Be Well Spezial, Tag #7: Im Gespräch mit André Liegl

Freunde, jetzt mal Butter bei die Fische: The Weight and The Cost ist seit gestern draußen und ich weiß nicht wie es euch erging, aber es war Herzerwärmend, wieviel positives Feedback es auf diese Platte gab! Hattet ihr denn bereits die Zeit um reinzuhören und euch ein Urteil zu bilden? Oder holt ihr das jetzt am Wochenende ganz gemütlich nach? Ach, wenn ich könnte, würde ich euch alle direkt zu The Weight and The Cost befragen- wer daran ernsthaftes Interesse hätte, darf sich dafür natürlich IMMER gern per Mail oder Facebook melden! Echt jetzt. Interview ist ein perfektes Stichwort: egal ob Fan, GrafikdesignerIn, MusikerIn, Band, Labelbetreiber, der/die NachbarIn von nebenan, oderoderoder- es gibt da draußen niemanden, den ich zu uninteressant für eine Befragung halte, denn wirklich JEDE einzelne Person hat etwas zu erzählen, zumindest wenn die richtigen Fragen gestellt werden und sich der/die Befragte zu 100% darauf einlassen kann und möchte.

Auch André hatte ganz kurz in den Raum geworfen, dass er für dieses Be Well Spezial nicht ganz so interessant wäre, aber das habe ich ihm Gott sei Dank schnell wieder ausreden können und ich freue mich wirklich sehr darüber, dass er sich die Zeit für die Beantwortung genommen hat!

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André Liegl ist Grafikdesigner mit Laib und Seele, arbeitet bereits seit einer Weile mit Oise Ronsberger von End Hits Records zusammen und hat schon sehr vielen Platten mit einem sehr ansprechenden und durchdachten Artwork das nötige Leben eingehaucht- darunter für Boysetsfire, Better Than A Thousand, Nathan Gray, um nur ein paar zu nennen.

Im Interview ging es natürlich um seine Arbeit als Grafikdesigner, wann er zum ersten Mal von Be Well hörte und inwiefern The Weight and The Cost zur Aufklärung über psychische Krankheiten beiträgt.

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André, vielen Dank für’s Mitmachen und ich bin mir fast sicher, dass das nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass du bei Stay close to your soul auftauchst!

André, magst du dich für die LeserInnen ein wenig vorstellen?

Erstmal danke, dass ich hier teilnehmen darf, was mich sehr gefreut hat! Was ich kurz zu mir sagen kann ist, dass ich Grafikdesigner bin, zusammen mit Freunden das Büro Rocky Beach Studio betreibe, seit einiger Zeit Musik mache und in Bands wie Acheborn, Narsaak, The Data Break, PSSGS gespielt habe und aktuell eine Band namens Alan Alan habe. Ich habe eine 6-jährige Tochter und wohne mit ihr und meiner Frau in Darmstadt.

Als Grafikdesigner hast du bereits einige wunderbare Arbeiten für Bands/Labels abgeliefert. Was genau gefällt dir an dieser Arbeit? Was treibt dich an?

Für mich hat das Ganze Ende der 90er begonnen: ich hatte meinen ersten Computer bekommen und einfach losgelegt mit Layouts für befreundete Bands. Die Hardcore Szene, in der ich mich bewegt habe, war recht übersichtlich und ganz gut verknüpft und so kam eins zum anderen. Ich habe angefangen für verschiedene Bands wie Loxiran, Engrave oder Man vs Humanity Layouts zu basteln, das Label Defiance Records bei der Umsetzung ihrer Cover zu helfen und natürlich für meine eigenen Bands Dinge zu entwerfen. Es war fantastisch, Musik zu machen, diese dann aufzunehmen und mit dem Cover dann noch ein fertiges Produkt kreieren zu können – und anderen dabei zu helfen, das zu verwirklichen.

