#fuckdepression 12.

So, da ich seit 4 Monaten nutzlos daheim rumsitze, dachte ich mir, dass ich mich mal wieder ein wenig zu Wort melden könnte. Kleine Anmerkung: wer nichts über Mental Health lesen möchte, der bricht am besten an dieser Stelle ab & wartet einfach auf den nächsten Artikel, indem es sich dann wieder fast ausschließlich um Musik drehen wird. Vielen Dank! Wie ist es euch denn bisher in diesen turbulenten Wochen und Monaten ergangen?

I don’t know where to run, everything feels so wrong / There’s man with a mask in my home, kneeling in front of a confessional

Ich muss tatsächlich sagen, dass die ersten Wochen eigentlich recht stabil abliefen, was mich selbst ein wenig überraschte und konnte somit für mich auch die positiven Seiten aus dem Lockdown rausziehen: mit dem Intervallfasten fing es an- mehr auf die Ernährung achten und nicht sinnlos Schokolade und anderen Kram in mich reinstopfen- Stichwort Frustessen. Sich an gewisse Essenszeiten halten und auch mal mehr als eine TK-Pizza in den Ofen schmeissen. Klappte wunderbar und ich fühlte mich recht gut und fit. Außerdem genoß ich es am Hafen spazieren zu gehen und dabei wirklich nur auf eine handvoll Leute zu treffen. Einerseits fühlte es sich recht surreal an- wie in einem leicht durchgeknallten Zombiefilm, aber andererseits hatte es etwas befreiendes, diese sonst eher etwas überlaufene Stadt so leer zu erleben. Täglicher Sport (Ja, tatsächlich. Wer hätte das bitte gedacht?!) und ich widmete mich endlich wieder mehr der Musik und habe in den letzten Wochen und Monaten so viele Songs und Alben gehört wie schon lange nicht mehr.

No light came at dawn, and I am barely holding on / The shutter snapped and it froze the frame, but I barely recognize my face

Es gab zwischendrin auch mentale Einbrüche, die nicht immer leicht zu händeln waren. Gerade am Anfang, wenn dir die Ungewissheit den Schlaf raubt und überhaupt nicht klar war, wie es weitergeht- gerade, was die weitere Bezahlung anging. Da poltern einen so Gedanken durch den Kopf, wie ‚Ob die Kündigung kommt?‘, ‚Wie soll ich mit dem Kurzarbeitergeld alle Kosten decken können?!‚, ‚Fuck. Was mache ich, wenn ich die Miete nicht mehr aufbringen kann und am Ende auf der Straße lande?‘ und ‚Mich zerfetzt es regelrecht, weil alles am seidenen Faden hängt und jeder Zeit unvorhergesehen reißen kann.‘. Dazu regte mich auch diese geballte Dummheit der Menschen auf und wo wieder gut sichtbar wurde, wieviele arrogante Egoisten es in Wirklichkeit gibt. Antwort: Viel zu viele.

‚Mimimi…Mundschutz bringt nichts! Mimimi…setze ich nicht auf!‘

‚Warum sollen wir die alten Menschen schützen? Die sterben doch eh bald.‘

‚Bill Gates steckt dahinter!‘

‚Rassismus? Damit haben wir hier keine Probleme!‘

Fucking hell. Und traurig daran ist, dass ich mit solchen Aussagen ewig weitermachen könnte. Dennoch konnte ich mich im Vergleich zu früher relativ schnell wieder fangen und habe mich eben an Dinge geklammert, die mir gut taten und somit einen Ausgleich schafften.

One day I’ll be better, I hope that you never Feel as lost as I do today

Aber mittlerweile bin ich erneut an dem Punkt, an dem ich gerne alles über Bord werfen möchte. Freude? Ausgeglichenheit? Fehlanzeige. Ich bin noch immer nicht arbeiten und merke, wie sehr es doch trifft, nicht gebraucht zu werden. Nicht nützlich zu sein. Ob nun bei der Arbeit oder so im Allgemeinen. Ich sitze die Zeit ab, versuche noch immer vergebens rauszufinden, was ich beruflich machen könnte, um endlich aus der Gastronomie rauszukommen. Aber sind wir mal ehrlich: ich habe keine wirklichen Talente, die ich in irgendeinem Tätigkeitsbereich mit einfließen lassen könnte. Das ist einfach Fakt.

