Strike Anywhere- Nightmares Of The West

Band: Strike Anywhere
EP: Nightmares of the West
Veröffentlichung: 17. Juli 2020
Via: Pure Noise Records/Soulfood
Aufgenommen: von Brian McTernan im Salad Days Studio in Baltimore
Bestellen: Pure Noise Shop
Anspieltipps: Ich kann mich da gerade sehr schlecht festlegen, weil wirklich jeder einzelne Song so unfassbar gut ist, dass ich schlicht und einfach sage: Startet beim ersten Song, lasst sie durchlaufen- und das immer und immer wieder.

In einer Welt, die gerade an allen Ecken und Enden lichterloh in Flammen steht, fällt es wahrlich schwer, noch einen Hoffnungsschimmer am verrauchten Himmel zu entdecken. Die ganzen schwer verdaulichen Nachrichten, die seit Wochen und Monaten nur so über uns hereinbrechen, zeigen Wirkung und immer öfter fällt man vor unerträglichen innerem Schmerz auf die Knie und versucht verzweifelt die allerletzten Kraftreserven zu mobilisieren, die sich immer mehr mit rasantem Tempo dem Ende neigen.

Tools thrown down now / Rust in the dirt / Where’s the thought / In the maze of hurt / Remember that you are a battery and resistance is love / Written large (aus Documentary)

Und wie gut es in diesen unvorhersehbaren Tagen tut, wenn da plötzlich Bands um die Ecke kommen und dir kurz und knapp sagen: Ey, zugegeben: es ist gerade alles so richtig Scheiße, ABER komm mit uns- wir zeigen dir, wofür es sich zu kämpfen lohnt! Eine dieser Bands ist ganz klar Strike Anywhere, die sich ein wenig Zeit mit einem neuen Tonträger ließen, die sich aber dafür umso mächtiger, wütender und eindrucksvoller zurückmelden- kurz gesagt: genau zur richtigen Zeit steht die EP Nightmares Of The West in den Startlöchern, die wie die letzten vier Alben im Salad Days Studio in Baltimore von Brian McTernan aufgenommen wurde.

Beyond their control / Beyond petty politics / and weapons of killing time / Beyond the daily war / Beyond criminal damage and terror police at night (aus Dress the Wounds)

7 Songs (darunter das Cover ‚Opener‚ von Blocko), die sich auf über 18 Minuten verteilen und einer scheint stärker als der andere zu sein- ein wahres Übertrumpfen, ein knappes Kopf an Kopf Rennen, aber keines der Lieder bleibt dabei auf der Strecke, ganz im Gegenteil: keine Lückenfüller, kein unnötiges Drücken der Skiptaste. Alles wirkt so abgerundet und ineinander passend, aber gleichermaßen kantig und leicht angeraut, dass man direkt den Lautstärkeregler auf Anschlag drehen und ebenfalls all den angesammelten Frust rausbrüllen möchte.

Ghosts on the river / Centuries old hypocrisies / In the prisons past the estates / The broken sun through the train yard gate / A tunnel blocked when the Seventh Hill shook / Underground / When dreams and civic virtues / are measured in bodies: this town (aus The Bells)

Stellt euch vor, Strike Anywhere würden euch auf eine kleine Spritztour einladen- also rein in den Van und bitte den Gurt nicht vergessen! Mittendrin im Geschehen: während der Fahrer gekonnt durch die ländliche Provinz schlittert, gerät die am Anfang lockere Stimmung immer mehr Richtung Ernsthaftigkeit. Während am Fenster die Einöde vorbeirauscht, werden Themen wie Verlust behandelt. Von Wegbegleitern, guten Freunden. Aufarbeitung, Einordnung, die Zeit zum Trauern finden und bewusst nehmen, aber dennoch ganz wichtig: nie vergessen, dass es stets weitergeht und jeder einzelne Schritt Richtung Verarbeitung enorm wichtig ist. Das Thema wird aber auch in The Bells ausgeweitet, wie Barnett erklärt:

Aber in diesem Lied geht es auch um den Verlust und die Trauer nichtmenschlicher Dinge – Städte, Zeit. Dinge, die früher viel Tiefe besaßen und sich wirklich robust anfühlten, und die sich jetzt durch die Gentrifizierung abgeflacht fühlen, abgeflacht durch den rohen Kapitalismus, der die Kunsträume und die Gemeinschaften der Arbeiterklasse verdrängt. Es geht um die Art und Weise, wie Städte sich verändern und wen man verliert und wohin die Menschen gehen müssen, wenn sie es sich nicht mehr leisten können, irgendwo zu leben.

Der Van jault auf, als es hoch auf die Autobahn geht, das Tempo angezogen und die Überholspur angepeilt wird. Durch die Vertiefung in die Gespräche ist es niemanden aufgefallen, dass die Landpartie abrupt zum Stoppen kam und nun jeder der Insassen überraschenderweise in die halb zerfetzten Sitze gedrückt wird. Und dieses Szenario kann man auch gut auf die EP übertragen: war man vorher noch bei dem Trauern und Verarbeiten, steuert man nun zielgerichtet auf Frust, Ungerechtigkeit und Trotz zu. Dennoch ruft so gar nichts nach Resignation, ganz im Gegenteil:

Dieses System, diese Maschine, diese Sicht der Geschichte hat tiefe, fatale Mängel. Und es ist nicht nur etwas, über das die Menschen akademisch oder in kleinen Gruppen sprechen können, wie dies etwas ist, das jetzt großgeschrieben wird, wo es zu unseren Lebzeiten noch nicht der Fall war. Und das kritische Versagen der Sichtweise Amerikas, dass die Sicht des Kapitalismus mit Freiheit gleichzusetzen ist, die Sicht der Nationalstaaten, all dieses Zeug, das sein Verfallsdatum überschritten hat, selbst, wie diese Ideen, die von Anfang an fehlerhaft waren, und niemand war ehrlich darüber. Und jetzt, verdammt unvorbereitet, sind wir hier, und wir müssen wirklich sagen: „Okay, wir können das neu organisieren. Diese Sache geschah vor 200 Jahren, oder die westliche Hegemonie des Globus geschah vor 400 Jahren, und das waren tiefe Fehltritte. Und wir können uns entweder selbst vernichten, indem wir versuchen, es zu Tode zu rechtfertigen, oder – um die Bouncing Souls zu zitieren – wir können finden, was gut ist, und es dauerhaft machen.

Sich für die richtige Seite entscheiden, den Mund aufmachen, gegen Ungerechtigkeit ankämpfen und dabei nur nie den Mut und die Zuversicht verlieren. Sich mit anderen zusammenschließen, für die gute Sache kämpfen, sich einsetzen und weiterhin belesen und informieren. Nicht einschüchtern lassen und mit Hirn und Herz an der Sache bleiben. Sich darin verbeissen und dem Optimismus mehr Chancen einräumen. Uns zu besseren Menschen und vorallem die Welt zu einem viel besseren Ort machen. Das sollte mit ganz oben stehen und niemals angezweifelt werden.

Nightmares of the West. Eine EP, die in keinem gut sortierten Plattenschrank fehlen darf! Okay, ein kleiner Haken wäre da tatsächlich noch: ich hätte mir tatsächlich das doppelte an Songs gewünscht, weil diese Scheibe einen nicht abzustreitenden Suchtcharakter besitzt. So, entschuldigt mich bitte: ich muss mal eben Durchlauf Nummer 130 (MINDESTENS!!!) starten!