Und über 20 Jahre später ist es glücklicherweise immer noch dabei geblieben, dass ich in diesem Bereich arbeiten darf. Die Verbindung von Musik und Grafik hat für mich etwas ganz besonderes: sie bringt zwei Kunstformen zusammen die sich gegenseitig beeinflussen, verstärken können und in ihrer Aussage steigern. Das fasziniert mich, wenn ich eine Platte auflege und das Cover-Artwork betrachte und auch auf der anderen Seite, wenn ich selbst ein Cover gestalten kann.

Über welche Anfragen in der Vergangenheit hattest du dich besonders gefreut? Wann schlug dein Herz höher?

Da ich mich freue, wenn ich meine großen Lieben Musik und Grafik zusammenbringen kann, bin ich immer glücklich, wenn ich eine Anfrage bekomme und es waren schon viele tolle dabei. Seit geraumer Zeit arbeite ich mit Oise von End Hits Records zusammen und wir haben schon viele tolle Projekte zusammen gemacht, über die ich mich sehr gefreut habe: die Sachen für Boysetsfire und Nathan Gray zum Beispiel, kürzlich Better Than A Thousand und Be Well und ein paar weitere Schmankerl sind noch in der Pipeline…

Sagen wir, du bekommst einen Auftrag von xy rein, welcher dir freie Hand in der Gestaltung gibt. Wie sehen deine Arbeitsschritte aus? Was nervt dich an deiner Arbeit und welchen Teil magst du am liebsten?

Ich versuche zu verstehen, wonach die Musik verlangt und wie sie „aussehen“ könnte. Dann versuche ich entweder intuitiv zu einem Ergebnis zu kommen, dass mich anspricht oder lasse mich inspirieren, schaue mir Webseiten oder Bücher an, Fotos und Grafiken, bis ich etwas finde, was mir in Verbindung mit der Band oder Musik dieses Gefühl im Bauch beschert, dass mir sagt „so was könnte passen“. Also tatsächlich eher eine Bauch- als eine Kopfsache. Und Kreativität ist ja irgendwie immer auch das Verarbeiten von bereits gesehenem, von Inspiration zu etwas Neuem.
Am liebsten mag ich es in diesem Flow zu sein, wenn man arbeitet und etwas gestaltet, ohne viel dabei zu denken, dabei Musik zu hören – das hat etwas meditatives, sehr befriedigendes. Was nervt ist, wenn das dann der Band oder dem Label nicht gefällt, aber am Ende wird’s dann doch meist gut!

Wie gehst du damit um, wenn du eine Blockade hast und dir die Kreativität abhanden gekommen ist?

Manchmal merke ich, dass ich nicht so recht weiter komme und sich Unzufriedenheit einstellt mit dem was da vor mir am Computer entsteht. Dann macht es Sinn die Sache liegen zu lassen und später oder am nächsten Tag weiter zu arbeiten. Oft kommt dann die Idee bei einem Spaziergang oder beim Einschafen, dann, wenn man gar nicht so angestrengt darüber nachdenkt. Erzwingen kann man es glaube ich nicht, wenn doch, dann habe ich den Trick noch nicht entdeckt.

Heute vs. vor 10 Jahren: würdest du sagen, dass durch all die Streamingdienste und der etwas nachgelassenen Liebe zum Tonträger der Wert einer wunderschön gestalteten Platte nachgelassen hat? Und wie stehst du zu Spotify und anderen Anbietern?

Vielleicht ist das so ein Auf und Ab. Der Aufschwung der LP hat sicherlich dazu beigetragen, dass Artworks wieder präsenter sind. Und auch im Internet und bei Streaming Diensten braucht man ja eine Grafik für die Musik. Zwar ist es schade, wenn es dann nur ein Element ist, denn spannend finde ich es gerade mit mehreren Ebenen zu arbeiten, also was passiert, wenn man ein Gatefold aufklappt, wenn man die bedruckte Innenhülle aus dem Cover zieht und so weiter. Dennoch ist es immer noch wichtig den Kern der Musik mit einer Grafik rüber zu bringen, oder ein Release von anderen abzuheben und interessant zu machen. Wenn ich jetzt sehe wie Cover-Artworks auf vielen Instagram Seiten gezeigt werden und die Leute stolz ihre Sammlung und die Artworks präsentieren, denke ich, dass das Interesse an Plattencovern und toller Verpackung der Musik nicht nachlässt.