I drown it in alcohol so I can sleep

Ich schlafe schlecht ein und komme am nächsten Tag fast gar nicht mehr aus dem Bett. Erst heute hatte ich mir vorgenommen, am frühen Morgen runter zum Elbstrand zu laufen und danach noch rein in den Supermarkt, weil der Kühlschrank fast leer ist. Und? Was habe ich geschafft? Nichts! Ich habe im Bett gelegen und konnte mich nicht bewegen. Als ob mich ein tonnenschweres Gewicht daran hindern würde aufzustehen. Somit der vierte Tag in Folge, andem ich das Haus nicht verlassen habe und stattdessen zwischen Bett und Couch wechselte. Zwischen Fernseher und Laptop.

I’m not strong, no not enough / To wake and face the morning sun / Unexceptional, completely and totally forgettable

Laute Geräusche, wie aus den Nachbarwohnungen oder aus dem Innenhof sind mir zu viel, Essen würde ich am liebsten auch gar nichts mehr. Alles schmeckt einheitlich Scheiße. Empfangene Nachrichten kann ich nicht immer direkt beantworten, weil mir dazu schlicht und einfach die Kraft fehlt. Und ja: dafür werde ich auch gerne mal angepflaumt von Menschen, die mich kennen und wissen, warum es auch mal so sein kann- aber dennoch jedes Mal auf’s Neue kein Verständnis aufbringen können oder wollen. Und dann steckt man mittendrin im Kindergarten und das macht die Sache einfach auch nicht besser. Folge: ich distanziere mich nur noch mehr.

Maybe it’s not rational, but nothing makes sense to me at all / I know it isn’t fashionable, but I wear it so well

Auch der Sinn am Leben ist mir abhanden gekommen. Was soll der ganze Scheiß hier eigentlich? Tag ein, Tag aus versucht man doch nur die Stunden rumzubekommen. Schlafen, Arbeit, Haushalt, vielleicht noch eine Freizeitaktivität- that’s all. Im Grunde wartet man ja insgeheim doch nur darauf abzudanken. Überall kann man mittlerweile mit einem lapidaren Fingerschnipsen ersetzt werden. Einige melden sich nur noch bei einen, wenn sie etwas wollen. Oder nach dem Motto: ‚Ich erreiche gerade niemand anderen und da dachte ich mir, dass ich mich mal bei dir melde und kannst du bitte meine Langeweile vertreiben?‘ Fickt euch. Ganz ehrlich. Ja, schon öfter vorgekommen. Beide Sorten. Entweder ist man nur der notgedrungene Lückenfüller oder soll bei irgendeinem Problem helfen. Aber gut, mit den Jahren lerne ich immer mehr, wie ich mich von solchen Menschen abwende, weil ich sie nicht in meinem Leben brauche, nicht möchte. Und das nimmt den einen oder anderen Ballast weg.

There is a storm cloud outside that I can’t ignore / The water’s rushing in through an open door / Slowly it rises

Oder die ganzen Nachrichten, die über einen hereinstürzen. Ja, auch wenn ich es minimiere und mich mal auf etwas anderes konzentriere, ist das dennoch nicht aus meinem Kopf verschwunden und nehme es aus diesem Grund überall mit hin. Gerade in solchen Krisen, wo es eigentlich viel mehr um Zusammenhalt gehen sollte, laufen gerade viel zu viele Amok. All die VerschwörungstheoretikerInnen, die aus dem Boden sprießen und ihre ganze verschrobene Weltansicht in die Öffentlichkeit posaunen müssen- und davon lassen sich die Leute auch noch überzeugen. Ich komme aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus. Und von all den Geschehnissen in Amerika fange ich besser erst gar nicht an, aber auch da zerbrach ich in unzählige Stücke, als ich die brutalen Szenen rund um George Floyd sah.

But I have to be reminded / That my heart is still beating and this feeling will pass / It can feel defeating, but it never lasts / And through a different lens the glass is half full in fact, I got it

Wie ihr merkt: meine Laune ist gerade im Keller und ich habe das Gefühl, dass ich langsam aber sicher immer weiter Richtung Abgrund rutsche. Meine Kraft ist in den letzten Wochen abhanden gekommen und ich versuche mich notdürftig über Wasser zu halten. Fragen und Gedanken, wie ‚Soll das schon alles sein?‘, ‚Ich werde 33 Jahre alt und habe in meinem Leben bisher nichts vorzeigbares geschafft.‘ oder ‚Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Verbuddelt mich bitte irgendwo.‘ kreisen tagtäglich umher und lassen die Schlinge am Hals immer mehr zusammenziehen.

But there’s a storyline that is only in my head / I’ve spent half of my life wishing I was dead / If there is part of this that I shouldn’t have said, I’m sorry / To fix it I have to get back to the place it first started

Aber genug von mir. Wie geht’s euch mit der momentanen Situation?

P.S.: Hört mehr Be Well (Alle Textzeilen aus dem Song Confessional)