Citizen Tim- C is for Chaos/Control

Foto: Herr Kreutzer Analog

Musiker: Citizen Tim
Album: C is for Chaos/Control
Veröffentlichung: 25. September 2020
Via: Midsummer Records / Cargo Records
Bestellen: Vinyl I Tape
Anspieltipp: The Eighth Color of This Land, They’re Coming Closer, Control
Citizen Tim im Interview: Hier!

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Zugegeben, in den letzten Wochen hörte ich nur Bands wie Be Well, H2O, Boysetsfire, Against Me,…- kurz gesagt: runtergekurbelter Singer/Songwriterkram konnte mich kein Stück hinter’m Ofen hervorvorlocken und es fiel mir tatsächlich sehr schwer, mich auf die neue Platte von Citizen Tim aus Saarbrücken zu konzentrieren, welche am 25. September via Midsummer Records & Cargo Records erscheinen wird und den bezaubernden Namen C is for Chaos/Control trägt. Da es hier bei mir im Wohnzimmer so gar nicht klappen wollte, entschied ich mich gestern für einen ausgedehnten Spaziergang entlang der Elbe und als ich einen für mich perfekten Platz fand, um die untergehende Sonne, die vorbeiziehenden Schiffe und Fähren mit den in die Lüfte geragten Kränen und die hochgestapelten Container im Hintergrund zu beobachten, drückte ich auf PLAY, um mich ganz und gar auf die ruhige Stimmung der Songs zu fokussieren.

some days before my grandma passed away, she cried and collapsed in my arms
she was scared to death about the death, my tongue felt numb and my mouth turned dry (aus MLN Dialog)

Während sich das Tageslicht von Minute zu Minute mehr zu entfernen schien um der anbrechenden Nacht den Platz einzuräumen, hörte ich diese vertraute Stimme in meinem Ohr und ich dachte daran, wie ich Citizen Tim vor ein paar Jahren in Mannheim kennenlernte und dass er zu den paar Menschen gehört, die ich gefühlt bereits mein ganzes Leben lang kenne und nicht mehr missen möchte. Ein Typ, der unfassbar schlechte Witze so rüberbringen kann, dass man am Ende doch darüber lachen muss- ob aus Mitleid oder Überzeugung lass ich an dieser Stelle mal unbeantwortet, haha. Ein Typ, der herzlicher nicht sein kann & stets ein offenes Ohr anbietet, falls irgendwas tonnenschwer auf dem Herzen lastet.

I keep fighting with my demons, they’re hunting me at night
while you’re sleeping, while you’re breathing next to me
so peacefully, so steady (aus They’re coming closer)

Während die Songs liefen und die Dunkelheit und somit all die bunten und blinkenden Lichter immer mehr die Oberhand gewannen, zog ich gedanklich Parallelen: C is for Chaos/Control passt perfekt in dieses Panoramabild vor mir, denn Citizen Tim singt von inneren Dämonen, kleinen und größeren Kämpfen, dieses Auf und Ab, manchmal überraschend, manchmal einkalkuliert. Ähnlich wie bei einem wochenlangen Schiffstrip: genau wie im wahren Leben weiß man nie wirklich, welche Änderungen und Richtungswechsel vor einen liegen, alles, was man machen kann: das Steuer stets fest in den Händen zu halten und das Beste aus jeder Situation rauszuholen. Auf See kann es vom strahlenden Sonnenschein schnell ins komplette Gegenteil umschwenken. Ohne Vorwarnung, ohne Anzeichen. Der Regen prasselt auf’s Deck, die Wellen türmen sich von Mal zu Mal mehr auf, der eine oder andere hängt kotzend über der Reeling, der Angstschweiß läuft und es fällt immer schwerer, das meterlange Ungetüm ohne größere Schäden durch dieses Unwetter zu manövrieren. Die Crew arbeitet am bereits überschrittenem Limit, unterstützt und versucht ebenfalls das Gröbste abzufedern.

we can’t change our skin, we fold our hands for the suffering to end
it’s harvest season for the first time in our life
and maybe we deserve so much more than this
it’s harvest season, it’s harvest season (aus Harvest Season)

Als die Monsterwellen nach vielen Stunden endlich langsam aber sicher in weite Ferne rücken, die dunklen Wolken immer mehr aus dem Sichtfeld verschwinden und die Sonne sich mit aller Kraft erneut ihren Platz zurückerobern kann, die Möwen kreischend über dem Schiff und der erschöpften Crew kreisen, vernimmt man aus jeder Ecke nur erleichterte Seufzer. Nach einer wohlverdienten Verschnaufspause werden Blessuren protokolliert, direkt repariert oder für den nächsten Landgang in Angriff genommen.

