Tim Vantol – Better Days

Musiker: Tim Vantol
Album: Better Days
Veröffentlichung: 22. Mai 2020
Via: EminorSeven Records / Uncle M / Cargo Records
Vorbestellen: Merchcowboy
Anspieltipps: No More, Better Days, Forgiveness, Not Today (ach, ganz ehrlich: es gibt bei diesem Album einfach kein Lückenfüller, also einfach von Anfang bis Ende genießen!)

Puh, welch ein knallhartes Jahr das ist und dabei haben wir gerade mal den Mai erreicht. Während andere MusikerInnen und Bands ihre neuen Alben dank Corona noch weiter auf die lange Bank schieben und lieber noch abwarten, wie sich alles entwickelt, denkt sich Tim Vantol: FUCK IT. Raus damit! Und was soll ich zu dieser Entscheidung sagen? Ich bin wirklich froh darüber, dass er am geplanten Veröffentlichungsdatum festgehalten hat und uns somit ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert, was uns in den letzten anstrengenden und nervenaufreibenden Wochen mehr oder weniger abhanden gekommen ist.

And if you really listen close,
would this be the way you would’ve chosen,
or don’t you want to be a Part of it no more? (Aus No More)

Diese Frage schmettert er uns direkt zu Beginn im Song No More um die Ohren & es verfehlt nicht seine Wirkung. Denn ganz ehrlich: Corona hat auch seine guten Seiten- denn ich zum Beispiel habe die Zeit genutzt, um ein wenig im Kopf aufzuräumen und auszumisten. Gegangene Wege und Entscheidungen zu hinterleuchten, mit einem gewissen Abstand zu betrachten in welchem Abschnitt ich mich gerade befinde und ob mir bestimmte Dinge guttun. An sich zu arbeiten, Chaos zu beseitigen und die Vergangenheit endlich zu Grabe tragen. Ballast über Bord werfen und die Augen nach vorne richten. Gemachte Fehler zu akzeptieren, abzuhaken, draus zu lernen und unbeirrt einen ganz neuen Pfad einzuschlagen. No More ist für mich die kleine lang benötigte Arschtritt-Hymne!

I woke up with a promise.
I broke it straight away.
I guess I’m staying in
as i’m feeling far from great. (Aus Not Today)

Not Today. Hach, wie gut ich diese Zeilen nachempfinden kann. Die schlechten Tage zwischendurch. Wenn du aufwachst und schon bemerkst, dass irgendwas nicht stimmt. Dass irgendwas anders ist als an anderen Tagen. Wenn dir die Kraft und Energie fehlt, überhaupt aus dem Bett zu steigen. Das Gefühl, sich nur verkriechen zu wollen, Ruhe zu finden und dem rastlosen Kopf eine wohlverdiente Pause zu gönnen, was meistens nicht wirklich klappt. Denn wie schwer es ist diese Mühle dort oben zu stoppen, können längst nicht alle Menschen nachvollziehen. Gerade, wenn man zum Beispiel an Depressionen leidet und einem gefühlt einfach alles erdrückt. Und wie schwer es in solchen Momenten ist, sich anderen mitzuteilen, wenn einen selbst einfach die passenden Worte fehlen um eine Erklärung abzuliefern. Wichtig ist, sich an jedem noch so kleinen Strohhalm zu klammern, auf sich zu achten und Dinge zu tun, die einen guttun. Sich immer wieder zu sagen: Morgen ist ein neuer Tag. Ein neuer Anfang.

Tell them how much they mean.
Tell them how much they mean.
In a world like this, that goes to shit.
Tell them how much they mean to you.
Just tell them how much they mean. (Aus Tell Them)

Wie passend in dieser Zeit: mal Hand auf’s Herz- wie oft sagt ihr euren liebsten Menschen, wieviel sie euch bedeuten? Gerade jetzt? Viel zu selten, stimmt’s? Meistens kommt es einen erst dann in den Sinn, wenn es zu spät ist. Deswegen umso schöner, dass Tim mit diesem Song um die Ecke kommt und sagt: Hey, sagt den Menschen um euch herum ruhig ab und an, dass ihr sie liebt. Dass ihr immer für sie da sein werdet und stets eine Schulter zum Anlehnen parat habt, wenn es mal stürmisch werden sollte.

So, drink.
So, here’s to our failures, our missteps and our mistakes.
May we be brave enough to face all our deepest shames. (Aus Forgiveness)

Wie schwer es vielen von uns fällt, für gemachte Fehler einzugestehen. Fehltritte, Fettnäpchen, falsche Entscheidungen. Dinge, die man ewig mit sich rumschleppt und ein wahres ‚Hätte ich mal lieber…‘ Karrussell im Kopf auslöst, welches dich nicht mehr schlafen lässt. Dabei sollten wir aber im Auge behalten, dass wir alle nur Menschen sind und niemand perfekt ist. Fehler passieren. Sie sind zwar äußerst unangenehm, weil man sich dafür immer gerne selbst ohrfeigen würde, weil man es eigentlich besser hätte wissen müssen, aber es gehört einfach mit zum Leben. Da müssen wir alle in unregelmäßigen Abständen durch. Wichtig dabei ist: wie gehen wir damit um? Schweigen wir es tot? Bis Gras drüber gewachsen ist? Oder suchen wir die Aussprache, wenn andere involviert sind, die das fälschlicherweise alles abbekommen haben? Letzteres lässt einen auf jeden Fall einen tonnenschweren Brocken vom Herz fallen und sollte somit die allererste Wahl sein, obwohl man stattdessen gerne zur Flasche greifen würde, um alles runterzuspülen- zumindest für einen kurzen Moment.

Tim Vantol schwankt auf Better Days zwischen den einen oder anderen Gehirnfick, aufkeimenden Optimismus, gelegentlichen mentalen Einbrüchen und gibt uns einen sehr guten Einblick, was ihm beim Schreiben der Texte beschäftigt und verfolgt hat. Es ist, als ob wir heimlich sein Tagebuch durchblättern würden und wir dabei über ehrliche, offene und berührende Einträge stolpern und uns nicht mehr satt lesen können.

Better Days. Mitreißend. Erfrischend. & für mich auf jeden Fall einer seiner besten Platten. An vielen Stellen macht sich das Tanzbein bemerkbar und möchte geschwungen werden, aber auch die ruhigen Passagen kommen mehr als gut zur Geltung. Ein Album, welches an jedem einzelnen Tag bei mir läuft und mich wirklich unfassbar gut durch diese Zeit bringt. Ich freue mich darauf, wenn es wieder Konzerte geben wird und wir alle unter Beweis stellen können, dass wir unsere freien Tage damit verbracht haben, um all die Texte auswendig zu lernen, um sie Tim mit voller Wucht entgegen zu schleudern. Freunde, das wird toll! Und wie singt er so schön?

Better days around the corner.
Better days are here to stay.