Be Well Spezial, Tag #1: The Weight and The Cost

Band: Be Well
Bandmitglieder: Brian McTernan (Battery), Peter Tsouras (Fairweather), Mike Schleibaum (Darkest Hour), Aaron Dalbec (Bane) und Shane Johnson (Fairweather)
Album: The Weight and The Cost
Veröffentlichung: 21. August 2020
Via: End Hits Records & Equal Vision Records
Aufgenommen: im Salad Days Studio in Baltimore
Bestellen: Hier!
Anspieltipps: Fucking Hell. Das komplette Album ist ein einziger Anspieltipp!!
Interview mit Brian McTernan: Hier!

Warum die Be Well– Spezialwoche, fragt ihr euch? Nun, ganz einfach: seitdem ich mir das Video zu Confessional ansah, hatte ich gefühlt 1000 verschiedene Dinge im Kopf. Angefangen von ‚Holy shit! Wie intensiv kann man dieses Thema bitte musikalisch verpacken?!‘, über ‚I’m not crying, YOU’RE CRYING!!!‘, ‚Ich muss direkt für ein Interview anfragen.‘ bishin zu ‚Ich könnte tatsächlich ein ganzes Buch über diese Band und das Album schreiben.‘ und ‚Ich habe da so eine kleine Idee für die Releasewoche.‘. Kurz gesagt: Be Well hat mich tief berührt und gleichzeitig inspiriert- und das kommt wirklich selten bei einer Band vor, die ich vorher nicht kannte und die plötzlich mit solch einer Wucht auftauchte, dass es mir glatt die Sprache verschlug.

Passend zum Album dachte ich mir, dass auch ich die beiden Hauptthemen fließend verbinde: The Weight and The Cost & Mental Health. Ob es mir am Ende gelungen ist? Darüber müsst ihr urteilen! Ich fragte bei verschiedenen Leuten an: einerseits wollte ich natürlich Fragen über Be Well loswerden, auf der anderen Seite aber auch an Betroffene und Vereinen rantreten- und ich bin wahnsinnig froh darüber, dass ich bald darauf einige Zusagen bekam und somit alles langsam seinen Weg nahm. Soviel zu der groben Idee dahinter und in den kommenden Tagen werden euch einige Interviews erreichen, die euch hoffentlich auch so gut gefallen werden wie mir! An dieser Stelle ein großes DANKE an alle Beteiligten- ohne euch wäre das alles nichts geworden.

Aber heute fange ich erstmal mit dem Review zur Platte an. Einverstanden? Ja? Wunderbar!

Frage vorab: wie beschreibt man bitte eine rundum perfekte Platte, ohne so dumpf und furchtbar wie die Aussagen in den TV-Werbespots für neue Alben zu klingen? Jedes Wort, jeder Satz, der mir durch den Kopf spukt, während ich The Weight and The Cost von Be Well höre, scheint diesem Brecher einfach nicht gerecht werden zu können und ja: zum ersten Mal habe ich bei einer Review regelrecht Angst davor, völlig abgedroschen zu klingen und Meilenweit daneben zu liegen. Angst davor, all diese Schönheit gepaart mit akuter Hoffnungslosigkeit und innerer Zerrissenheit nicht auf den Punkt bringen zu können.

I’m not brave, I’m not strong.

Die vier Vorboten Strength for Breath, Frozen, Confessional und Morning Light kündigten es bereits an: diese schwer verdaulichen Brocken ebneten langsam aber sicher den Weg zu einem wahren Meilenstein, der mit solch einer spürbaren Spannung erwartet wird, dass es kaum mehr auszuhalten ist. Ich kann an dieser Stelle nur für mich sprechen, aber diese Songs haben mir sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weggerissen und nicht selten wurde ich wieder zurück in diese anhaltende Hoffnungslosigkeit gespült, umgeben von extremen Stimmungsschankungen, Suizidgedanken, Heulkrämpfen und diesen unfassbaren inneren Schmerz, den wohl nie jemand so richtig nachvollziehen kann, der sich nicht mal selbst durch eine depressive Phase prügeln musste.

I gave it my best shot, but I could never see straight and I got lost / I hate it so fucking much / is it too late now? / for me to learn how?

Psychische Krankheiten werden noch immer sehr gerne unter den Teppich gekehrt, das Thema wird, wenn es mal zur Sprache kommen sollte, gerne nur ganz grob überflogen, um dann schnell wieder das Augenmerk auf den Wetterbericht, Sport oder etwas anderes Banales zu lenken. Es fühlt sich so an, als ob man stets in einem nie endenden Tabu-Spiel festhängen würde, wo bloß niemand über Depressionen, Ängste, quälende Gedanken und Sorgen reden darf, um weiterhin diese verfickte, vermeintlich perfekte Scheinwelt aufrecht zu erhalten. Ähnlich wie drüben bei Instagram: Alles mit unzähligen Filtern zugemüllt, bis von der Wahrheit nicht mehr viel übrig ist. Beängstigend.