Spotify und Konsortie finde ich als User sehr gut. Ich kann in jede Musik reinhören, Neues kennenlernen, habe überall (fast) alle Musik zur Hand – das ist schon fantastisch. Leider höre oder lese ich immer wieder, dass die MusikerInnen nicht wirklich was dabei verdienen. Aber an mir soll es nicht liegen: wenn ich etwas gut finde, kaufe ich es mir doch meist dann auf Platte.

Be Well

Wann und wie bist du zum ersten Mal über diese Band gestolpert und welchen ersten Eindruck hat sie bei dir hinterlassen?

Oise hat mir Bescheid gegeben, dass er die Platte rausbringt, das Design für die LP schon steht, ich es für End Hits anpassen und zudem noch das Layout für die CD und ein Tape anlegen soll. Ohne die Band gehört zu haben, habe ich mich sehr gefreut, dass es eine neue Band von Brian McTernan gibt, weil ich Battery sehr mochte, in den 90ern für sie ein Konzert veranstaltet und Brian und Mike dann kurz darauf in den USA besucht hatte. Der Kontakt hatte sich dann zwar verloren, aber ich fand es sehr cool jetzt mit ihm zusammenzuarbeiten. Als Sahnehäubchen kam hinzu, dass das Artwork, dass ich umsetzen sollte, von John Yates kam, einer absoluten Legende, der in den 80ern schon einen Haufen der Platten in meinem Schrank gestaltet hat. Ich kann sagen, dass ich sehr aufgeregt war! Es stellte sich jedoch raus, dass John ein wahnsinnig netter Mensch ist und das alles sehr entspannt war. Als ich dann die Platte hören konnte, fand ich sie sehr gut, aber erst als ich schließlich gemerkt hatte, wovon Brian da singt und wie er sein Herz ausschüttet, war ich richtig beeindruckt. Aber auch zunächst bedrückt, weil ich die Texte so hart fand.

Was macht Be Well zu etwas Besonderem? Was würdest du sagen?

Das ist gar nicht so leicht zu sagen- und irgendwie doch. Die Musik ist sehr gut, macht Laune, erfindet das Rad nicht neu aber reißt mit und ist echt super gemacht. Brians Gesang löst einfach schon so viele Erinnerungen an Battery aus, dass sich sofort wohlige Nostalgie einstellt. Man merkt, dass er das ernst meint, was er da singt, dass er es mit jeder Faser seines Körpers spürt. Dann sind da die Texte, die außerordentlich gut sind. Meiner Meinung nach sind sie es, die dafür sorgen, dass die Platte so unter die Haut geht und die sie abhebt von allen Hardcoreplatten die momentan so erscheinen. Ich glaube, in der Form habe ich das Thema Depressionen noch nie mit einer solcher Intensität verarbeitet gesehen – und das über die ganze Platte.

Der Song und das dazugehörige Video zu Confessional schlugen ein wie eine Bombe: was hat es in dir ausgelöst, als du dir das Video angesehen hast?

Gänsehaut und feuchte Augen. Freude, Brain und Mike zu sehen, die ich vor fast 25 Jahren mal kennenlernen durfte. Bock auf mehr davon.

The Weight and The Cost: Weil es irgendwie gerade passt- was sagst du zu dem Layout von John Yates? Was gefällt dir daran?

Zunächst mal, dass es von John Yates ist! Gefühlt hat er wie gesagt die Hälfte meiner Plattensammlung gestaltet. Aber konkret mag ich die Fotos, die Schrift und die unaufgeregte Art, mit der John diese verschiedenen Elemente zusammenführt und etwas elegantes und schönes erschafft. Es ist kein typischer Look für eine Hardcoreplatte und das passt, denn schließlich ist es auch keine typische Hardcoreplatte.

