Be Well Spezial, Tag #5: Im Gespräch mit DepriDisco

Im Album The Weight and The Cost von Be Well, welches morgen via End Hits Records und Equal Vision Records veröffentlicht wird, geht es darum, wie Sänger Brian McTernan seine schwerste Zeit durchlebte, die durch depressive Phasen und Ängsten geprägt wurde. 11 intensive und aufwühlende Songs, die einen tiefen und schmerzvollen Einblick in das Leben eines Menschen geben, der bereits seit seiner Kindheit damit zu kämpfen hat. Diese Platte reicht anderen Betroffenen eine helfende Hand, man fühlt sich verstanden und somit weniger allein. Aber auch für die Menschen, die bisher nie selbst mit psychischen Erkrankungen in Berührung kamen, sind all die Songzeilen unfassbar aufschlussreich und regen zum Nachdenken an. The Weight and The Cost- eine der wichtigsten Platten der letzten Jahre und auf jeden Fall eine für die Ewigkeit!

Am Montag sprach Diana von Freunde fürs Leben e.V. darüber, warum sie es sich zur Aufgabe machten über Suizid und Depressionen aufzuklären, bei welchen Symptomen die Alarmglocken läuten und wie Betroffene am besten mit hervorgebrachten Vorurteilen gegenüber dieser Krankheit umgehen sollten.

Als ich darüber nachdachte wie ich diese spezielle Woche aufbauen wollte, war mir direkt klar, dass ich neben Freunde fürs Leben e.V. auch eine Person finden wollte, die aus der Sicht eines Betroffenen erzählt, um eben nochmal mehr einen Einblick in den Alltag zu geben. Für dieses Vorhaben hatte ich direkt Eva im Kopf, die sich drüben bei Instagram einen Account unter den Namen depridisco zulegte, um genau darüber zu berichten- da ich ihr schon eine Weile folge und ich es sehr mag, wie offen und gradeaus sie über ihr Leben mit der Erkrankung schreibt und vielen damit eine Hilfe ist, habe ich mich umso mehr gefreut, dass sie direkt zusagte. Schaut definitiv mal vorbei und folgt ihr: depridisco

In dem folgenden Interview spricht sie darüber, wann sie zum ersten Mal merkte, dass sie ‚anders‘ als andere war, wie sie zum Thema Medikation steht und was ihr hilft, wenn sie sich in einer depressiven Phase befindet.

Vielen Dank an Eva für deine Offenheit und für’s Mitwirken an dieser Spezialwoche!

Unter Depridisco findet man dich drüben bei Instagram und gibst uns tiefe Einblicke in dein Leben. Wie bist du zu diesem Namen gekommen und wann und warum hast du dich dazu entschieden, ein Konto zu eröffnen?

Ich wollte schon seit etwa drei Jahren mein Wissen über Depressionen teilen, habe mich aber nie getraut, weil meine innere Kritikerin sehr laut war. Ursprünglich wollte ich ein kleines Psychoedukations-Büchlein veröffentlichen, habe aber nie so richtig den Anfang gefunden. Bis mich dann eine Freundin auf die Idee brachte, zunächst einmal mit einem Blog oder Instagramaccount zu beginnen, auf dem ich häppchenweise Inhalte veröffentlichen kann. Dann habe ich einfach losgelegt.

Wann und wie hast du für dich gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt? Dass irgendwas anders ist als bei anderen?

Das war leider schon relativ früh. Meine Mutter würde sagen, dass ich schon immer ein wenig anders war, als die anderen Kinder und ich kann das irgendwie auch bestätigen. Ich habe mich schon im Grundschulalter oft schwer und bedrückt gefühlt. Mit 13 ist dann zum ersten Mal so richtig etwas ans Licht gekommen und ich begann meine erste Psychotherapie.

Wann hast du deine Diagnose erhalten und was ging dir dabei durch den Kopf?

Ich habe die Diagnose schon mehrmals in meinem Leben erhalten und sie in den guten Zeiten dann immer mal wieder verdrängt. Jedes mal aufs Neue konnte ich kaum glauben, dass tatsächlich ich depressiv bin – dass ich wirklich krank bin und nicht einfach nur ein fauler, grundlos trauriger Mensch. Gleichzeitig hat sich dann auch immer ein riesiger Fragezeichenberg aufgetan, weil ich keine Ahnung hatte, wie ich da irgendwie rauskommen sollte. Bisher hat’s jedoch noch immer irgendwie funktioniert.

Akzeptanz der Krankheit gegenüber und mit ihr Leben lernen: wie nimmst du das in Angriff und inwiefern gelingt dir die Akzeptanz?