Here I am, like before / Anxious and insecure / Something has felt wrong / Inside of me since the day I was born.

Allein deswegen brauchen wir mehr Menschen wie Brian McTernan, die ihre jahrelang getragenen Masken absetzen, um freier Atmen und endlich mehr sie selbst sein zu können. Sich nicht mehr hinter einem unechten Lächeln zu verstecken und offen das auszusprechen, was sie verfolgt und immer wieder auf’s Neue einholt. Sich zu öffnen und zu sagen: Freunde, so sieht’s aus. Abgeschminkt, pur und ohne Schnörkeleien verziert. Zu zeigen, dass all die kränkenden Vorurteile absolut daneben sind und so viel mehr als nur schlechte Laune oder Traurigkeit dahinter steckt.

But there’s a storyline that is only in my head / I’ve spent half of my life wishing I was dead.

The Weight and The Cost. Ein Album, welches mich regelrecht bricht und zusammengekrümmt am Boden zurücklässt. All die Zeilen, in die ich mich wiederfinde. All die Zeilen, die Brian mit solch einer puren Verzweiflung und leidenschaftlichen Hingabe, aber gleichzeitig mit einer aufwühlenden Zerbrechlichkeit und einer unfassbaren Stärke von sich gibt, brennen sich direkt so tief in Herz und Hirn, dass es mich selbst noch nach unzähligen Durchläufen umwirft und so viel in mir aufwirbelt, dass ich weiterhin sprachlos vor dem Laptop sitze und nicht richtig weiß, was ich darüber schreiben soll. Einerseits ist mein Kopf so unfassbar voll, andererseits bekomme ich nur stockend etwas auf’s leere Word-Blatt.

I say things I don’t mean and moments later I am filled with regret / I wouldn’t blame you if you left, it probably makes more sense / And I deserve to be alone.

The Weight and The Cost. Brian kotzt uns ausgiebig all das vor die Füße, was sich in ihm viel zu lange aufgestaut hat: wie er ausgesprochene Dinge kurz danach bitter bereut, die er aus Impulsivität sagte und gerne zurücknehmen würde. Wie er sich den Kopf darüber zerbricht, was andere Menschen über ihn denken könnten und er sich damit selbst in die Quere kommt. Nicht zu wissen, wie er sich selbst vergeben kann und wo ihm gerade der Kopf steht. Ertrinken in Selbstzweifel, gefangen in einem Hamsterrad, welches er nicht mehr stoppen kann. Er fühlt sich nicht mehr zumutbar für Familie und Freunde und könnte es sogar nachvollziehen, wenn er am Ende alleine dastehen würde. Die Leere, die sich unaufhaltsam in seinem Inneren ausbreitet und damit alle anderen Gefühle von einem auf den anderen Tag auslöscht. Selbstmedikation. Die Flucht in den Alkohol. Betäubung, um zumindest ein paar wenige Stunden Schlaf abzubekommen und dem stechenden Gedankenstrudel zu entkommen.

They are calling for rain / Baltimore, you get lonelier everyday / I’m anxious and I’m afraid that it may never change

Kaum vorstellbare Ängste. Sein täglicher Kampf, sich der tiefen langanhaltenden depressiven Phase mit all den häßlichen Facetten entgegenzustellen und einen Sieg zu erringen, sei er noch so klein. Akzeptanz zu erlernen, Dinge zu finden, die ihm auf diesen beschwerlichen Weg eine Stütze sein können. Dem Wunsch nachzujagen, dass er irgendwann ein Stück mehr Frieden finden kann, um unbeschwerter seinem Alltag nachgehen zu können. Erdrückende Einsamkeit, selbst wenn er umrundet ist von seinen Liebsten und dazu dieses unerträgliche Gefühl, sich jede einzelne Minute mehr von ihnen zu entfernen. Sich für einen schlechten Menschen zu halten, der alles falsch macht und zerstört. Tiefsitzende Traurigkeit und immer näher kommende Wände. Eingekesselt zwischen der Angst, dass es nie mehr besser werden wird und dem Ohnmachtsgefühl, wenn er daran denkt, was seine Tochter in diesen Phasen alles hautnah mitbekommt und mitbekommen hat. Herzzerreißend.