Welcher Song ist dein absoluter Favorit und warum gerade dieser?

Ich muss zugeben, dass ich die Songs am Anfang des Layout-Prozesses in einer Dropbox anhören konnte, hab sie mir aber nicht runtergeladen und insofern habe ich die Platte bisher noch nicht richtig intensiv hören können. Nur die beiden Vorab-Songs eben. Und da wäre Confessional mein Favorit, aber Morning Light, Strength for Breath und Frozen sind auch geil! Ich freue mich, wenn die Platte in den nächsten Tagen bei mir eintrifft und ich sie noch mal konzentriert anhören kann. Ich glaube, damit bin ich nicht allein!

Wenn du dieses Album mit nur einem einzigen Satz beschreiben müsstest: wie würde dieser lauten?

Die relevanteste Platte des Jahres.

In den Songs geht es um die Depressionen und Ängste des Sängers Brian McTernan: wie nimmst du die Entwicklung gegenüber psychischer Erkrankungen wahr? Hat sich deiner Meinung nach etwas in den letzten 10 Jahren geändert?

Was ich wahrnehme ist, dass das Thema (nicht nur) in meinem Umfeld zugenommen zu haben scheint. Es kann aber auch sein, dass es heute leichter fällt, darüber zu sprechen, weil die Gesellschaft offener dem gegenüber geworden ist. Das wäre immerhin eine gute Entwicklung und sie zeigt, wie wichtig es ist, über das Thema zu reden, damit Depressionen „normaler“ werden, denn sie sind nun mal da. Damit sie nicht als Stigma empfunden werden, damit Leute sich darüber austauschen können. In meinem Freundeskreis sind leider mehr Leute betroffen, als mir lieb sein kann. Das bedeutet, dass man sich Zeit nehmen muss, immer wieder zuhören, auch wenn es sich manchmal im Kreis zu drehen scheint, auch wenn es manchmal nicht vorwärts zu gehen scheint: es ich wichtig für seine Freunde da zu sein, zuzuhören und sie aufzufangen. Auch wenn man oft nicht das Gefühl hat, dass man etwas ausrichten kann, darf man nicht aufgeben. So wie man auch will, dass sie nicht aufgeben.

Inwiefern trägt The Weight and The Cost zur Aufklärung über psychische Krankheiten bei? Welche Menschen werden mit dieser Platte angesprochen?

Als ich die Texte zum ersten Mal gelesen hatte, war ich völlig baff, wie Brian da sein Innerstes nach außen kehrt. Es ist mir ziemlich nah gegangen. Eben auch, weil ich viel von dem, was er schreibt, mittlerweile ein bißchen nachvollziehen kann, oder zumindest weiß, dass es einigen meiner Freunde ähnlich geht. So komplex wie das Thema ist, so bemerkens- und bewundernswert finde ich seine Aufarbeitung seines eigenen Martyriums. Es wäre schön, wenn er damit Betroffenen helfen kann, sich verstanden zu fühlen, sich zu öffnen, zu verarbeiten. Im Grunde muss ich sagen, dass ich die Platte und ihre Texte so viel relevanter finde als 90% der Hardcorescheiben, die sich textlich doch sehr oft im Kreis drehen, Allgemeinplätze wiedergeben und auf der Stelle treten.

Magst du an dieser Stelle noch etwas hinzufügen?

Danke, liebe Jasmin, dass ich hier dabei sein kann, auch wenn ich nur am Rande zu dieser fantastischen Platte beitragen durfte. Ich fühle mich geehrt!

Tag #0: Interview mit Brian McTernan
Tag #1: Review The Weight and The Cost
Tag #2: Interview mit Diana von Freunde fürs Leben e.V.
Tag #3: Interview mit Oise Ronsberger
Tag #4: Interview mit James
Tag #5: Interview mit Depridisco
Tag #6: Interview mit Casandra & JC

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