Es gibt Tage, an denen kann ich einsehen, dass ich wirklich krank bin und andere, wo mir meine Krankheit flüstert, dass ich einfach alles selbst verkackt habe. Ich versuche inzwischen, meine Depression mitzunehmen und ihr ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit zu geben, mir aber nicht alles komplett von ihr vermasseln zu lassen. In schweren Phasen ist das natürlich nicht gut möglich, aber wenn es helle Momente gibt, bin ich umso lebensfroher und aktiver.

Wie stehst du zu Medikation?

Oh, das ist ein sehr heikles Thema bei mir aktuell. Ich habe sieben Jahre lang Antidepressiva genommen und sie zeitweise auch als sehr hilfreich empfunden. Leider lies die Wirkung irgendwann nach und aktuell kämpfe ich sehr, um ohne Medikamente weiterleben zu können. Ich denke, dass man das immer in Relation zu den Krankheitssymptomen sehen sollte. Hat man suizidale Gedanken und kommt alleine so gar nicht aus dem Loch heraus, sollte man sich gut überlegen, doch Medikamente zu nehmen, um überhaupt therapiefähig zu sein. Dennoch glaube ich, dass Ärzt*innen oft viel zu schnell ein Rezept ausstellen, ohne ausführlich über die Nebenwirkungen und Langzeitfolgen zu informieren.

Generell denke ich, dass man es als Akutmedikation für ca. ein gutes Jahr nehmen kann, als Langzeitmedikation hat es in meinem Fall jedoch dazu geführt, dass ich trotzdem wieder depressiv wurde und die Dosis irgendwann nicht mehr höher geschraubt werden konnte. Die Vorstellung, dass ich mein ganzes Leben lang Antidepressive nehmen müsste, könnte ich annehmen, wenn sie nicht so doofe Nebenwirkungen hätten und ich eine antidepressive Wirkung verspüren würde.

Kannst du Menschen verstehen, die sich komplett gegen Medikamente sträuben und es lieber nur mit Therapie und/oder Klinikaufenthalt(en) probieren wollen? Und was hat bei dir bisher am ‚besten‘ angeschlagen?

Ja, das kann ich inzwischen verstehen. Vor einiger Zeit hätte ich auch noch leichtfertiger empfohlen, Antidepressiva zu testen. Bei mir hat am besten die Kombination aus Medikament und tiefenpsychologischer Psychotherapie angeschlagen. Mir hilft begleitend auch Ausdauersport und Meditation. Ganz aktuell bin ich bei einem Heilpraktiker in Behandlung, der mir auch nochmal andere pharmakologische Wege aufzeigen möchte, bevor ich tatsächlich nochmal in Erwägung ziehen sollte, ein weiteres Antidepressivum auszuprobieren. Dazu werde ich dann demnächst nochmal etwas ausführlicher schreiben.

Wie liefen deine allerersten Therapiestunden ab? Wovor hattest du am meisten Angst?

Vor der Psychotherapie an sich hatte ich bisher nie Angst, schließlich bin ich damit irgendwie groß geworden. Bis ich so Mitte 20 war hatte ich jedoch immer die Befürchtung, dass ich gar nicht „krank genug“ für eine Psychotherapie bin und habe mich deshalb oft gar nicht getraut, bei Therapeut*innen anzurufen. Das hatte zur Folge, dass ich mich erst gemeldet habe, als es so richtig, richtig schlimm war. Und dann hieß es erst mal: „Fünf Monate Wartezeit“. Mein Tipp – wartet nicht bis es am allerschlimmsten ist!

Was würdest du Menschen raten, die sich einfach nicht trauen, sich professionelle Hilfe zu suchen? Wie sollten die ersten Schritte gestaltet werden?

Es liegt wahrscheinlich in der Natur der Krankheit, dass man glaubt, keine Hilfe verdient zu haben, oder es alleine schaffen zu müssen. Viele Symptome der Depression erkennt man als ungeschulte Betroffene auch gar nicht und denkt dann eher, dass man faul ist, oder einfach nichts fühlen „kann“. Mir hat da sehr geholfen, dass mir jemand nüchtern gesagt hat: „Du hast hier drei Haupt- und vier Nebensymptome einer Depression, du bist krank und solltest deshalb dringend in Therapie gehen“.

Wie würdest du dich selbst beschreiben, wenn du dich in einer depressiven Phase befindest?

Ouuu, ich bin dann die schlimmste Version von mir selbst. Ich schlafe viel, komme nicht aus dem Bett, fühle nichts, grübele unendlich lange Grübelketten zusammen, gehe nicht ans Telefon, mache niemandem die Tür auf, verschwinde einfach für 2-6 Monate von der Bildfläche.

Welche Symptome machen dir am meisten zu schaffen?

Die Antriebslosigkeit und dieses bleischwere Schweben. Es heißt, dass es gut ist, Ausdauersport gegen die Depression zu machen und sich am Vormittag nicht wieder ins Bett zu legen. Aber wie zur Hölle soll das funktionieren, wenn ich nicht mal Energie habe, zum Kühlschrank zu gehen und selbst der 5. starke Kaffee nicht dabei hilft, wach und aktiv zu werden?