Worauf ich damit eigentlich hinaus möchte? Nun, Citizen Tim erzählt genau davon: das Verheddern im Alltag, der Kampf mit sich selbst, die inneren und äußeren Konflikte, die einen manchmal gebrochen zurücklassen. Das schmerzliche Aushalten eines heranziehenden Sturmes, der oft Narben und Kratzer zurücklässt. Verluste, die verarbeitet werden müssen, das stetige Manövrieren zwischen plötzlichen Umschwüngen und kämpferischem Optimismus. Die Mitte zu treffen, Blessuren auf’s Minimum zu reduzieren, der Familie und den Freunden auf irgendeiner Art und Weise gerecht zu werden, sich aus dem Sumpf der herunterziehenden Gedanken zu befreien und für sich selbst einzustehen und weiterhin an der Zuversicht festzuhalten oder gar wiederzufinden.

on my last day, when I’m breathing out my soul
I hope you’ll remember me and a drunk guy will sing
“he always was a coward, he was some kind of obsessed,
he never got it right, but in the end he tried” (aus Chaos)

Es liegen unheimlich viele Stolperfallen rum- große wie kleine. An manchen scheitert man grandios, andere kann man dafür leichter beseitigen. Es gibt viele Momente im Leben, an denen man beginnt zu zweifeln und alles in Frage zu stellen, sich die Überlegungen und die berühmt berüchtigten ‚Was wäre gewesen, wenn…?‘ und ‚Wie geht es weiter?‘ Fragen regelrecht aufdrängen und für reichlich Chaos im Kopf sorgen. Die schlaflosen Nächte, der Griff zu Alkohol und ungesundem Essen, die Verzweiflung und die Fahrt in die Sackgasse. All das kratzt an Herz und Seele & dieser Neubeginn, ein Richtungswechsel, irgendetwas, was einen wieder zurück auf den richtigen Pfad bringt, ist ein ungeheurer Kraftakt.

and someday I will find my homeport
I’m taking back control, I’m taking back control (aus Control)

ABER auch wenn das gerade alles etwas düster klingt: bei C is for Chaos/Control schwingt auch etwas versöhnliches mit, irgendwie scheint dort immer mal ein kleines Licht am Ende des Tunnels zu erscheinen. Ein wenig Optimismus und der Blick nach vorne. Die Freude über die kleinen Dinge, der Rückblick auf die bereits gekämpften und gewonnenen Battles, die tiefen und zufriedenen Seufzer, wenn er an die beste ‚Crew‘ denkt, die ihn seit Jahren treu begleitet, auf sämtlichen Ebenen unterstützt und den Rücken freihält.

C is for Chaos/Control ist angesiedelt zwischen einer anmutenden Midlife-Crisis, aufkeimender Hoffnungslosigkeit, Furcht, Dinge, die einen zermürben und manchmal ratlos zurücklassen und diesem inneren Schweinehund, der nach einem mächtigen Sturz am liebsten nur regungslos liegenbleiben würde. Das pendeln zwischen Aufgabe, Sprint und Marathon. Das aufrappeln, den Staub von den Klamotten klopfen und unbeirrt dem nachgehen, was glücklich macht: die Zeit mit Kind und Frau verbringen, an neuer Musik arbeiten, sich mit Freunden treffen und weiterhin schlechte Witze erzählen, die guten Momente einsammeln, um sich diese beim nächsten Absturz abzurufen und als dringend benötigte Stütze einzusetzen.

In diesem Jahr sind Konzerte wirklich mehr als rar gesät, aber dennoch wird es eine kleine feine Releaseshow geben: am 25. September lädt er ein ins Studio 30, mit dabei hat er Tides und A Million Days! Da natürlich der Platz mehr als begrenzt ist, gibt es eine Art Glücksspiel: bis Sonntag könnt ihr noch eine Mail an Citizen Tim schreiben, euch mit bis zu drei Personen anmelden und am Ende entscheidet das Los, wer mit dabei sein darf. Also ran an die Mail und viel Glück!

Zur Veranstaltung: Hier!