Mach’s gut, 2020.

Geht es eigentlich nur mir so oder kommt es euch auch so vor, als ob man noch immer voll im März feststeckt? Als ob sich die Erde kein Stück bewegt hat, als alles anfing zu bröckeln und auseinander zu fallen. Dieses Gefühl, sich keinen Milimeter bewegt zu haben und dennoch steht man gerade mit zwei Beinen fest im Dezember, kurz vor Weihnachten und Silvester. Kurz vor einem neuen Jahr und kurz vor einem strengen Lockdown.

2020 ist kurz gesagt ein unfassbar herausforderndes, aufwühlendes und kräfteraubendes Ungeheuer, welches nur schwer zu bändigen ist und viel mehr als nur die Krallen ausfährt. Alles schiesst in die Höhe: die Infektionszahlen, die Todesopfer und die verfickten Querdenker, die so viel Hass und Wut in mir entfachen, dass mein Standboxsack ordentlich einstecken muss und bei all den Tritten und Schlägen nur noch am Seufzen ist.

Für Menschen, die auch vorher schon mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten, wurde dieses Jahr zur reinsten Hölle: während es mir zum Beispiel im Frühjahr noch ganz gut ging, weil ich die Zeit ohne die stressige Arbeit genoß und einfach mehr auf mich achtete, spazieren ging und mich um andere Dinge kümmerte, sieht es seit Wochen ganz anders aus. Die Stimmung ist im Keller, einen Grund um das Bett zu verlassen ist schon gar nicht mehr vorhanden. Ich wohne alleine, sprich: ich habe keinerlei Verpflichtungen, um irgendwie halbwegs in die Gänge kommen zu müssen. Dazu kommt die aufkeimende Einsamkeit und die ständige Frage im Kopf, warum ich noch auf dieser Erde verweile. Um alleine in der Wohnung zu versauern? Um Steuern zu zahlen? Um mich von den ganzen niederschmetternden Nachrichten erschlagen zu lassen? Mir ist einfach der komplette Sinn abhanden gekommen. Traurigkeit, Leere, Antriebslosigkeit, aufflammende Schlafprobleme und noch so vieles mehr, was sich in letzter Zeit wieder mehr und mehr aufbaut und mich zur Verzweiflung treibt. Kurz gesagt: eine neue depressive Phase ist am Start und ich könnte nicht unglücklicher darüber sein.

Aber, um jetzt ein wenig das Ruder rumzureissen: auf dieser gewaltigen emotionalen Achterbahn in all den letzten Monaten gab es etwas, was mir enorm half, mich teilweise wieder auf die Füße brachte und anspornte. Die Rede ist hier natürlich von der Musik, wie soll es auch anders sein, stimmt’s? Ich werde an dieser Stelle keine Liste der besten Veröffentlichungen raushauen, dafür habe ich einfach zu viele neue Alben verpasst. Stattdessen stelle ich hier nur zwei Platten vor, die mir am allermeisten durch dieses katastrophale Jahr halfen:

Be Well

Das ist echt nicht überraschend, oder? Aber diese Band, die sich mit Confessional direkt in mein Herz und Hirn brannten, ist in meinen Augen etwas ganz Besonderes: Eine Band, die stets auf Augenhöhe mit den Fans kommuniziert und immer mal wieder mit fantastischen Ideen um die Ecke kommt, wie zum Beispiel das heutige Zoom Meeting. Entschuldigung, aber wie geil ist das denn bitte? Ein virtuelles Treffen, um 2020 gemeinsam zu verabschieden, ein gemütliches Abhängen, bei dem jede*r TeilnehmerIn selbst entscheiden kann, inwiefern man sich einbringen mag. Alles kann, nichts muss. Zurücklehnen, sich auf die B-Seiten freuen, die Brian McTernan, Shane Johnson, Aaron Dalbec, Peter Tsouras und Mike Schleibaum zum Besten geben werden. Via Chat, Mikrofon oder eben von Angesicht zu Angesicht Fragen stellen oder sich ins Gespräch einklinken. Oder eben als stille*r BeobachterIn die gute Stimmung einsaugen und lächelnd diesem besonderen Event beiwohnen.

Be Well. Eine Band, die mit The Weight and The Cost ein Album ablieferten, welches nicht tiefgründiger sein könnte: Sänger Brian McTernan verarbeitet in den Songs all das, was ihn schon sein ganzes Leben lang verfolgt und nicht loslässt: über seine bewegte Zeit als Heranwachsender, die depressiven Phasen mit all ihren hässlichen Facetten. Über all das, was ihn vom Inneren auffrisst und auf die Knie gehen gehen lässt. Eine erdrückende Mischung aus Schuldgefühlen, tiefsitzenden Ängsten, Hoffnungslosigkeit, bleiernder Leere und der Versuch der Selbstmedikation. Über all die Stolperfallen und das zermürbende Gefühl nicht mehr zu wissen, wer er eigentlich ist.