Foto: Casandra Marie

Because I can’t find the answer / I know that I’m loved, yet I feel so alone / I hope there’s a chance for me to learn / To love myself a way that I don’t

Brian McTernan fand den Mut, um einen wahren Seelenstriptease hinzulegen: Unglaublich tiefgründig, teils schockierend und unfassbar ehrlich. Ein Album, welches uns durch einer seiner dunkelsten Zeit führt und zeigt: hey, ihr seid nicht allein! Somit nicht nur für ihn ein Befreiungsschlag der Extraklasse, sondern auch für all die Betroffenen dort draußen, die sich durch diese Songs verstanden fühlen und somit vielleicht auch anfangen, sich Freunden, Familie oder Ärzten anzuvertrauen und nicht mehr alles alleine in sich hineinzufressen, bis nichts mehr geht- glaubt mir: das geht irgendwann richtig schief! Aber auch für all diejenigen, die noch nie selbst mit Depressionen und Angststörungen in Berührung kamen, können sich jetzt ein besseres Bild davon machen und überlegen in Zukunft hoffentlich mehr, welche Äußerungen sie jemanden an den Kopf werfen, der an solch einer Krankheit leidet.

It’s been with me ever since I was young / I stopped picking up the pieces because I can’t feel what I’m feeling, I am numb / When everything is right it feels wrong / Now you seem so far away when you’re here right next to me

The Weight and The Cost ist Aufklärung und Verarbeitung gleichermaßen. Ich finde es gut, dass es solch ein ernsthaftes Album geworden ist und psychische Erkrankungen dadurch mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Wegsehen war noch nie eine Option, egal in welcher Angelegenheit. Auseinandersetzen, lernen, zuhören und für die Menschen da sein, die sich verzweifelt im Kreis drehen und weder vor noch zurück können. Sätze, wie ‚Kopf hoch! Wird schon wieder!‘, ‚Anderen Menschen geht es schlechter als dir, also reiss dich mal zusammen!‘ oder ‚Ich habe auch manchmal schlechte Laune, das ist bald wieder vorbei!‘ plus ein seltsam anmutendes Schulterklopfen hilft überhaupt nicht weiter und macht dadurch alles noch schlimmer: die betroffenen Menschen ziehen sich nur noch mehr zurück, verstellen sich weiterhin, um solch einen Quatsch nicht mehr hören zu müssen. Und eines sollte allen klar sein: auch diese Krankheiten enden oft tödlich und sollten allein aus diesem Grund nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

It’s a chemical imbalance, yes I know / It doesn’t make it hurt less though, it’s paradoxical / With each breath I feel more alone

Be Well. Eine Band, die mit diesem starken Longplayer eine energiegeladene Welle der Verwüstung lostritt: um aufzurütteln und anderen damit eine helfende Hand reicht. Gradeaus, direkt, aufrichtig und makellos. Das Aufzeigen, dass sich wirklich niemand für seine Gefühle schämen oder gar verstecken sollte. Maske abstreifen und endlich mehr die Person sein, die sich so lange dahinter verkroch und alles Stück für Stück von der Seele reden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass The Weight and The Cost eine Art Therapie für Brian darstellt: die Routine zu bekommen, all das, was sich in seinem Inneren abspielt, in Worte zu fassen, etwas Greifbares zu haben. All die Dinge rauszubrüllen, auch wenn es schmerzt. Zu merken, dass er Unterstützung von allen Seiten bekommt: ob von seinen Freunden, der Familie oder auch den Menschen, denen er nie persönlich begegnet ist und ich hoffe sehr, dass er weiß, dass diese Platte ebenfalls für so viele Leute dort draußen hilfreich sein wird. Somit wird sich definitiv ein gegenseitiges Nehmen und Geben auf emotionaler Ebene einstellen, da bin ich mir zu 100% sicher!

Can I begin again, I’ve wanted to believe in a different end / But there are days when I can’t even find the strength to get up / Can I begin again, I’ve felt like this ever since I was a kid / Trust me I know that it is all in my head, but it still feels fucked / All these thoughts I can’t make sense of / Can I begin again, I wish I had your confidence / But there are days when I can’t even find the strength to get up

Fazit: Be Well wickeln einen gekonnt um den kleinen Finger. Mit ihrem brachial-melodiösen Sound unterstreicht die Band nochmal mehr die Wichtigkeit dieses oftmals schwierigen Themas und schafft es mit Leichtigkeit, nicht in irgendeine belanglose Klischee-Ecke zu rutschen und dort für immer zu verschwinden. Ganz im Gegenteil: mit The Weight and The Cost ist es ihnen gelungen, die dicke Mauer des Schweigens zu durchbrechen, gar einzureissen. Die Songs triefen nur so vor Intensität, dass es einen eiskalt den Rücken runterläuft. Eine Platte, die an alten Narben kratzt, aber gleichzeitig tröstend zur Seite steht. Eine Platte, die dir vor den Kopf stößt, um dich kurz darauf wieder fest in die Arme zu schließen. Eine Platte, die Leben retten und grundlegend verändern wird. Abwechslungsreich, beeindruckend, mitreißend, berührend & definitiv ein Album für die Ewigkeit. Danke, Be Well!