Welche Vorurteile/unangenehme Sprüche musstest du bereits über dich ergehen lassen? Welche ärgern oder nerven dich dabei am allermeisten?

Alles, was mir suggeriert, dass ich nur noch ein kleines bisschen mehr wieder fröhlich sein wollen muss, hat mich ziemlich hart getroffen. „Einfach nicht so hängen lassen“ oder „das ist nur so ne Phase“ – ich kämpfe hier jeden Tag, ich tue, mache, frage, lese, lerne und es hilft gefühlt einfach alles nichts. Es ist schon sehr frustrierend und diesen Zustand zu akzeptieren fällt wirklich nicht leicht. Tatsächlich gibt es in mir aber auch eine innere Stimme, die sagt, dass ich mich zusammenreißen soll und dass ich mir vermutlich alles nur einbilde. Stigma sucks!

Wie offen gehst du mit deiner Erkrankung um? Außerhalb des Internets?

Ich hatte mir einst geschworen, niemals im Jobleben damit offen umzugehen, weil ich in der Werbebranche schon das ein oder andere Lästermaul über psychische Krankheiten gehört habe und auch mal gekündigt wurde, während ich mit Depressionen krank geschrieben war. Ich habe mich dann jedoch relativ früh selbstständig gemacht und arbeite nur mit Menschen zusammen, die meine Erkrankung kennen und im Zweifelsfall damit umzugehen wissen. Auch meine Freunde und Familie halte ich auf dem Laufenden, erkläre und informiere. Mir ist jedoch wichtig, dass niemand das Gefühl hat, dass ich mich in meiner Krankheit suhle, sondern aktiv versuche, mir irgendwie selbst zu helfen – so, wie es im Rahmen meiner Symptome dann eben möglich ist. Niemand ist verantwortlich für meinen Weg, außer ich selbst.

Wer oder was hilft dir in einer akuten Phase? Was tust du dir Gutes?

Mir helfen sehr meine Freunde und Familie, obwohl ich manchmal nicht verstehen kann, dass sie mich immer noch mögen, weil ich in meinen depressiven Phasen echt keine gute Freundin/Tochter/Schwester sein kann. Ich bin dann so versunken und mit mir beschäftigt, dass ich kaum da sein kann, mich selten melde und wirklich ein Phantom bin. Es verblüfft mich immer wieder, dass meine Menschen damit klar kommen und beharrlich nur mein Bestes wollen. Bewegung – so ungerne ich das zugebe – hilft mir auch sehr. Ich mache Pole Dance, gehe joggen und im Sommer oft Kajak fahren. Ich versuche seit Neustem auch mehr auf meine Ernährung zu achten und trinke kaum mehr Alkohol, esse kaum mehr Industriezucker und -mehl. Ich versuche also, die Rahmenbedingungen für meine Depression so unattraktiv wie möglich zu gestalten, damit sie schnell wieder verschwindet.

Sprechen über psychische Krankheiten- inwiefern nimmst du die Entwicklungen in der Gesellschaft wahr? Hat sich etwas zum Positiven geändert oder was müsste deiner Meinung passieren, um dieses Thema weiter in den Mittelpunkt zu rücken?

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich mich seit depridisco auch am Diskurs beteilige, oder ob es generell ein größeres Bewusstsein für mentale Gesundheit gibt. Anhand der Zahlen von Menschen, die sich in Therapien begeben denke ich, dass die Offenheit dafür generell wächst und ich bin froh dass ich einen Teil dazu beitragen kann. Dennoch muss noch sehr, sehr viel passieren, damit wir – selbst im so gut entwickelten und im Vergleich zu anderen Ländern fast schon luxuriösen Deutschland – alle gut versorgt sind. Im Zuge der Coronakrise wird sich der Bedarf vermutlich nochmals verschärfen, denke ich.

Es wäre super, wenn sich die Politik für mehr Kassensitze einsetzen könnte. Psychotherapeut*innen machen eine schweineteure Ausbildung, um dann in ein sehr ineffizientes Gesundheitssystem zu gelangen. Eine Wartezeit von 3-5 Monaten auf einen Therapieplatz finde ich übrigens auch unterirdisch. Viele Menschen können sich keine private Therapie mit kürzerer Wartezeit leisten. Da ist auf jeden Fall noch sehr viel Luft nach oben.

Magst du noch etwas loswerden? Dann hast du hier die Möglichkeit dazu:

Danke für das feine Interview! :)

Tag #1: Review zu The Weight and The Cost
Tag #2: Interview mit Diana von Freunde fürs Leben e.V.
Tag #3: Interview mit Oise Ronsberger // End Hits Records
Tag #4: Interview mit James