Ohne Zweifel eine mehr als schwere Kost, keine Frage, aber auf der anderen Seite befördert diese Platte eine unbändige Willenskraft ans Tageslicht: den Willen, nie aufzugeben. Den Willen, das Leben mit all seinen Schattenseiten anzupacken und die Akzeptanz gegenüber dieser heimtückischen Krankheit immer mehr auszubauen. Zu wachsen, zu lernen und Rückfälle auch Rückfälle sein zu lassen und weiterhin an gesteckte Ziele festzuhalten. Die Hoffnung nie ganz aus den Augen zu verlieren und sich mehr und mehr den Menschen um sich herum zu öffnen und das Stigma mit voller Wucht zu durchbrechen.

Be Well. Eine Band, die mich in so vielen schwierigen Momenten auffing. The Weight and The Cost ist ein wahrer Brecher und ich kann es wirklich kaum erwarten all meine Lieblingssongs (und das sind einfach komplett alle, die ich bisher hören durfte) endlich LIVE zu erleben und wer weiß, vielleicht klappt es dann ja mal mit einem weiteren Interview! Also, ehrlich: falls ihr Be Well aus irgendeinem Grund noch so gar nicht auf dem Schirm haben solltet, dann holt das bitte schleunigst nach. Absolute Empfehlung!

Ganz viel Liebe an Brian, Shane, Aaron, Mike und Peter und danke für alles. Internetherz!

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Nathan Gray

Ja, auch hier dürfte es niemanden überraschen. Ich bin einfach zu durchschaubar, oder? Nathan Gray hat sich ebenfalls einen lebenslangen Platz im Herzen gesichert und auch er lässt sich gerade in dieser schwierigen Situation so einiges für seine Fans einfallen, um einerseits den Lebensunterhalt für sich und seiner Familie so gut es geht zu sichern, aber auch um den Kontakt aufrecht zu erhalten, den er besonders bei seinen Konzerten ausgiebig zelebrierte. Dieser direkte Sprung von der Bühne und mitten rein ins Publikum, um Umarmungen zu verteilen, für unzählige Fotos parat zu stehen, Smalltalk zu führen und Autogramme zu geben. Ein Mann, der nicht wie viele andere MusikerInnen und Bands einfach nach dem letzten Song im Backstage verschwindet, sondern sich die Zeit nimmt und somit für lächelnde Gesichter sorgt- und das auf beiden Seiten.

Während es mit dem Vorgängeralbum Feral Hymns noch ziemlich düster zur Sache ging und es einen regelrecht zerfetzte, wenn man dazu noch all die Geschichten hörte die hinter den Lyrics stehen, erklingt mit Working Title eine ganz andere Seite von Nathan: auch bei diesem Album werden alte und neue Kämpfe aufgedeckt, dieser stetige Wandel zwischen der absoluten Finsternis und dem hoffnungsvollen Blick nach vorne. Eine gewisse Ausgeglichenheit zwischen Extremen und einer neu gefundenen Stärke. Die Stärke, seine traumatischen Kindheitserinnerungen zu verarbeiten und einen guten Weg zur Vergebung zu finden. Die Stärke, sich mit den gewaltigen Gefühlen, die ihn überkommen, abzufinden und auszuleben, sich nicht mehr in Alkohol und aufgestauten Aggressionen zu verlieren und dabei nahestehenden Menschen zu verletzen.

Nathan Gray hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Er achtet auf seine Ernährung, befreite sich von alten Lastern. Die Denkweise änderte sich, Sport wurde eine tragende Rolle, um den Kopf freizubekommen und sich mehr auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Sich gemachten Fehlern zu stellen, aufzuarbeiten und abzuhaken. Große und kleine Schritte nach vorne zu gehen, alles mitzunehmen, was sich auf seinen Weg befindet. Einbrüche hinzunehmen und sich auch einzugestehen, dass es völlig okay ist, wenn man mit seiner Kraft am Ende ist und sich dringend erforderliche Auszeiten nimmt.

Nathan Gray ist ein wunderbares Beispiel dafür, was man erreichen kann, wenn man sich seinen Ängsten zuwendet und nicht mehr versucht sich vor ihnen zu verstecken. Durch seine enorme Offenheit, gerade bei den Konzerten, konnte er so viele Menschen erreichen, die ebenfalls ähnliches erlebten und nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf steht. Seine Worte schmerzten, aber das in einer guten Art und Weise. Worte, die mitten ins Schwarze trafen, ankamen und mit nach Hause genommen wurden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er vielen dort draussen einen neuen Weg aufzeigte und eine Art Richtungsweiser für Menschen war, die genau danach verzweifelt suchten. Ein Geben und Nehmen auf Augenhöhe.

Working Title wirkt aufbauend und mitreißend zugleich. Ein Album, dass definitiv nichts schnörkelig schön redet, sondern einfach nur schonungslos offen daherkommt und vor Hymnen nur so strotzt. Nicht umsonst habe ich mir in diesem Jahr No way in hell I break, no way in hell tonight tätowieren lassen. Ein erinnern daran, bis zum bitteren Ende zu kämpfen, sich nicht brechen zu lassen und einen Schritt nach den nächsten zu setzen. Egal, wieviel Zeit es am Ende in Anspruch nehmen wird. Vielen Dank an Nathan für dieses Meisterwerk und für das konstante Durchbringen in schlaflosen Nächten und ausweglosen Situationen. Internetherz!

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