nun mal nicht vom Privaten trennen. Wer das kann, herzlichen Glückwunsch.
Wenn dich jemand scheiße behandelt, dann ist es egal wo. Sei es die Familie, seien es Freunde, seien es Fremde, seien es Kollegen, seien es Chefs. Wir müssen viel mehr hingucken, wenn sowas passiert. Nicht weggucken. Was vor allem hilft: da sein.